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Benutzer:K-nut/Fremdinfos

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Fremdinfos

welche für mich interessant sind

Bildung

Biologie - Tiere, Pflanzen, Umwelt,...

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Religion

säkularer Staat

Für weltanschauliche Neutralität

Entwurf: Seit der Aufklärung gehört Glaubens- und Gewissensfreiheit zu den Menschenrechten. Erstmals als gültiges Recht formuliert wurden diese Grundsätze in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Revolution im Jahre 1789 und in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776. In Deutschland wurde dieses in die Paulskirchenverfassung 1848 aufgenommen und ist heute selbstverständlicher und wichtiger Bestandteil des Grundgesetzes. Die UNO übernahm 1948 dieses elementare Freiheitsrecht in die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. In unserem Land wurde dieses Recht praktisch verankert durch eine Trennung von Staat und Kirche unter Beibehaltung einiger weniger Privilegien der Großkirchen, die anderen Religionsgemeinschaften unter bestimmten Einschränkungen ebenfalls gewährt wurden. Den sichtbarsten Ausdruck haben diese Sonderrechte im Körperschaftsstatus, dem Religionsunterricht in den Schulen und in der Möglichkeit des Kirchensteuereinzugs. Mit dem Mitgliederschwund der christlichen Kirchen und dem kontinuierlichen Zuzug moslemischer Mitbürger wachsen die Bedenken, gerade in christlichen Kreisen, den Moslems ebendiese Privilegien, insbesondere im Erziehungswesen zu gewähren, da man befürchtet, dass genau diese Privilegien gegen Glaubens- und Gewissensfreiheit eingesetzt werden könnten. Es mehren sich die Versuche die christlichen Traditionen gesetzlich zu verankern, indem man Gottesbezüge in Verfassungen aufnimmt, Sonderrechte für christliche Symbole, wie Kruzifixe zu verankern versucht und gleichzeitig selbst Kopftücher zu einem Angriff auf die Verfassung unseres Landes hochstilisieren will. Diese Auseinandersetzung bekommt spätestens dann groteske Züge, wenn Vertreter der katholischen Kirche, die selber Frauen religiöse Ämter verwehren, dem Islam unter anderem deswegen Frauenfeindlichkeit vorwerfen und das Christentum als Vorkämpfer und Garant der Aufklärung schöngeredet wird, als ob nicht Glaubens- und Gewissensfreiheit erst gegen den erbitterten Widerstand der christlichen Kirchen erkämpft werden musste. Verstärkung der Privilegien der christlichen Kirchen stellt keine Maßnahme zum Erhalt der Glaubens- und Gewissensfreiheit dar, sondern bedroht im Gegenteil dieses elementare Grundrecht in seinem Bestand. Die zunehmenden Bemühungen der Kirchen und christlicher Kreise in unserem Land den Einfluss auf das Bildungswesen zu verstärken stellen einen Angriff auf ein Grundrecht durch Missbrauch von Kirchenprivilegien dar. Diese Versuche finden auf mehreren Ebenen statt, sichtbarsten Ausdruck finden sie in Einschulungsgottesdiensten, Erteilung von Ethikunterricht durch Religionslehrer, Einflussnahme auf Lehrpläne. Auch das neuerlich von der Ministerin von der Leyen ins Gespräch gebrachte Bündnis für Erziehung reiht sich in diese Versuche ein. Religionsgemeinschaften verfügen keineswegs über eine natürliche, besondere Kompetenz im Erziehungsbereich, teils wird von ihnen in diesem Bereich sogar mit Ängsten gearbeitet und zur Intoleranz erzogen. Glaubens- und Gewissensfreiheit bedeutet für Kinder in erster Linie das Recht frei von religiöser Indoktrination aufzuwachsen, um sich später selbst entscheiden zu können ob und was man glauben will. Unser Land braucht keine Sondergesetze zur Abwehr von Bestrebungen religiös fundamentalistischer Kreise, seien diese christlich, moslemisch oder anderer Couleur, unsere bestehenden Gesetze und Regelungen genügen und eine konsequentere Anwendung der Grundsätze der Trennung von Staat und Kirchen reicht völlig aus. Bei einer konsequenteren Anwendung bestehender Grundregeln sollten Grauzonen verdeckter finanzieller Unterstützung abgebaut und informelle Verflechtungen und existierender christlicher Filz in Ämtern, Behörden und Schulen beseitigt werden. Wenn Anlass zum Nachdenken über eine Weiterentwicklung dieser Regeln besteht, dann kann es allenfalls um einen Abbau von Kirchenprivilegien gehen und nicht um eine einseitige Ausweitung der Privilegien der christlichen Großkirchen, hierbei ist in erster Linie daran zu denken einen historischen Schandfleck, das Konkordat zwischen der katholischen Kirche und der Hitlerdiktatur, zu beseitigen. Auch der Sonderparagraph 166 (Gotteslästerung) bedarf der Überprüfung, es kann nicht sein, dass der Gläubige einen Ungläubigen straflos verfluchen darf und der Ungläubige einen Gott nicht lästern darf, ohne bestraft zu werden. Dieter Bender

Kirchenkritik

heiliger Rock

Karikaturen

https://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/8/82/Jesus-mantel01.jpg

https://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/e/e0/Heiliger-Rock-Karikatur-1844.jpg

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kritische Texte

Unheiliger Rock

Die etwas andere Webseite zur “Heiligen Rock”-Wallfahrt nach Trier 2012. Seit dem 16. Jahrhundert finden Wallfahrten zum sogenannten “Heiligen Rock” statt und seitdem pilgerten Millionen von Menschen nach Trier, um sich Fragmente der angeblichen Tunika Jesu anzuschauen und zu bewundern. Während der Wallfahrt 1844 formulierte der katholische Priester Johannes Ronge in einen offenen Brief an den damaligen Trierer Bischof, “dass der Stifter der christlichen Religion seinen Jüngern und Nachfolgern nicht seinen Rock, sondern seinen Geist” hinterlassen habe. Dieses Sendschreiben blieb nicht ohne Folgen und wurde von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. In Folge schlossen sich immer mehr Menschen Ronges Gedanken an und Religionsgemeinschaften wurden gegründet, die einen Glauben schaffen wollten, “der von denkenden Menschen wirklich geglaubt werden kann”, wie es in einem Flugblatt 1851 formuliert wurde. Autoritätshörigkeit, Wunderglaube und Dogmenballast sollten einer freien Religion für freie Menschen weichen. In dieser Tradition stehend, entstanden in den folgenden Jahren und Jahrzehnten freie Religionsgemeinden, die selbstbestimmt und demokratisch verfasst, Vernunft und Religion miteinander verbanden, Menschlichkeit, gegenseitige Anerkennung und freie Religionsausübung zum Kern ihres Wesens machten und die auch heute noch Teil des religiösen Lebens in Deutschland sind. Vertreter dieser Gemeinden haben auf Unheiliger-Rock.de kritische Beiträge zur Trier-Wallfahrt 2012 zusammengstellt. Es ist den an dieser Webseite beteiligten Gemeinden ein Anliegen, deutlich zu machen, dass nicht der nach Trier pilgernde, gläubige Mensch im Mittelpunkt der Kritik steht – dies widerspräche dem hohen Toleranzbegriff der freien Religion. Wohl aber soll diese Webseite ein Beitrag zur Aufklärung und ein Aufruf zum selbständigen Denken sein.


Offenes Sendschreiben an den Herrn Wilh. Arnoldi, Bischof zu Trier

Laurahütte, den 1. Oktober 1844 Was eine Zeitlang wie Fabel, wie Mähre an unser Ohr geklungen, dass der Bischof Arnoldi von Trier ein Kleidungsstück, genannt der Rock Christi, zur Verehrung und religiösen Schau ausgestellt, Ihr habt es schon gehört, Christen des 19. Jahrhunderts, Ihr wisst es, deutsche Männer, Ihr wisst es, deutsche Volks- und Religionslehrer, es ist nicht Fabel und Mähre, es ist Wirklichkeit und Wahrheit. Denn schon sind, nach den letzten Berichten, fünfmalhunderttausend Menschen zu dieser Reliquie gewallfahrtet, und täglich strömen andere Tausende herbei, zumal, seitdem erwähntes Kleidungsstück Kranke geheilt, Wunder gewirkt hat. Die Kunde davon dringt durch die Lande aller Völker, und in Frankreich haben Geistliche behauptet: „Sie hätten den wahren Rock Christi, der zu Trier sei unecht.“ Wahrlich, hier finden die Worte Anwendung: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieren kann, hat keinen zu verlieren.“ Fünfmalhunderttausend Menschen, fünfmalhunderttausend verständige Deutsche sind schon zu einem Kleidungsstücke nach Trier geeilt, um dasselbe zu verehren oder zu sehen! Die meisten dieser Tausende sind aus den niederen Volksklassen, ohnehin in großer Armut, gedrückt, unwissend, stumpf, abergläubisch und zum Teil entartet, und nun entschlagen sie sich der Bebauung ihrer Felder, entziehen sich ihrem Gewerbe, der Sorge für ihr Hauswesen, der Erziehung ihrer Kinder, um nach Trier zu reisen zu einem Götzenfeste, zu einem unwürdigen Schauspiele, das die römische Hierarchie aufführen lässt. Ja, ein Götzenfest ist es, denn viele Tausende der leichtgläubigen Menge werden verleitet, die Gefühle, die Ehrfurcht, die wir nur Gott schuldig sind, einem Kleidungsstücke zuzuwenden, einem Werke, das Menschenhände gemacht haben. Und welche nachteiligen Folgen haben diese Wallfahrten? Tausende der Wallfahrer darben sich das Geld ab für die Reise und für das Opfer, das sie dem heiligen Rock, d. h. der Geistlichkeit spenden. Sie bringen es mit Verlusten zusammen oder erbetteln es, um nach der Rückkehr zu hungern, zu darben oder von den Anstrengungen der Reise zu erkranken. Sind diese äußern Nachteile schon groß, sehr groß, so sind die moralischen noch weit größer. Werden nicht manche, die durch die Reisekosten in Not geraten sind, auf unrechtmäßige Weise sich zu entschädigen suchen? Viele Frauen und Jungfrauen verlieren die Reinheit ihres Herzens, die Keuschheit, den guten Ruf, zerstören dadurch den Frieden, das Glück, den Wohlstand ihrer Familie. Endlich wird durch dieses ganz unchristliche Schauspiel dem Aberglauben, der Werkheiligkeit, dem Fanatismus und was damit verbunden ist, der Lasterhaftigkeit Tor und Angel geöffnet. Dies der Segen, den die Ausstellung des heiligen Rockes verbreitet, von dem es im übrigen ganz gleich ist, ob er echt oder unecht. Und der Mann, der dieses Kleidungsstück, ein Werk, das Menschenhände gemacht, zur Verehrung und Schau öffentlich ausgestellt hat, der die religiösen Gefühle der leichtgläubigen, unwissenden oder der leidenden Menge irre leitet, der dem Aberglauben, der Lasterhaftigkeit dadurch Vorschub leistet, der dem armen hungernden Volke Gut und Geld entlockt, der die deutsche Nation dem Spotte der übrigen Nationen preisgibt, und der die Wetterwolken, die ohnehin sehr schwer und düster über unseren Häuptern schweben, noch stärker zusammenzieht, dieser Mann ist ein Bischof, ein deutscher Bischof, es ist der Bischof Arnoldi von Trier. Bischof Arnoldi von Trier, ich wende mich darum an Sie und fordere Sie kraft meines Amtes und Berufes als Priester, als deutscher Volkslehrer und im Namen der Christenheit, im Namen der deutschen Nation, im Namen der Volkslehrer auf, das unchristliche Schauspiel der Ausstellung des heiligen Rockes aufzuheben, das erwähnte Kleidungsstück der Öffentlichkeit zu entziehen und das Ärgernis nicht noch größer zu machen, als es schon ist! – Denn wissen Sie nicht – als Bischof müssen Sie es wissen, – dass der Stifter der christlichen Religion seinen Jüngern und Nachfolgern nicht seinen Rock, sondern seinen Geist hinterließ? Sein Rock, Bischof Arnoldi von Trier! gehört seinen Henkern! Wissen Sie nicht, – als Bischof müssen Sie es wissen, – dass Christus gelehrt: “Gott ist ein Geist und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten?“ Und überall kann er verehrt werden, nicht etwa bloß zu Jerusalem im Tempel, auf dem Berge Garizim oder zu Trier beim heiligen Rocke. Wissen Sie nicht, – als Bischof müssen Sie es wissen, – dass das Evangelium die Verehrung jedes Bildnisses, jeder Reliquie ausdrücklich verbietet?, dass die Christen der Apostelzeit und der ersten drei Jahrhunderte weder ein Bild noch eine Reliquie (sie konnten deren doch viele haben!) in ihren Kirchen duldeten?, dass die Verehrung der Bilder und Reliquien heidnisch ist, und dass die Väter der ersten drei Jahrhunderte die Heiden deshalb verspotteten?. Z. B. heißt es (div. inst. II., c 2): die Bildnisse sollten doch eher, wenn sie Leben hätten, die Menschen verehren, von denen sie gemacht sind, nicht umgekehrt. (Nec intelligunt homines ineptissimi, quod si sentire simulacra et moveri possent, adoratura hominem fuissent a quo sunt expolita.) Endlich, wissen Sie nicht, – als Bischof müssen Sie auch dies wissen, – dass der gesunde kräftige Geist der deutschen Völker sich erst im 13. und 14. Jahrhundert durch die Kreuzzüge zu Reliquienverehrung erniedrigen ließ, nachdem man in ihm die hohe Idee, welche die christliche Religion von der Gottheit gibt, durch allerlei Fabeln und Wundergeschichten, aus dem Morgenlande gebracht, verdunkelt hatte? Sehen Sie, Bischof Arnoldi von Trier, dies wissen Sie und wahrscheinlich besser, als ich es Ihnen sagen kann. Sie kennen auch die Folgen, welche die götzenhafte Verehrung der Reliquien und der Aberglaube überhaupt für uns gehabt hat, nämlich Deutschlands geistige und äußere Knechtschaft, und dennoch stellen Sie Ihre Reliquie aus zur öffentlichen Verehrung! Doch, wenn Sie vielleicht dies Alles nicht wüssten, wenn Sie nur das Heil der Christenheit durch die Ausstellung der trierschen Reliquie erzielten; so haben Sie doch eine doppelte Schuld dabei auf Ihr Gewissen geladen, von der Sie sich nicht reinigen können. Ein Mal ist es unverzeihlich von Ihnen, dass Ihnen, dass Sie, wenn dem bewussten Kleidungsstücke wirklich eine Heilkraft beiwohnt, der leidenden Menschheit dieselbe bis zum Jahre 1844 vorenthalten haben. Zum anderen ist es unverzeihlich, dass Sie Opfergeld von den Hunderttausenden der Pilger nehmen. Oder ist es nicht unverzeihlich, dass Sie als Bischof Geld von der hungernden Armut unseres Volkes annehmen? Zumal Sie erst vor einigen Wochen gesehen haben, dass die Not Hunderte zu Aufruhr und zu verzweifeltem Tode getrieben hat? Lassen Sie sich im übrigen nicht täuschen durch den Zulauf von Hunderttausenden und glauben Sie mir, dass, während Hunderttausende der Deutschen voll Inbrunst (?) nach Trier eilen, Millionen gleich mir von tiefem Grauen und bitterer Entrüstung über Ihr unwürdiges Schauspiel erfüllt sind. Diese Entrüstung findet sich nicht etwa bloß bei einem oder dem anderen Stande, bei dieser oder jener Partei; sondern bei allen Ständen, ja selbst bei dem katholischen Priesterstande. Daher wird Sie das Gericht eher ereilen, als Sie vermuten. Schon ergreift der Geschichtsschreiber den Griffel und übergibt ihren Namen, Arnoldi, der Verachtung bei Mit- und Nachwelt und bezeichnet Sie als den Tetzel des 19. Jahrhunderts! – Sie aber, meine deutschen Mitbürger, ob Sie nahe oder fern von Trier wohnen, wenden Sie alles an, dass dem deutschen Namen nicht länger eine solche Schmach angetan werde. Sie haben Stadtverordnete, Gemeindevorsteher, Kreis- und Landstände, wohlan, wirken Sie durch dieselben. Suchen Sie ein Jeder nach Kräften und endlich ein Mal entschieden der tyrannischen Macht der römischen Hierarchie zu begegnen und Einhalt zu tun. Denn nicht bloß zu Trier wird der moderne Ablasskram getrieben, Sie wissen es ja, im Ost und West, im Nord und Süd werden Rosenkranz-, Mess-, Ablass-, Begräbnisgelder und dergl. eingesammelt, und die Geistesnacht nimmt immer mehr überhand. Gehen Sie alle, ob Katholiken oder Protestanten, an’s Werk, es gilt unsere Ehre, unsere Freiheit, unser Glück. Erzürnen Sie nicht die Manen Ihrer Väter, welche das Capitol zerbrachen, indem Sie die Engelsburg in Deutschland dulden. Lassen Sie nicht die Lorbeerkränze eines Huß, Hutten, Luther beschimpfen. Leihen Sie Ihren Gedanken Worte und machen Sie Ihren Willen zur Tat. – Endlich Sie, meine Amtsgenossen, die Sie das Wohl Ihrer Gemeinden, die Ehre, die Freiheit, das Glück Ihrer deutschen Nation wollen und anstreben, schweigen Sie nicht länger, denn Sie versündigen sich an der Religion, an dem Vaterlande, an Ihrem Beruf, wenn Sie länger schweigen und wenn Sie länger zögern, Ihre bessere Überzeugung zu betätigen. Schon habe ich ein anderes Wort an Sie gerichtet, darum für jetzt nur diese wenigen Zeilen. Zeigen Sie sich als wahre Jünger Dessen, der alles für die Wahrheit, das Licht und die Freiheit geopfert; zeigen Sie, dass Sie seinen Geist, nicht seinen Rock geerbt haben. Johannes Ronge, katholischer Priester

Von der Macht des Aberglaubens

Im Jahr 2007 fand im Frankfurter Dom eine eigentümliche Prozession statt, bei der eine Reliquie im Kircheninnern herumgetragen wurde. Wegen des Museumsuferfestes musste man sich darauf beschränken und auf eine Prozession durch die Gassen verzichten. Es handelt sich dabei um die Neuauflage einer Wallfahrt, die der Schädeldecke des Apostels Bartholomäus gilt. Obwohl man nicht weiß, wie viele es davon gibt, hat sich die katholische Kirche entschlossen, ein Patronatsfest des Apostels für die Frankfurter Domgemeinde einzurichten und so zu tun, als hätte es schon immer eine Wallfahrt mit Prozession gegeben. Seit der Reformation hätte die Freie Reichsstadt eine solche kategorisch untersagt und noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg war davon keine Rede. Das besagte Frankfurter Ereignis – oder sollte man nicht besser von Event sprechen? – kann nicht isoliert betrachtet werden. Schon beim sogenannten Weltjugendtreffen in Köln hat Papst Benedikt XVI. die Verehrungswürdigkeit der Gebeine der heiligen drei Könige betont und Köln nach Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela als vierten bedeutendsten Wallfahrtsort hervorgehoben. Man könnte sich mit Recht die Frage stellen, ob die katholische Kirche zum vorreformatorischen Reliquienverständnis und seinem Kult zurückkehrt. Oder hat sie dieses nie verlassen? Wallfahrtsorte vermitteln stets den gleichen Eindruck: Aus verschlafenen, entlegenen und völlig unbedeutsamen Orten wurden modernste „Dienstleistungszentren“. Beispielhaft ist das bosnische Medugorje. Diesen seit 1981 bestehenden Wallfahrtsort haben bis heute etwa fünfzehn Millionen Pilger besucht. Was war geschehen? 1981 erschien sechs Jugendlichen auf einem Berg die Muttergottes und seitdem täglich. Der Andrang, der sofort einsetzenden Massenwallfahrt war so groß, dass schon ein Jahr später die Erscheinungen Mariens – wie es tatsächlich im amtlich-kirchlichen Führer steht – in die im Tal gelegene Kirche „verlegt“ wurden. Was für eine Verlegenheit! Man kann also eine göttliche Vision aus praktischen oder geschäftlichen(?) Gründen einfach verlegen! Das kann man nicht kommentieren. Auf jeden Fall staunt man, wenn man durch das noch vom letzten Krieg gezeichnete Bosnien fährt und in den Landkreis kommt, in dem Medugorje liegt, wie modern und hoch entwickelt die gesamte Infrastruktur dieser Gegend ist. So mancher westdeutsche Landkreis und so manche Kleinstadt würde vor Neid erblassen. Das Geschäft mit dem Pilgerwesen ist unübersehbar. Mir fallen dabei unwillkürlich zwei Beispiele aus längst vergangener Zeit ein: Stellen Sie sich ein völlig verschlafenes und armseliges Bergdorf Burgunds im hohen Mittelalter vor. Arm war man in der Tat, aber vielleicht doch nicht so verschlafen, denn man fand zufällig die Gebeine der heiligen Maria Magdalena, und da der Ort ebenso zufällig an einem der Jakobswege nach Santiago de Compostela lag, war das Geschäft perfekt: Das Pilgergeld floss in Strömen. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten konnte eine der schönsten romanischen Kathedralen errichtet werden, die von Vézelay. Es erwies sich für diesen Wallfahrtsort als nicht hinderlich, dass in Aix en Provence eine Zweitausgabe der Gebeine der Maria Magdalena verehrt wurde. Der damalige Papst, vor dieses Dilemma gestellt, bemerkte lakonisch, die wahren Gebeine würden sich durch ihre Wundertätigkeit erweisen – und das taten sie beide! Das zweite Beispiel aus dem hohen Mittelalter führt uns in die nordfranzösische Provinz. Stellen Sie sich wiederum eine arme, unbedeutende Diözese mit einem genau so schäbigen Bischofssitz vor. Man hatte auf einmal zufällig – erworben, gekauft, gefunden, niemand weiß es mehr – das Hemd, das Maria trug, als das Christuskind zur Welt kam. Das war eine tolle Sache. Das Pilgergeld sprudelte auch hier so stark, dass in wenigen Jahrzehnten die vielleicht bedeutendste französische Kathedrale gebaut werden konnte: die von Chartres. Die Welt der Reliquien ist eine ganz seltsame. Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu geben, das Göttliche in Gegenständen erblicken zu wollen, um Heil und Erlösung von allen Schwernissen zu erhalten. Das wäre als solches nicht zu verurteilen, wenn nicht Betrug und Geschäftemacherei dahinter stünden und ein eindeutiges Bestreben, jene gutgläubigen und bedürftigen Menschen in einer gewissen Dummheit zu halten. Der Gang in die Welt der Reliquien ist nicht einer allein in das Mittelalter, sondern er erstreckt sich bis in unsere Tage. Er fand seine Grundlage in der Spätantike, als sich das Christentum schriftlich und organisatorisch zur Kirche ausbildete. Zu jener Zeit, also 4. bis 5. Jahrhundert, entstanden auch zwei mehr als fragwürdige Schriften: die Apostelgeschichte und die Kirchengeschichte des Eusebius. Gerade in letzterer wird das sogenannte frühchristliche Märtyrertum, über weite Strecken frei erfunden, zum festen Glaubensinhalt der sich ausbildenden neuen Kirche. Die Völkerwanderung und die arabische Expansion machte in Europa vieles davon zunichte, so dass sich die Karolinger, insbesondere Karl der Große, zu einer spezifischen Aufgabe gedrängt sahen: den Wiederaufbau der christlichen Kirche. Daran gingen sie mit Energie, zum einen, um ihre Macht zu legitimieren und zu sichern, und zum anderen, um über eine vorgeschobene Missionierung sich neue Territorien und Gebiete anzueignen. Neben beachtlichen organisatorischen Leistungen und bedeutenden bildungsmäßigen Einrichtungen kam es zum ersten Großeinsatz von Reliquien, die gleichsam die Frömmigkeit, ja, die Heiligkeit des Herrschaftssystems untermauern sollten. So stattete Karl der Große seine Pfalzkapelle zu Aachen, der Maria geweiht, mit besonderen Reliquien aus: dem Umstandskleid Mariens, den Windeln Jesu, dem Lendentuch Jesu und dem Tuch, auf dem der Kopf Johannes des Täufers lag. Natürlich durften auch das Blut Jesu, Teile des Kreuzes und die Kreuzesnägel nicht fehlen. Eine beachtliche Reliquiensammlung ist damals zusammengetragen worden. Der Ort der fränkischen Königskrönung wurde zugleich zu einem heiligen Ort. Dazu trat ein seltsamer Umstand ein, die Reliquien verschwanden, ob sie versteckt wurden oder zu Grunde gingen, ist nicht zu sagen, auf jeden Fall wusste kein Mensch mehr von ihnen, bis sie ganz plötzlich wieder entdeckt wurden. Ähnliches wird auch vom Heiligen Rock zu Trier berichtet. Dies ist in jedem offiziellen Führer nachzulesen. So soll die für Vieles strapazierte Heilige Helena, die Mutter Konstantins des Großen, zur Reliquiensuche nach Palästina gereist sein und nach einigem Suchen das Kreuz Jesu, den heiligen Rock, um den die Schächer gewürfelt haben und noch vieles andere mehr gefunden haben. Letztlich verschwand alles, um Jahrhunderte später auf einmal wieder aufzutauchen. Der Heilige Rock zu Trier wurde 1196 wieder entdeckt und ausgestellt, wenige Jahre später war er nicht mehr auffindbar. Aber 1512 wurde er auf Wunsch Kaiser Maximilians I. wieder aufgefunden und ausgestellt u.s.w. Entweder war das Ganze so wichtig und bedeutsam, dann wäre es in den Geschichtsaufzeichnungen der Stifte und Klöster bewahrt geblieben, oder es war der Willkür eines Bedarfs ausgeliefert, der, je nach Interessenlage, die heiligen Objekte benötigte oder sie wieder in den Kellern verschwinden ließ. Gesichert ist eines: All die frommen Erzählungen über die Heiligen und die Märtyrer, unter anderem auch die Geschichten um die Heilige Helena, entstammten der Feder Jacobus a Voragine, Erzbischof und kirchenlateinischer Schriftsteller aus Genua. Sie gingen unter dem Titel der „Legenda aurea“ nicht nur in die Geschichte ein, sondern sie wurden als bare Münze aufgefasst und immer wieder in die Geschichte eingetragen. Das Zeitalter, in dem die „Legenda aurea“ verfasst wurde, war das der Kreuzzüge. Auf diesen wurde das eigentliche Reservoir der Reliquien gefunden. Man hat ausgerechnet, dass man allein von den Splittern des Kreuzes Jesu ein Kriegsschiff hätte bauen können, und dass die Nägel vom Kreuz viele Zentner wogen. Den Kreuzfahrern wurde im Vorderen Orient alles angeboten, und sei es noch so obskur, was irgendwie im Scheine der Heiligkeit stand. Eine kleine Auswahl: der Gürtel Jesu, der Gürtel Mariens, die Haare Mariens und die von Johannes dem Täufer – alle vier Objekte sind Teil des Aachener Domschatzes; aber auch Entlegenes oder Geschmackloses, wie das Heu aus der Krippe Jesu, das heilige Heu wird noch heute im Niederösterreichischen Gaming verehrt, oder die Brosamen vom letzten Abendmahl, auch in Gaming zu bestaunen und als besonderer Clou wird die Muttermilch Mariens, die sacro latte, in Montevaschi (Toskana) und in Orviedo (Spanien) verehrt. Vor allem aber wurde der Bedarf an heiligen Gebeinen oder Gebeinteilen im 12. und 13. Jahrhundert zu einem wahren Wirtschaftszweig. Jedes Stift, jedes Kloster, aber auch jede einzurichtende Wallfahrtsstätte benötigte Reliquien, um Ansehen und Einkünfte zu halten, zu steigern oder neu zu erschließen. Ich stehe immer etwas fassungslos vor der Frage, warum die Kirche nicht das Handelsmonopol für die Reliquien inne hatte, sondern die Angebote dem freien Handel überließ. Hatte es vielleicht ähnliche Gründe wie das Anheuern einer bestimmten Gilde von Schaustellern, die, als Krüppel getarnt, spontane Heilungen vor ausgestellten Reliquien spielten und dann sofort verschwanden? Es fällt uns heute ungemein schwer, das Mittelalter und seine Nachwirkungen in die Neuzeit hinein zu verstehen. Es ist vor allem die seltsame Gläubigkeit, die zwischen weltlichen und sakralen Bezügen so zerrissen erscheint und ein schon immer vorhandenes Aufklärungs- und Reformbestreben, das in die Abgründe eines unvorstellbaren Aberglaubens zu fallen drohte, die unsere Begrifflichkeit jener Zeitläufe so unzulänglich machen. Gläubigkeit hin, Aufklärung her, der Betrug mit den Reliquien war offensichtlich und das Geschäft mit dem Aberglauben unübersehbar. „Von neunzehn überprüften Heiligen existierten in Kirchen und Kapellen 121 Köpfe, 136 Leiber und eine Fülle anderer Glieder. Der heilige Erzmärtyrer Stephanus besaß einmal dreizehn Arme, der Apostel Philippus ein Dutzend, der heilige Vinzenz zehn, der Apostel Andreas 17. Die heilige Agatha soll ähnlich aufgeteilt sein: Ihre Brüste, angeblich um 251 n.Chr. schwer gefoltert, sind noch in Catania, Rom, Paris, Capua als Reliquien vorhanden.“ (Horst Hermann, „Lexikon der kuriosesten Reliquien“, Berlin 2003, S. 140). Was diese Seltsamkeiten nicht in der Lächerlichkeit oder der reinen Geschmacklosigkeit belässt, war der Gewinn, den man aus ihnen zog. Mittels des Ablasses ließen sich Unsummen von Einkünften erreichen. Was war denn der Ablass? Ausgehend von der Vorstellung, dass der Mensch nach seinem Tode in den seltensten Fällen gleich in den Himmel oder die Hölle kam, und dass fast alle erst in das Fegefeuer mussten, bot sich die Überlegung an, durch die Fürsprache der Heiligen, die ja in den Reliquien präsent waren, jenen möglichen Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Um das für die Gläubigen abzusichern, war eine Bezahlung von Nöten. Damit war die Handelsgrundlage gegeben: Geld für den Ablass, das hilft dem Nachlass der Sünden zur Verkürzung des Fegefeueraufenthalts. Diese Praxis schuf die Grundlage für ein Finanzierungssystem, mit dem sich vielerlei erreichen ließ. Der gesamte Kirchenbau des Mittelalters wurde damit zu einem guten Teil erst ermöglicht, aber auch viele andere kirchliche und vor allem päpstliche Unternehmungen wurden davon getragen. Auch weltliche Fürsten griffen gerne auf die Ablasspraxis zurück, um ihren zweit- oder drittgeborenen Kindern eine standesgemäße kirchliche Stellung zu ermöglichen. Das eintrainierte Sündenbewusstsein der Menschen und ihre Sehnsucht nach Erlösung trieb Unmengen Geld in die Ablasskassen. Seltsamerweise war es nicht nur die systematische Verblödung des Volkes, wie man heute etwas unscharf sagen würde, die das ermöglichte, sondern es waren auch gebildete Menschen, die dem Reliquienkult anhingen. Zwei Beispiele aus der späten Zeit des Mittelalters können dies verdeutlichen. Zunächst war es Friedrich der Weise (1463-1525), Kurfürst von Sachsen, Schutzherr Martin Luthers, hoch gebildeter Humanist und unbeirrbarer Katholik, der eine der größten Reliquiensammlungen überhaupt anlegte, und zwar für die Reliquienkapelle zu Wittenberg. Dies geschah zur gleichen Zeit, als sein Schützling Luther auf das Heftigste gegen jede Reliquienverehrung wütete. „Der Geheimsekretär des Kurfürsten, Georg Burckhardt aus Spalt bei Nürnberg, verständnisvoller Anwalt Luthers am kursächsischen Hof, verschaffte seinem Fürsten die seltsamsten Reliquien für die Allerheiligenkapelle und führte Buch über das Anwachsen der Sammlung: Von 5262 Stücken im Jahr 1513 steigerte sich die Sammlung auf 17443 im Jahr 1518 und erreichte ihren Höhepunkt 1520 mit 18970 Teilen. Die auf diesen liegenden Ablässe betrugen insgesamt 1.902.202 Jahre und 270 Tage.“ (o.a. Lexikon, S. 176) Wie kann ein Mann, ohne den Martin Luther nie seine Reformation hätte durchziehen können, zur gleichen Zeit einen solchen Reliquienkult betreiben, der gerade der Hauptauslöser für das Reformations¬bestreben war? Einen anderen Fall hatten wir bei einer Fahrt des Kunstkreises nach Aschaffenburg in der Ausstellung „Cranach im Exil“ kennen gelernt: Albrecht von Brandenburg, 1490-1545, Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Erzbischof von Magdeburg, Bischof von Halberstadt, Kardinal – alles Positionen, die zusammen genommen und in Anbetracht des jugendlichen Alters des Fürsten teuerste Dispense von Nöten machten – und dadurch Feindbild Martin Luthers geworden, hatte in Halle an der Saale eine Bettelordenkirche zu einem Heiltum umgewidmet. Es waren nicht nur Dutzende von Altären, teilweise von Grünewald und vor allem von Lukas Cranach geschaffen, sondern es war die Anzahl von Reliquien, die die unglaubliche Zahl von Ablässen einbrachten, die sich auf 39 Millionen Jahre erstreckten. Der Aberglaube scheint keinen Boden zu haben und keine Grenzen zu besitzen. Dies gilt besonders für die Vorhaut Jesu, das praeputium, Lukas 2,21 berichtet von der Beschneidung des Knäbleins. Mittelalterliche Theologen haben sich tatsächlich mit der Frage beschäftigt, ob Christus mit oder ohne Vorhaut in den Himmel aufgefahren sei. Grund genug, nach einer solchen Reliquie zu suchen, man wurde fündig, und das dreizehn Mal. Zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass der Vatikan 1900 die Verehrung der Vorhäute verboten hat; in Aachen, das eine solche besitzt, war man darüber bestimmt traurig. Sollen noch die unzähligen heiligen Blutreliquien, Hostienwunder und dergleichen angeführt werden? Ich möchte den Ausflug in die Welt des Aberglaubens mit der Erwähnung einiger besonderer Ausstellungsgüter der Halleschen bzw. Wittenbergischen Reliquiensammlungen beenden: das Fett des heiligen Laurentius, das bei der Bratfolter vom Rost getropft sein soll, das Wachs von der Sterbekerze Mariens, die ägyptische Finsternis in Flaschen, der Atem Jesu, der Kot der Palmeselin, auf der Jesus nach Jerusalem geritten ist, und zum Schluss: Eier und Federn des Heiligen Geistes. Die letztgenannten Reliquien aus der Halleschen Sammlung befinden sich nunmehr in Mainz. – Ich glaube nicht, dass man sie zu sehen bekommt. Dr. Manuel Tögel (2007) Unitarische Freie Religionsgemeinde K.d.ö.R., Frankfurt am Main (gegr. 1845)


Zitate aus dem “Pfaffenspiegel”

S. 10f : Die Kirche blieb nicht zurück. Die alten und bereits beiseite gestellten Dogmen und Reliquien wurden aus der römischen Rumpelkammer wieder vorgesucht, und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten Jahrhunderts die gläubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen Rock Christi anzubeten. Die Rockfahrt nach Trier empörte selbst die gebildete katholische Welt. In den von Robert Blum inspirierten sächsischen Vaterlandsblättern erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine große Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch bedeutendere Folgen gehabt haben würde, wenn die Leiter derselben ihrer Aufgabe mehr gewachsen gewesen wären. Sie hatten guten Willen, aber zu wenig Talent. Ich teilte die Hoffnungen vieler und beschloß, mein Teil zur Erfüllung derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien hatten mich mit Dingen näher bekanntgemacht, welche dem Volk von den seine Erziehung eifersüchtig bewachenden Priestern sorgfältig verhehlt oder nur verstümmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden. Ich hatte die Schriften der “Kirchenväter” und die der geachtetsten Kirchenschriftsteller zu lesen, und je mehr ich las und forschte, desto mehr wurde mir die Nichtswürdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar, welches die römische Kirche an der Menschheit verübt hatte, desto mehr erstaunte ich über die unerhörte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein, daß die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in der Kirche wurzelte und daß all unsere Bestrebungen zur Freiheit ohnmächtig sein würden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte. S. 90:. Solcher ungenähter Röcke zeigte man eine ganze Menge, unter anderm zu Trier, Argenteuil, St. Jago, Rom und Friaul usw. Die größte Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstücks in Trier im Jahre 1845, welche die ganze gebildete Welt empörte, veranlaßte eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke, und es erschienen mehrere darauf bezügliche Broschüren, die noch im Buchhandel zu haben und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Röcke haben eine wohlbezahlte päpstliche Bulle für sich, in denen ihre Echtheit bezeugt ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Bestätigung der Echtheit mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug. S. 98f: Seitdem ist aber viel an diesem Loch (gemeint das Loch im Glauben, das durch die Reformation gerissen wurde) geflickt worden, und dieser geflickte Glaube zeigte sich fast stärker als selbst im dunkelsten Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maßregel, die Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen erlebten wir es, daß noch im Jahre 1844 eine Million Wallfahrer nach Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu küssen, der für den Leibrock Jesu ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuze würfelten. Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier großes Ärgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr gelehrte und verständige Männer gaben sich die eigentlich überflüssige Mühe, nachzuweisen, daß dieser “heilige Rock” nichts vor den noch existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafür brachten die Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es nicht für nötig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren. S. 100: Der Erzbischof Arnold von Trier geriet in nicht geringe Verlegenheit, als ihm von zwei Gegenpäpsten zwei Pallien zugeschickt wurden, natürlich mit doppelter Rechnung. Wie er sich aus der Verlegenheit zog, weiß ich nicht, vielleicht durch den heiligen Rock. Sein Nachfolger, Bischof Arnoldi, der 1844 diesen alten Kittel ausstellte, wäre sicherlich nicht um lumpige 60 000 Gulden in Verlegenheit gewesen. Eine Million Wallfahrer, jeder taxiert zu fünf Silberlingen, macht 166 0666 Taler preußisch Kurant oder 300 000 Gulden. Otto von Corvin: Der Pfaffenspiegel, 1845


Der gemanagte Rock

Unter dieser Überschrift berichtet “Der Spiegel” Nr. 16/59 über die Ausstellung des Heiligen Rockes zu Trier, welche für die Stadt ein gesegnetes Fremdenverkehrs-Jahr bedeuten wird, da man täglich bis zu 50.000 Pilger gegen angemessenes Entgelt mit Obdach, Nahrung, Andenken und Erbauung versehen will. Bischof Matthias Wehr nannte den Rock “das größte Denkmal, das die Menschheit von Jesus besitzt”. Die letzte Schaustellung 1933 führte 35 Bischöfe und 2,2 Mill. Pilger nach Trier. Diesmal erwartet man 3 bis 4 Mill. Schaulustige. “Der Spiegel” berichtet, daß Historiker und katholische Theologen keinen Hehl daraus machen, daß das Gewand überaus dubios ist. Angeblich wurde es von der römischen Kaiserin St. Helena, der Konkubine des Konstantius, gefunden, die aus Palästina noch weitere Textil-Heiligtümer wie das Hemd der Jungfrau Maria mitbrachte. Die hlg. Helena schenkte diese Funde ihrer Geburtsstadt Trier und fügte noch hinzu: Die Knochen des Apostels Matthias, einen Nagel des Herrn, einen Zahn des Hlg. Petrus,  die Sandalen des Hlg. Andreas und den Kopf des Papstes Cornelius. Die erste öffentliche Rockschau fand jedoch erst 1512 in Anwesenheit  Kaiser Maximilians I. statt. Vorher hatte man immer Bedenken, daß, wer das Gewand Christi schaue, mit Blindheit geschlagen werde. Als der Kaiser zum Reichstag nach Trier kam, ließ er das verschollene Gewand suchen, was dann auch prompt gefunden wurde. Zeitgenosse Ullrich von Hutten urteilte schlicht “ein altes lausiges Wams”. Reformator Martin Luther sagte es noch deutlicher: “große Bescheißerey, ein Teufelsmarkt zu Trier, ein verführlich, lügenhaft und schändlich Narrenspiel”. Die Bonner Professoren von Sybel und Gildemeister stellten in einer wissenschaftlichen Untersuchung 1844 fest, daß es 20 andere Heilige Röcke, z.T. mit päpstlicher Bestätigung gäbe, darunter in Rom, Jerusalem, Moskau, Santiago, Oviedo, Gent, London, Mainz, Köln, Frankfurt, Bremen, Loccum, und Argenteuil. Den Professoren wurden damals von empörten Katholiken die Fenster eingeworfen. Bischof Hommer von Trier erklärte seinerzeit: “Völlige Gewißheit über die Echtheit des Heiligen Rockes dürfen wir nicht fordern.“ Domkapitular von Wilmowsky sagte öffentlich vor 100 Jahren, die Reliquie sei nur ein byzantinisches Seidengewebe, das evtl. einen Lappen des Hlg. Rockes umhülle. Von einem wirklichen Gewand hat schon die bischöfliche Untersuchung von 1890 nicht mehr gesprochen.. Die Kirche hat auch bis heute Untersuchungen mit modernen Methoden verboten. Die Kirche exerziert in Trier  eine verwegene Gedankenakrobatik: Sie ruft Millionen Gläubige ausdrücklich zur religiösen Verehrung des Hlg. Rockes auf, erklärt aber gleichzeitig, daß dies kein Akt des Glaubens sei. Die Manager der großen Show machen Reklame wie beim Kölner Karneval und Münchener Oktoberfest. Die ganze Stadt verwandelt sich in ein Gasthaus. Die Stadtverwaltung hat 45.000 DM für die Wallfahrts-Sonderwerbung und 400.000 DM für benötigte Bauvorhaben hierzu bereitgestellt. Allein für 200.000 DM werden Bedürfnisanstalten errichtet. Auch die Landesregierung von Rheinland-Pfalz hilft nach Kräften, und zwar nach gutem Vorbild von 1933, wo die SA mit Kapellen und Fahnen die Wallfahrt begleitete und Gauleiter Simon vor dem Hlg. Rock kniete. In seiner Nachfolge wird es diesmal der Herr Bundeskanzler tun. Papst Johannes XXIII. hat den Pilgern vollkommenen Ablaß von allen Sünden gewährt. Der Bischof steuert den Devotionalien-Handel und vergibt Güteprädikate für Autoschlüssel, Bierseidel, Tabakspfeifen und Busentücher mit dem Bild des Hlg. Rockes. Die Pilger können auch Madonnen aus Porzellan kaufen, die dann mit dem Hlg. Rock berührt werden. Jeder Teilnehmer kauft ein Pilgerbüchklein für 1,- DM, das beim Eintritt in den Domhof abgestempelt wird. Hier wird sich für den Bischof eine sehr große Einnahme ergeben. Gegen diesen Artikel im “Spiegel” hat der Innenminister von Rheinland-Pfalz Strafanzeige wegen Religionsbeschimpfung erstattet. Aber vielleicht geht es ihm so, wie dem Kardinal von München, der in einer ähnlichen Angelegenheit gegen den „Simplizissimus“ vom Gericht abgewiesen wurde. Dr. Karl Becker, (1959) Freireligiöse Landesgemeinde Württemberg


Wunder aufs neue?

Ach, was leben wir doch in schönen Zeiten oder nicht?  Es wird wieder heilig gesprochen, dazu  bedarf es natürlich einiger Wunder, und das, was schon heilig ist, bleibt auf jeden Fall wunderbar oder doch eher wunderlich? „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“ Ich liebe dieses Zitat aus dem Faust, aus jener Szene, als Faust durch Chorgesang von seinen Selbsttötungsvorbereitungen abgelenkt wird. Natürlich kommt gleich darauf das erste Wunder, Mephisto erscheint und er ist es, der von da an im Drama die Wunder fabriziert. Vielleicht sollte die katholische Kirche genauer die deutschen Klassiker lesen, bevor sie weiter auf Wunder setzt, um heilig zu sprechen oder Hoffnung macht durch Ausstellung von Reliquien, die ihren „Wert“ (in barer Münze) auch erst durch Erzeugung von Wunder gewinnen. Naturwissenschaften kennen keine Wunder. Außergewöhnliche, vorläufig unerklärliche Ereignisse sind nicht Verstösse gegen Naturgesetze. Sie sind eher Hinweise auf Lücken in den bisherigen Theorien, die ergänzt bzw. genauer gefasst werden müssen. Da Naturwissenschaften mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, bedeutet das ferner, dass auch das unwahrscheinlichste Ereignis, sofern sein Wert nur minimal über Null liegt, morgen schon eintreten kann. Dass wir zwei GAUs bei Atomkraftwerken innerhalb 25 Jahren erlebten, schwerere Störfälle unterhalb der GAU-Stufe noch mehr, zeigt, wie wenig Aussagen wie: sowas kann einmal in 100 000 Jahren passieren, hilfreich sind. Nicht umsonst verzichten Wissenschaftler inzwischen auf derartige Aussagen. Ähnliche unerklärliche Geschehen vor allem im Bereich von Heilungen (wo bei Krebs etwa von sogenannten Spontanheilungen gesprochen wird) gelten allerdings bis heute als Wunder. Andere Wunder, bzw. Ereignisse, die als solche bezeichnet werden, sind etwa die Rettung aus Notlagen entgegen der Wahrscheinlichkeit, z.B.  wird nach einem Erdbeben nach 10 Tagen noch jemand lebend aufgefunden. Über eine weitere Wunderkategorie dürfen alle Menschen (zumindest die mit Internetzugang) sogar inzwischen abstimmen. Hier handelt es sich um herausragende kulturelle Schöpfungen oder Naturphänomene, die gemeinhin als Weltwunder bezeichnet werden. Die Antike kannte nur sieben, heute dürfen es schon deutlich mehr sein, immerhin hat sich die Welt, die wir im Blick haben, seit der Antike deutlich vergrößert. Diese letzte Kategorie spielt aber im Bereich des Religiösen keine Rolle. Dort sind jene unerklärlichen Ereignisse wie Spontanheilungen und Rettungen gefragt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich dabei der Wunderbegriff auf positive Ereignisse eingegrenzt hat. Noch im Mittelalter war der Blitzschlag, der einen bösen Menschen traf, auch ein Wunder. Heute wird nur noch das Positive als solches gezählt. Korrekt besehen kennen Hochreligionen wie Buddhismus oder die monotheistischen Religionen keine Wunder als Zeichen des Heiligen mehr, denn ihr Glaube an Gott (in den monotheistischen Religionen) muss unabhängig sein von irgendwelchen Zeichen ihres Gottes. Aber die wenigsten Gläubigen leben nach solch strengen Lehren. In den meisten Religionen verankern Menschen im Alltag ihren Glauben noch gerne über Wunder und werden dafür getadelt. Nicht alle Religionen sind da so „offen“ für den gewöhnlichen Gläubigen wie der Katholizismus, der sich explizit mit Wundern beschäftigt. Er braucht sie ja auch als Anlass zur Selig- und Heiligsprechung, denn diese sind ohne nachgewiesene Wunder nicht vorzunehmen. Die Bedingungen für das, was als Wunder durchgeht, sind streng, allerdings widersprüchlich. Die Faszination durch Wunder heute Wir wissen heute mehr über die Welt als früher, die Vorstellungen der Wissenschaften sind überallhin vorgedrungen, wissenschaftliches Denken und Arbeiten werden inzwischen sogar im Kindergarten gefördert. Und doch ziehen Blutwunder (die angebliche Verwandlung von festem getrockneten Blut ins flüssiges) bis heute die Massen an, wurden vor nicht wenigen Jahren Tausende Liter Wasser aus einer angeblichen Wunderquelle abgezapft, bis diese geschlossen wurde. Das geschah in Deutschland, nicht in einem Land der Dritten Welt, in dem Analphabetismus und mangelnder Bildungszugang vieler solches Handeln eher erwarten ließe. Ist es der Rest des Unerklärlichen, das Menschen an sogenannten Wundern fasziniert oder die Hoffnung, ihnen könne im vergleichbaren Falle auch so ein Wunder zustoßen? Oder brauchen sie Wunder als Abwehr allzu sachlicher Erklärungen, als Zeichen eines „Behütetseins“ in der Welt? Wahrscheinlich suchen Menschen da von allem etwas. Zu beobachten ist, dass es vor allem Krisensituationen sind, in denen Menschen auf Wunder hoffen. Schwere Erkrankungen, Tod nahestehender Personen, Zerbrechen von Familien, Arbeitslosigkeit, bedrohliche Naturereignisse, die Hab und Gut  und Angehörige nehmen, in solchen Zeiten blühen die Wunder und die Suche nach ihnen. Es tröstet, dass wenigstens ein Mensch bei einem schweren Erdbeben gerettet werden kann. Aber was ist mit all den anderen, für die Hilfe zu spät kam? Wurden sie nicht „behütet“ oder hatten sie was angestellt? Oder bei einem Bergwerksunglück in Chile wurden alle verschütteten Bergleute gerettet, auch ohne Hinweis, ob die einen gut lebten, die anderen schlechte Menschen waren, und da war es die menschliche Ingenieurskunst und der Durchhaltewillen der Verschütteten, die sie wieder ans Tageslicht brachten. Ein Wunder? Nicht nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit. Nun werden bei der neuen Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier keine Wunder versprochen oder gar erwartet, aber so heißt es in der Ankündigung , man glaube darauf dass auch heute Jesus „erlösend und heilend am Werk“ sei. Die Einheit der Christenheit ist dabei das Ziel laut Kirchenoberen, aber was ist mit den einzelnen Personen, die sich auf den Weg machen aus allen möglichen schwierigen Situationen heraus? Ich erinnere mich nach einer freireligiösen Radioansprache erhielt ich einen Anruf. Genau erinnern an das Thema kann ich mich nicht mehr, da ich die Aufnahme immer ein paar Tage zuvor abliefern muss, aber der Anruf prägte sich mir ein. Ein Mann rief an, der nach seinem Bericht plötzlich blind und gelähmt wurde, ohne Hoffnung durch die Ärzte auf eine Heilung, und der selbst weiter an einer möglichen Genesung festhielt, alle Wallfahrten mitmachte und auf ein Wunder hoffte, seine Umgebung mit ihm. ER bedauerte mich, da ich mich in der Senund als Nicht-theistin und Humanistin bezeichnete hatte, wie ich denn ohne einen solchen Glauben überhaupt leben können. Im Gespräch wurde mir deutlich, dass er auch aus seiner grausamen Situation mehr machen könnte als er tat, aber dass ihn die Wunderhoffnungen dort festhielten und ihm nicht aus seiner Grundverzweiflung heraus halfen. Mein Verzicht, in einem Gottesglauben Zuflucht zu suchen, hatte ihn erschüttert. Ähnliche Gespräch gibt es immer wieder, und jedes Mal ist zu spüren, dass dahinter eine Verweigerung liegt, die gemachte Erfahrung von Krankheit, Leiden, Verlust und Tod anzunehmen und sich darauf einzustellen, sondern dass nur die Wiederherstellung der alten Situation interessiert. Diese Verweigerung hat individuelle und soziale Ursachen. Wenn einzelne auf Wunder hoffen hängt das mit auch mit ihren eigenen Unsicherheiten zusammen, mit einem negativen Selbstbild, und diese sind viel schwerer zu ändern als eine positive Sicht der eigenen Person. Das hört sich verrückt an, weil man doch meint, Minderwertigkeitsgefühle udn Angst wären doch alle gerne los, aber Menschen mit negativem Selbstbild akzeptieren auch negative Erfahrungen viel leichter als positve, denn die passen zu ihnen. Es fällt schwer, an grundlegenden Selbstbildern etwas zu ändern. Wer dazu noch gelernt hat, dass Hilfe vor allem von außen kommt und nicht von einem selbst, ist für Wunder deutlich anfällig. Das Wunder und die religiöse Sozialisation Wer gelernt hat, dass Erlösung von außen kommt, wie Religionen mit einem transzendentalen Gottesbild lehren, braucht Wunder mehr als Menschen, die von sich erwarten, wenigstens ein bisschen an einer Situation selbst etwas ändern zu können, oder die sich sagen, wie viele ältere freireligiöse Mitglieder dies tun: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“. Aber warum jetzt noch Wunder erwarten? Nun ist die religiöse Sozialisation bei weitem nicht mehr so stark wie noch vor wenigen Generationen, aber die Begeisterung  für Wunder ist geblieben. Warum? An der grundlegenden Situation der Menschen hat sich nichts geändert. Sie werden krank, sterben, verlieren Angehörige durch Tod, erleben Konflikte und Trennungen, verlieren Arbeit werden von Naturereignissen um ihren Besitz gebracht wie eh und je. Sie hören große Worte von wissenschaftlichen Fortschritten, erfahren aber ihr Ausgeliefertsein vielleicht vor diesem Hintergrund noch schärfer, auch durch die menschlichen Fehler, die im Umgang mit der Natur gemacht werden. Sie verinnerlichen den gesellschaftlichen Mythos, dass jeder seines Glückes Schmied sei, beobachten auch manches entsprechende Beispiel, erleben aber für sich selbst viel öfter, dass sie an Grenzen stossen, eigenen wie von anderen gesetzte. Um sie herum wird von großen Bedrohungen gesprochen: Umweltkatastrophe, Finanzkrise, Bevölkerungsexplosion und viel fragen, was das eigene Handeln denn angesichts der Größe der Probleme überhaupt bewirken könne. Die persönliche Sicherheit des einzelnen ist erheblich gewachsen. Umso unerträglicher sind die verbleibenden Sicherheitsrisiken. Da diese teilweise nie zu beseitigen sind, bleibt nur die Aussicht auf Wunder. Je unverständlicher die Welt wird in der rationalen Erklärung, umso bereitwilliger öffnen sich viel der Irrationalität. Je größer die Versprechen der Gesellschaft werden auf Glück, und je größer die Anstrengungen des einzelnen dabei werden müssen, um mitzuhalten, umso mehr entlastet die Aussicht auf Wunder. Außerdem schafft Wunderglaube Gemeinschaft. Sich zu Hunderten, Tausenden einzufinden, um auf eine Marienerscheinung zu warten,  Quellwasser abzuzapfen, macht deutlich, dass man nicht allein ist. Es erhebt, Teil einer gleichgesinnten Menge zu sein. Oft erlebte häusliche Einsamkeit und Verzweiflung werden durchbrochen, Ichgrenzen im Bad der Menschen schwächer, Empfindungen stärker, sonst nicht zu erfahrende Gefühle von Entzückung und Begeisterung können erlebt und dürfen ausgedrückt werden. In einer Gesellschaft, in der so vieles nur Erlebnisse aus zweiter Hand darstellen, stellen Wunder scheinbar harmlose Möglichkeiten zu intensivem Gefühlserleben dar. Harmlos? Sie können bei Ebay Toasts mit Wunderabbildungen von Jesus oder Maria ersteigern, Sie können sich von Pastoren Wundermittel kaufen zur Stärkung der Gesundheit. Sie können viel Geld für leere Versprechen ausgeben. Sie können die Augen vor dem Restrisiko unseres Lebens, dem Tod schließen und sich einfrieren lassen, in der Hoffnung, dass jemand das Wunder der Auferstehung an Ihnen nachvollzieht. Es belastet zuerst einmal Ihren Geldbeutel, aber belasten solche vergeblichen Hoffnungen nicht auch Ihr Leben? Verschließt man nicht auch die Augen vor den Möglichkeiten, die noch gegeben sind, und was nutzt die Suche nach einer Heilung anderswo, wenn zu Hause doch wieder nur die Einsamkeit wartet? Auch da gibt es vielleicht mehr Menschen, mit denen man gemeinsam etwas tun kann als gedacht.  Vor Ort sind die Lebensmöglichkeiten, die Wunder täuschen nur vor, es hätte sich etwas geändert, wenn alle sdoch gleich geblieben ist. Ist Ihnen nicht Ihre Kraft für solche „Hoffnungen“ zu schade? Und zum Staunen und Wundern gibt es genügend Gelegenheiten, wenn Sie einfach mal nach draußen gehen, Kindern zusehen, ein Blatt beobachten, wie es in der Sonne leuchtet, oder beim Regen glänzt. Renate Bauer Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz K.d.ö.R.

Ein “Hl. Rock” in Trier?

Was weiß die Geschichte über das Auftauchen eines hl. Rockes in Trier? Kirchliche Schriftsteller berichten seit dem Anfang des fünften Jahrhunderts, daß die Kaiserin Helena eine Wallfahrt nach Jerusalem gemacht habe, um das Kreuz zu suchen.  Einige Quellen wollen wissen, daß sich Helena bei Christen und Juden nach dem Aufbewahrungsort erkundigt habe, oder sie habe diesen Ort durch Visionen (Schauungen, Gesichte) erfahren.  Manche Berichte stellen diese beiden Überlieferungen zusammen. Nach Ambrosius (4. Jhdt.) wurde das “richtige” Kreuz an der Inschrift erkannt, nach anderen durch eine von ihm bewirkte Krankenheilung, weitere Quellen wissen sogar von  einer Totenerweckung zu erzählen, der Kirchenschriftsteller Sozomenos stellt Totenerweckung und Krankenheilung zusammen.  An diesem Wandel und Wachsen der Überlieferung erkennt man am deutlichsten die „Psychologie der Legende“. Chrysostomos, Hieronymos und Cyrill (4. Jhdt.) erwähnen zwar die Kreuzauffindung, ohne jedoch der Kaiserin Helena zu gedenken. Auch Eusebius weiß in seiner Lebensgeschichte des Kaisers Konstantin nichts davon, daß Helena das Kreuz gefunden habe. Insgesamt ergibt sich aus diesen Quellen folgendes Bild: Man zeigte zu Helenas Zeit (Todesjahr 328) in Palästina den Platz von Jesu Himmelfahrt, die Höhle der Geburt, vielleicht auch das Grab. Daß Helena  den ungenähten Rock Jesu gefunden habe, hat keine unserer Quellen überliefert. Ebenso ist sicher, daß sie weder in Trier geboren ist, noch dort gewohnt oder Kirchen gebaut hat. Das alles ist Bestandteil mittelalterlicher Legenden. Auch eine Schenkung des Rockes durch die Kaiserin an die Trierer Domkirche  ist unmöglich, wir wissen durch Athanasius (4. Jhdt.), daß es damals in Trier noch keine Kirchen gab. Als einziges altes Zeugnis für den hl. Rock in Trier wird eine Urkunde des Papstes Sylvester genannt, die um das Jahr 330 entstanden sein soll. Die älteste Fassung dieser „Urkunde“ spricht davon, dass Trier den Primat über Gallien und Germanien ergreifen solle, den schon Petrus dieser Stadt verliehen habe. In einer nach 1054 verfassten Lebenbeschreibung des Agricius, der in manchen Erzählungen als Überbringer des Rockes nach Trier erwähnt ist, findet sich diese Urkunde mit der Erweiterung, daß die in Trier geborene Kaiserin Helena die Stadt mit dem aus Judäa herübergebrachten Leibe des Apostels Mathias, nebst dem Nagel des Herrn, beschenkt habe – aber kein Wort vom hl. Rock. Diese Lebensbeschreibung erzählt weiter, daß ein  Bischof von Trier Gerüchte über den Inhalt einer niemals geöffneten Kiste gehört habe. Der Rock, der Purpurmantel oder die Schuhe Jesu sollten sich darin befinden. Der Bischof ließ die Kiste öffnen, aber der erste, der hineinschaute, erblindete, und so suchte man nicht weiter nach. Aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts hat uns der Trierer Abt Berengosus ein Buch über die Kreuzauffindung hinterlassen, über einen hl. Rock weiß er indessen nichts. Zur selben Zeit schrieb der Abt Thiofried von Echternach ein Werk über die Verehrung der Reliquien. Er widmete sein Buch dem Trierer Erzbischof Bruno (1101-1124), erzählt von einen hl. Rock, aber nicht von dem Trierer Exemplar, sondern von einem Gewand, das in Safed aufgefunden und nach Jerusalem gebracht worden sei. Aus diesen Zeugnissen ergibt sich ganz eindeutig, daß man damals in Trier von einem hl. Rock noch nichts gewußt hat. Die erste Erwähnung  des hl. Rockes in Trier finden wir in der “Gesta Trevirorum” genannten Chronik, die in Trier zwischen 1106 und 1124 entstanden ist. In der Gesta  findet sich auch die oben erwähnte Urkunde des Papstes Sylvester. Der unbekannte Verfasser dieser Chronik ist der eigentliche Schöpfer der Legende von einem hl. Rock in Trier. 1121 wurde der Nikolausaltar in Trier geweiht, in dem 1196 angeblich der Rock gefunden wurde. Wir wüßten nichts davon, wenn nicht 1196 ein Hauptaltar geweiht worden und in der Urkunde darüber auch der Rock erwähnt wäre. Selbst diese Urkunde wäre verloren, wenn nicht gegen 1300 der Trierer Bürgermeister sie für eine neue Bearbeitung der Gesta verwendet hätte. Noch weitere 200 Jahre schweigt Trier völlig über seinen kostbarsten Besitz, bis 1512 Kaiser Maximilian I. Interesse für den Rock zeigte. Dr. Karl Becker, (1959) Freireligiöse Landesgemeinde Württemberg


Die Binsgauer wollten wallfahrten gehn (1844)

Die Binsgauer wollten wallfahrten gehn Den heiligen Rock möchten´s auch gern sehn Zschahi, zschaha, zschaho! Die Binsgauer sind schon do Jetzt schau fein, daß a jeder Sein Ranzele ho Sie zogen weit in fremde, fremde Land, Und wo sie hinkamen, war n sie schon gut bekannt´ Zschahi, zschaha, zschaho Als sie nun sind gekommen nach Trier in die Stadt Da hör´n sie gleich des Rockes allerneuste Wundertat Zschahi, zschaha, zschaho! Die Vischering, die kriecht noch morgens auf allen Vieren Und Abends geht sie schon ganz gesund spazieren Zschahi, zschaha, zschaho Nun freut euch, ihr Brüder: wer taub und, wer stumm allhier wird er kuriert, und grad gemacht was krumm Zschahi, zschaha, zschaho! Die Binsgauer wollten zum Dom gleich hinein Sie konnten´s nicht erlangen — am Tor ein Riegelein Zschahi, zschaha, zschaho! “O heiliger Rock, wir Binsgauer stehn davor! Gar weit her sind wir kommen, verschlossen ist das Tor.” Zschahi, zschaha, zschaho! Da trat der Bischof selber heraußer vor die Tür “Ihr Esel höret auf — Eintritt bezahlt man hier!” Zschahi, zschaha, zschaho! Die Binsgauer schier verwundert zum Bischof schaun Sie konnten den Esel nit allzuwohl verdaun Zschahi, zschaha, zschaho! “Herr Bischof, die Binsgauer brauchen selber schon ihr Geld Den Esel doch behaltet, ist besser zu euch gesellt!”´ Zschahi, zschaha, zschaho Die Binsgauer schütteln den Staub von die Schuh Der Bischof kratzt hinter´n Ohren und macht die Türe zu Zschahi, zschaha, zschaho “Bezahlen so viele, so viele kluge Leut und diese dummen Esel, die sind allein gescheit!” Zschahi, zschaha, zschaho Die Binsgauer sind schon do! Jetzt schau fein, daß a Jeder Sein Ranzeleho! Text: anonym , Parodie auf “Die Binsgauer wollten wallfahrten gehn” , was wiederum eine Umdichtung des Liedes “Dö Pinzgara wollt´n Kirfiarten gehn” ist Musik: auf die Melodie von “Die Binsgauer wollten wallfahrten gehn” in: Ditfurth , Histor. Volkslieder 1815-1866, Nr. 56; S. 220: „Handschrift  jener Zeit” -  “Die Binsgauer auf der Rückfahrt in Trier 18. August—16. Oktober 1844″ in Steinitz II ,1962

Garderobenfragen

Je mehr Heilige, desto mehr Gelächter (Jacques Lacan) Ich erinnere mich an die „Blechtrommel“ von Günter Grass: an die berühmte Szene auf dem Acker, wo Großmutter Anna Bronsky in ihren vier weiten, kartoffelfarbenen Röcken sitzt, unter denen Oskars Großvater Josef Koljaiczek Zuflucht vor den Feldgendarmen sucht. Ich erinnere mich an Zeiten, als Mütter noch Röcke trugen: als Kind bedeutete es für mich mitunter ein Stück Sicherheit, wenn ich mich am Rockzipfel meiner Mutter festhalten konnte. In manchem Kleiderschrank staubt ein Brautkleid dahin, getragen vor etlichen Jahren, inzwischen total aus der Mode. Weg geben oder gar weg werfen geht nicht! Ein Kleidungsstück, aufgeladen mit Bedeutung: dem Glück der Liebe, der Aussicht auf eine gute Zukunft, dem Vorschein des Ewigen. Die halbe Welt richtete die Augen bei der Hochzeit von Kate und William auf das Brautkleid. Ich sehe ein paar alte Babyschuhe, die an der Windschutzscheibe dem Besitzer Schutz vorschaukeln. So mancher abgeliebte Teddy – leider durchaus ein Stück Textil – wird durch  das ganze Leben geschleppt und hält seine Bärentatze symbolisch schützend und behütend über das Leben eines inzwischen alten Kindes. Dieser Bär  ist lebendiger Zeuge einer Vergangenheit. Noch mehr: er hält die Kindheit gegenwärtig. Ihm wurde alles das gesagt, was niemand hören durfte. Er ist Geheimnisträger und Verbündeter. Er berührt Unsagbares: das Geheimnis der Kindheit und hält es gegenwärtig. Deshalb ist er mehr als ein Teddybär: er ist der Heilige Teddy, das Sakrament der Kindheit. Der symbolische Blick sieht mit den Augen der Seele. Er schaut mit den Augen der Liebe. Der Teddybär ist ein Zeichen. Er macht Abwesendes anwesend. Er überschreitet die Gegenwart und vergegenwärtigt die Vergangenheit. Symbolkraft der Kleidung: Bestimmte Textilien markieren wichtige Lebensstationen, ihre Aufbewahrung verspricht Schutz, Heilung, Glück. Sie selber sind dem Besitzer und der Besitzerin heilig: vielleicht das rot-weiß-karierte Taschentuch des Großvaters oder der Knopf des Tanzstundenkleides.  Private Heiligtümer, aufgeladen mit individueller Bedeutung. Heilige Stoffe Daneben erstaunt den aufgeklärten Menschen die öffentliche Aufbewahrung textiler Reliquien wie die Windeln Jesu, seinem Lendentuch ( das er am Kreuz getragen haben soll), dem Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer, das Kleid der Heiligen Elisabeth oder Marias Kleid aus Bethlehem. Heilige Textilien. Der heilige Rock aus Trier ist so heilig, dass er nur einige Male pro Jahrhundert zur Schau gestellt werden darf. Im letzten Jahrhundert gab es drei sog. „Zeigungen“. Warum eigentlich? Was macht ihn bedeutsamer als beispielsweise die vielen Splitter oder Nägel vom Kreuz Jesu? Die Bedeutsamkeit ragt sogar in den Rock des Rockes hinein: auf dem Flohmarkt erstand ich einen Glasrahmen mit einem winzigen Stück Tuch, das bei der Heilig-Rock-Ausstellung im Jahr 1933 den Heiligen Schrein mit dem Heiligen Rock bedeckte. Heilige Stoffe. Genau genommen handelt es sich eher um Lumpen, an denen der Zahn der Zeit heftig genagt hat. Schon Ulrich von Hutten sprach vom „alten, lausigen Wams“, andere sprechen vom „heiligen Lappen“.  Und Generationen von Kritikern erregten sich darüber, dass in Trier wohl kaum das echte Gewand Jesu’ ausgestellt sei, zumal es davon über ein Dutzend gäbe. Aber es geht wohl auch der Katholischen Kirche nicht unbedingt um die Echtheit, vielmehr steht es symbolisch für etwas anderes, beispielsweise für die Hinwendung zum Glauben und die Einheit der Kirchen. Im Gegensatz zu den privaten heiligen Stoffen, werden diese textilen Reliquien öffentlich gezeigt und spielen mit dem Zustand von Abwesenheit  und Anwesenheit:  Sie besitzen eine Rahmung, in der Regel einen aufwendigen Schrein, der die Stoffe den Blicken geradezu entzieht und ihnen  durch die seltene Öffnung eine geradezu spektakuläre Bedeutung zuweist. Eine Bedeutung, die sich der Vernunft entzieht. Aber ist das nicht normal bei Fragen der Garderobe und der Mode? Elke Gensler Freireligiöse Gemeinde Mainz, K.d.ö.R.


„Wir sind das Wunder!“

„…Motten können in den heiljen Rock eijentlich jar nich reinkommen, denn, des wissen Sie ja, die Motten dränglen sich immer blos dahin, wo Licht is.“ Aus: Herrn Buffey’s Wallfahrt nach dem heiligen Rocke,  von Adolf Glaßbrenner alias Brennglas (1810-1876), Berliner Satiriker, 1845 Die Freireligiösen Gemeinden und der „Heilige Rock“ zu Trier Hintergründe und Funktion eines Schauspiels I.  Worte werden zu Fleisch Was eine Zeitlang wie Fabel, wie Mähre an unser Ohr geklungen, dass der Bischof Arnoldi von Trier ein Kleidungsstück, genannt der Rock Christi, zur Verehrung und religiösen Schau ausgestellt, Ihr habt es schon gehört, Christen des 19. Jahrhunderts, Ihr wisst es, deutsche Männer, Ihr wisst es, deutsche Volks- und Religionslehrer, es ist nicht Fabel und Mähre, es ist Wirklichkeit und Wahrheit. Denn schon sind, nach den letzten Berichten, fünfmalhunderttausend Menschen zu dieser Reliquie gewallfahrtet, und täglich strömen andere Tausende herbei, zumal, seitdem erwähntes Kleidungsstück Kranke geheilt, Wunder gewirkt hat. Die Kunde davon dringt durch die Lande aller Völker, und in Frankreich haben Geistliche behauptet: „Sie hätten den wahren Rock Christi, der zu Trier sei unecht.“ Wahrlich, hier finden die Worte Anwendung: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieren kann, hat keinen zu verlieren.” Fünfmalhunderttausend Menschen, fünfmalhunderttausend verständige Deutsche sind schon zu einem Kleidungsstücke nach Trier geeilt, um dasselbe zu verehren oder zu sehen! Die meisten dieser Tausende sind aus den niederen Volksklassen, ohnehin in großer Armut, gedrückt, unwissend, stumpf, abergläubisch und zum Teil entartet, und nun entschlagen sie sich der Bebauung ihrer Felder, entziehen sich ihrem Gewerbe, der Sorge für ihr Hauswesen, der Erziehung ihrer Kinder, um nach Trier zu reisen zu einem Götzenfeste, zu einem unwürdigen Schauspiele, das die römische Hierarchie aufführen lässt.  Ja, ein Götzenfest ist es, denn viele Tausende der leichtgläubigen Menge werden verleitet, die Gefühle, die Ehrfurcht, die wir nur Gott schuldig sind, einem Kleidungsstücke zuzuwenden, einem Werke, das Menschenhände gemacht haben. Kritische Worte von Johannes Ronge, kath. Priester zu Laurahütte in Oberschlesien, geschrieben am 1. Oktober 1844 in seinem „Sendschreiben“ an den Trierer Bischof Wilhelm Arnoldi gegen die Ausstellung des Heiligen Rockes im Trierer Dom, die damals vom 17. August bis zum 6. Oktober stattfand. Der Inhalt und die von Ronge gewählte Form des Offenen Briefes bewirkten eine kirchenpolitische Sensation und schließlich die Gründung der neuen Religionsgemeinschaft der „Deutschkatholiken“. Schon vor Beginn der Wallfahrt und Monate vor dem Protest Ronges hatte in Leiwen an der Mosel nahe Trier der dort amtierende katholische Pfarrer Licht, unter Verschweigen seines Namens, den Reliquienkult und die geplante Wallfahrt in einer anonymen Druckschrift kritisiert. Er geriet jedoch bald in Verdacht, der Autor zu sein. Der Hl. Rock – nur sechsmal ist er in den vergangenen zwei Jahrhunderten ausgestellt worden, immer verbunden mit einer generalstabsmäßig organisierten Massenwallfahrt, zum letzten Mal 1996. Der Hl. Rock ist für uns Freireligiöse eine Herausforderung. Es gibt in Trier zwar keine Freireligiöse Gemeinde, aber hier im Schrein der Hl-Rock-Kapelle im Dom liegt die wichtigste äußere Ursache für die Gründung unserer Vorläufer-Gemeinden, der Deutschkatholiken im Jahre 1845, deren Rechtsnachfolge wir ja als Freireligiöse Gemeinde einst angetreten haben. Die Wallfahrt im Jahre 1844 fällt in eine Zeit, in der sich die religiöse Welt politisiert und in der Politik sakrale Töne angeschlagen werden. Das Verhältnis zwischen preußischem Staat und Kirche spielt dabei eine besondere Rolle, die es zu untersuchen gilt. Daneben stellt sich sowohl die Frage nach der Herkunft und Echtheit des Hl. Rockes als auch nach seiner Funktion für die Massen der Gläubigen und die soziale Ordnung jener Zeit. Wir Freireligiösen wissen, dass die Kirchengeschichte lange Zeit die Geschichte der Kirche war. Wir aber müssen, trotz mancher Fortschritte auf dem Gebiet der (freireligiösen) Geschichtsschreibung, immer weiter selbst unsere Entstehung und Entwicklung im Auge behalten, uns an die Vergangenheit annähern und diese im Rahmen einer eigenen Erinnerungskultur vergegenwärtigen. Die eigenen Nachforschungen zu vertiefen und zu erweitern – das heißt:  Die ganze Kirchengeschichte muß zur Religionsgeschichte ausgeweitet und mit moderner Sozialgeschichte verknüpft werden. Die Wurzeln unserer freireligiösen Historiografie reichen weit zurück und liegen dicht an den aktuellen Geschehnissen jener Zeit von 1844/45 bis 1848. Prediger Ferdinand Kampe spricht in seiner Darstellung der neueren religiösen Bewegungen der Zeit – gemeint ist besonders der Deutschkatholizismus – vom Hl. Rock als “realisiertem Phantasieprodukt“. Warum pilgerten aber mehr als eine halbe Millionen Menschen – auch aus dem benachbarten Ausland -  überwiegend zu Fuß nach Trier? Was trieb sie an und wieso waren es in den nachfolgenden Wallfahrten gar mehrere Millionen? Um diese Fragen geht es im Folgenden, doch zunächst zum aktuellen Geschehen. II. Mission im eigenen Land Schon in der Sichtweise der vorreformatorischen katholischen Kirche war der Rock ein „Symbol der Einheit“ des Christenheit -  1512 erstmals öffentlich auf Betreiben Kaiser Maxilimians I. anlässlich eines Reichstages in Trier gezeigt. Das Volk habe es so gewollt. Im Jahre 2012 will die katholische Kirche nicht nur der 500jährigen Wiederkehr dieses Ereignisses gedenken, sondern sie plant auch bereits seit langem, diese außergewöhnliche und vollkommen aus dem Rahmen fallende einzigartige Wallfahrt wieder in ein internationales Medienereignis zu verwandeln, das auch die deutsche Gesellschaft beeindrucken und ihre Leitkultur nachhaltig beeinflussen soll, dies in einer Zeit, in der die Kirchenskandale und Mißbrauchsfälle noch in frischer Erinnerung sind. Die Wallfahrt dient also nicht zuletzt der Image-Pflege! Der Trierer Bischof Marx hatte bereits am 30. April 2007 eine erneute Zeigung des Rockes angekündigt, mit dem Ziel „das Volk Gottes neu zu sammeln für eine wirkliche Neu-Evangelisierung unseres Landes“ (Zit. in der Nahe-Zeitung Nr. 100, 30.4.2007) Seit Beginn des geistlichen Vorbereitungsjahres im Mai 2011 wird besonders in den kirchlichen Medien – vor allem auf den Internet-Seiten des Bistums Trier – auf das Großereignis hingearbeitet, für das 2.500 Helfer gesucht werden. Zur Einstimmung diente auch die Bundesgartenschau „Buga“ in Koblenz. Hier war die Kirche mit einem Stand und Kunstwerken zum Thema Hl. Rock präsent.  Auch in kath. Pfarreien ist der Hl. Rock ein wichtiges Thema, das durch die Trierer Wallfahrtsleitung mit Msgr. Bätzing an der Spitze bedient wird. Das Bistum Trier berichtet auf seinen Internet-Seiten fortlaufend darüber „dass Jesus Christus auch heute am Werk sei und Wege zur Einheit weise. Bätzing erklärte, rasante Veränderungen hielten Kirche und Gesellschaft in den Jahren seit der letzten Wallfahrt 1996 in Atem: ‘Der Blick in die Zukunft ist gerade für junge Menschen mit größerer Unsicherheit verbunden als vor der Jahrtausendwende, auch weil uns durch die Finanz- und Wirtschaftskrise die globalen Abhängigkeiten und Verflechtungen sehr real betreffen. Ein neuer Atheismus erhebt selbstbewusst seine Stimme und respektiert offenbar keine Grenze mehr. Die Lage der Kirche hat sich erheblich gewandelt.‘ Die Heilig-Rock-Wallfahrt könne in dieser Situation als Chance verstanden werden, sagte Bätzing.“ Die Entstehung der Deutschkatholiken – in bewußter Abgrenzung und Trennung zur römisch-katholischen Kirche – fällt in eine Zeit brennender Probleme, denn nationale Fragen, wirtschaftliche Krisen und soziale Unruhen verbinden sich mit religiös-weltanschaulichen Grundsatzdebatten und bilden bereits ein explosives Gemisch unmittelbar vor der Revolution von 1848. In diesen Jahren gärt und rumort es im Bauch der Kirche. Besonders viele Geistliche aus dem unteren Klerus, aber auch Universitätstheologen  sind im „Vormärz“ mit den Zuständen in ihrer Kirche unzufrieden und fordern Reformen, darunter auch die Abschaffung des Zölibats. Außer einem Bild des „Wallfahrtskritikers Johannes Ronge“ auf einem Seidentuch mit dem Offenen Brief sehen wir auf den katholischen Internet-Seiten des Bistums Trier dazu nichts. Die nicht kirchenoffiziellen „katholischen nachrichten“ im „kreuz.net“, die bereits in Zusammenhang mit der PIUS-Bruderschaft gebracht wurden, bemerken dagegen: Die damalige antikirchliche Publizistik der Spätaufklärung kaprizierte sich auf einen angeblichen Götzendienst um den Heiligen Rock in Trier – „gleich, ob er echt oder unecht sei“. Johannes Ronge († 1887) – ein abgefallener Priester – der später die „deutsch-katholische Kirche“ gründete, rief zum Kampf gegen die „tyrannische Macht der römischen Hierarchie“ auf. Diese fördere mit der Wallfahrt „Aberglauben und Werkheiligtum, Ablaßkram und Rosenkranzfrömmigkeit“. Gegen den Vorwurf, die Pilger würden die Reliquie anbeten, schrieb ein an der Wallfahrt beteiligter Volksschullehrer aus dem Westerwald in seine Schulchronik: Die „Wallfahrer schauen und verehren das Gewand, das der getragen hat, welcher alle durch sein Leiden aus der Knechtschaft der Sünde befreite. Sie glauben an den, der es vor 1800 Jahren getragen hat.“ Dagegen wiederholte die linke Publizistik mit Karikaturen und Schmähschriften die abgeschmackten Aufklärungsthesen von Priesterbetrug, Spendenausbeutung und Vortäuschung von Wunderheilungen. „kreuz.net“ kritisiert also die Spätaufklärung und deren Kinder. Wir sehen daraus, dass es in gewissen katholischen Kreisen und finsteren Medien im Jahre 2011 immer noch an einer Früh-Aufklärung mangelt, die dort auch niemals eintreten wird – im Gegenteil. III. Gottes Land und der Abfall Die Freireligiösen und ihre Vorläufer, die Deutschkatholiken, waren Kinder der Aufklärung und als solche der neuen Philosophie  gegenüber aufgeschlossen, die von außen Kritik an der Kirche und der Religion des Christentums äußerte, vor allem eben durch Philosophen und Theologen wie Ludwig Feuerbach („Im Gebet betet der Mensch sein eigenes Wesen an.“) oder David Friedrich Strauß. Dazu Stimmen aus den „katholischen nachrichten“ „ kreuz.net“ 2011: Der Ideologe Ludwig Feuerbach († 1872) hatte kurz vorher Gott zu einer Projektion des Menschen erklärt. Der Dichter Heinrich Heine († 1856) verklärte in seinen pantheistischen Lustträumereien die Erde zum alleinigen Paradies. Der Theologe David Strauß († 1874) verbannte die Person des Wunderheilers Jesus von Nazareth in den Bereich des Mythos. Die Kirche maß dem Trierer Land und der Diözese schon seit alters her eine besondere Bedeutung zu, denn „das Trierische“ mit dem ältesten Bischofssitz auf deutscher Erde galt gar als „heiliges Land, von Gottes Erlösergnade väterlich gehütetes Land“, ja als „Eingangspforte des Evangeliums Jesu Christi auf dem Boden heutigen Deutschlands“, wie der Päpstliche Nuntius Pacelli 1927 anlässlich eines Besuches euphorisch formulierte. Im Trier der Spätantike „waltete die mütterliche Hand der hl. Kaiserin Helena“ (Bischof Bornewasser 1932), der das Bistum viele kostbare Reliquien verdankte, vor allem das „Kleinod“ des Rockes des Herrn. Und so begriff sich die Kirche als Hüterin des hl. Landes in der Tradition von Märtyrern und Bekennern, die das Erbe des Glaubens an ihre Kinder weiterzugeben hatte. Noch heute sind in den Moselorten nahe Trier viele Straßen nach Personen der Frühgeschichte des Christentums benannt. Die „Abfallbewegung“ der Deutschkatholiken Ronges und seine „Judasarbeit“ findet nicht nur in manchen älteren kirchlichen Gesamtdarstellungen der Hl. Rockwallfahrten negative Erwähnung -  wie z.B. bei Domkapitular Kammer im Hl. Jahr 1933 -  sondern die Vertreter des Rationalismus und Gegner der übernatürlichen Offenbarung werden auch in rechtskatholischen Polemiken unserer Tage herausgehoben, während die offiziellen Bistumsseiten im Internet diese Folgen der Ereignisse von 1844 ausblenden, obwohl der Abfall vom Glauben die schlimmste Form der Ketzerei ist. Der Hl. Rock wird 2012 vom 13. April bis 13. Mai 2012 wieder ausgestellt. Seit dem 6. Mai 2011 läuft das „geistliche Vorbereitungsjahr“ mit zahlreichen Aktivitäten um die „Kernbotschaft“ der Kirche. Damit ist die heiße Phase für die Hl-.Rock-Wallfahrt eingeleitet. Zu diesem internationalen Medien-Ereignis sind auch die orthodoxen und protestantischen Christen eingeladen. Die „Ökumene“ aber ist längst nicht überall in der kath. Kirche gern gesehen. Und was werden die Protestanten 2012 tun, zumal Martin Luther selbst seinerzeit den Wallfahrtsrummel als „große Bescheyßerei, als Teufelsmarkt zu Trier“ verdammt und das Ganze als „ein verführlich, lügenhaft und schändlich Narrenspiel“ bewertet hat? IV. Frischer Wind im „Leib Christi“ Papst Leo X. hatte im Jahre 1515 bestimmt, den Rock alle 7 Jahre auszustellen und zum Wallfahrtsziel zu machen, verbunden mit großzügigen Ablässen für die Pilger. Schon der Humanist Ulrich von Hutten hatte den Rock als altes, lausiges Wams verspottet, und als die dann die Reformation ihren Siegeszug antrat und die katholische Kirche erschütterte, wurde das Vorhaben des Papstes zunächst durcheinandergebracht. Erst die Gegenreformation und die Wiederherstellung der kath Kirche im Trierer Kurstaat führt dazu, dass der Rock 1585 wieder für die Öffentlichkeit  gezeigt wird, unterstützt von den Jesuiten, die seit 1560 in Trier ein Kolleg unterhielten. Damals also gab es einen aktuellen Grund, die Wallfahrt zu veranstalten. Die kath. Kirche hatte eine existentielle Krise überwunden und siegreich überstanden. Zur Sammlung der Gläubigen diente der Hl. Rock – als Symbol der Einheit. Macht und wiedergewonnene Stärke  der Kirche sollten öffentlich demonstriert werden. Diese Generallinie prägt auch die nachfolgenden Jahrhunderte bis heute, und damit erklärt sich seltene Ausstellung, die nur alle Jahrzehnte stattfindet. Das Beispiel des Jahres 1810 ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg dieser azyklischen Wallfahrtstradition. Die Große Französische Revolution hatte die Kirche bis ins Mark getroffen. Der Rock war deswegen an verschiedenen Orten, u.a. auf dem Ehrenbreitstein, versteckt worden. Dazu kam die Säkularisation, die die Klöster auflöste, Orden verjagte, Güter und Kirchenbesitz beschlagnahmte. Die geistlichen Herrschaftsgebiete wurden zunächst einmal enteignet – durch Beschluß der deutschen Fürsten anno 1803. Die Rückführung des Hl. Rocks von Koblenz nach Trier 1810 aber wurde zu einer triumphalen öffentlichen Demonstration für den Wiederaufbau der kath. Kirche nach einem bedrohlichen und krisenreichen Zeitabschnitt. Was aber war nun so besonders in den Jahren vor 1844? Durch den Wiener Kongress sind 1815 Europas Grenzen neu gezogen worden. Damit waren erhebliche territoriale Veränderungen verbunden. Das „Trierische“ wurde dem preußischen Staat zugeschlagen und die katholische Kirche war nun Untertan eines protestantischen Königs. 94 Prozent der Bevölkerung Triers waren katholisch, jedoch gab die evangelische Minderheit der Zivilbeamten und des Militärs in bevorzugter Stellung den Ton an. Diese sollten sich nach dem Willen des Königs mit der weiblichen kath. Bevölkerung vermischen. Die Kinder aus diesen religiösen Mischehen hatten jedoch nach einer preußischen Kabinettsorder von 1825 automatisch das Bekenntnis des Vaters zu übernehmen. So kam es zum „Trierer Mischehenstreit“. Hier entwickelte sich ein hohes Konfliktpotential zwischen Staat und Kirche. Die Geistlichkeit erteilte die Erlaubnis zur Mischehe nur dann, wenn beide Partner vor der Trauung die kath. Taufe und Kindererziehung versicherten. Zunächst hatte der in kirchenpolitischen Angelegenheiten vorsichtige Trierer Bischof Hommer noch die Empfehlung ausgegeben, man solle doch die Brautleute befragen, wie sie ihre Kinder erziehen möchten. Laute die Antwort „katholisch“, so stünde einer kath. Trauung nichts entgegen, andernfalls solle man die Heiratswilligen an den zuständigen ev. Pfarrer verweisen. Auch der Kölner Erzbischof Spiegel war auf einen Ausgleich mit dem Staate aus. Doch schon bald nach dem Tod der alten Kirchenoberen veränderte sich nicht nur die rheinische Kirchenführung. Die neuen Bischöfe waren entschiedene Vertreter der ultramontanen Linie. Zunächst in der Minderheit war diese fortan bestrebt, das Ruder des Kirchenschiffes in die feste Hand zu nehmen. Die neuen Bischöfe dachten nicht daran, sich einfach dem Staate unterzuordnen und die königliche Order ohne Kommentar zu befolgen. Daraufhin enthob die preußische Regierung den Kölner Erzbischof seines Amtes und ließ ihn in die Festung einsperren. Das belastete Verhältnis zwischen  Kirche und Staat entspannte sich erst, als ein neuer König den Thron bestieg Friedrich Wilhelm IV. aus dem Hause Hohenzollern im Jahre 1840. Die Geschichte nennt ihn den „Romantiker auf dem Throne“ wegen seiner schwärmerischen Vorliebe für das Ständesystem des Mittelalters. Anlässlich des Kölner Dombaufestes 1842 erhebt er in seiner Rede dieses im Mittelalter begonnene Bauwerk zum Symbol der Einheit der Konfessionen der Deutschen! Der katholikenfreundliche König entlässt den Kölner Erzbischof aus der Haft, der wieder in sein Amt mit persönlicher Ehrenerklärung zurückkehrt. Auch die Wahl der bis dato nicht anerkannten neuen Bischöfe wird nun bestätigt, darunter auch die des Bischofs Arnoldi aus Trier. Somit konnte die Kirche einen großen Erfolg verbuchen, denn fortan sollte sie kein Untertan mehr sein, sondern gleichberechtigter Partner des Staates in der Regelung aller Angelegenheiten. Preußen richtete dazu sogar eine eigene staatliche Verbindungstelle zur römischen Kirche ein. Die demonstrative Umsetzung dieses kirchenpolitischen Erfolgs in der Öffentlichkeit machte sich Wilhelm Arnoldi, der Bischof von Trier, nun zur Chefsache. Arnoldi – aus einfachen Verhältnissen stammend – galt als ein  geschickter Agitator, der sich auf den Bischofsstuhl „hinaufgepredigt“ habe. Schon lange spielte er mit dem Gedanken, den Hl. Rock auszustellen. Jetzt war der günstige Zeitpunkt gekommen. Die Wallfahrt sollte seine bedeutendste Tat im Leben werden, wie sein kirchlicher Biograf vermerkt hat. V. Vom heiligen Filz zur Fashion-Week Lange vor Arnoldis Amtszeit ist das Wallfahrtswesen innerhalb der Kirche nicht unumstritten gewesen. Im Zeitalter der Aufklärung gingen die Bischöfe dazu über, die ausufernden Wallfahrten einzudämmen, vor allem die der Laienbruderschaften, die seit der Reformationszeit immer stärker in Erscheinung getreten waren. Sie schwärmten in merkwürdigen Kostümen verkleidet betend durch die Lande. Sie verfügten über Sonderrechte und hatten in der Kirche und bei Prozessionen ihren besonderen Platz. Außerdem unterhielten sie eigene Geistliche, Kirchengebäude, Altäre, Andachten und erteilten sogar eigene Ablässe. Der Zweck dieser Bruderschaften bestand in der Bekehrung der „Sünder“, der Mission, der Krankenbetreuung und dem Schutz des Papsttums. Ihre Namen griffen zurück auf die Dogmen und die Gestalten der Heiligen, z.B. „Bruderschaft des Hl. Joseph“, „Bruderschaft von der allerheiligsten Dreifaltigkeit“. Durch ihr Treiben entwickelten sie sich bald zu einer unheimlichen Bewegung, so daß die vom Geist der Aufklärung noch berührten Behörden und Oberhirten den unkontrollierbaren Aktivitäten der Bruderschaften ein Ende bereiten wollten. Zu diesem Zweck gab Erzbischof Spiegel in Köln die theologische Erklärung heraus, daß Gott und die Heiligenverehrung an keinen bestimmten Ort gebunden seien. Es komme darauf an, zu Hause zu bleiben, zu beten und zu arbeiten und nicht ständig in der Gegend herumzuziehen. Die staatlichen Behörden kritisierten besonders den durch die Wallfahrten bedingten Arbeitsausfall und die dadurch hervorgerufene Schwächung der Wirtschaftskraft. Nicht zuletzt wurde die Gefährdung der Staatssicherheit angemahnt und in diesem Sinne warnend auf die Kirche eingewirkt. Aber mit der Wahl Arnoldis zum Bischof von Trier und der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. änderten sich die Verhältnisse von Grund auf. Eine Massenwallfahrt, von oben geplant, inszeniert und gelenkt, sollte den Erfolg der Kirche machtvoll in der Öffentlichkeit jedermann vor Augen führen. Und so wurden die Gläubigen zu diesem Schauspiel der Ausstellung des Hl. Rockes nach Trier gerufen, eben jenes „unzerreißbare Symbol der Einheit“, von dem der Koblenzer Publizist Josef von Görres schwärmte. Nach der „Überlieferung“ soll Jesus einst diesen ungenähten, gewebten Rock bei seiner Kreuzigung getragen haben, den die römischen Soldaten nach der Hinrichtung nicht zerrissen, sondern verlost haben sollen. (Geistl. Rat Kammer bemerkt allerdings noch 1933, dass „gewiß viel mehr die Juden Jesus gekreuzigt“.) Der Hl. Rock – Es handelt sich dabei um ein aus braunen Baumwollteilen zusammengesetztes Kleidungsstück in Form einer antiken Tunika, wie sie in der Zeit vom 1. bis in das 4. Jahrhundert getragen wurde. Bei Herrn Domkapitular Kammer ist im Jahre 1933 nachzulesen, dass die „Schutzhüllenstoffe“ des Rockes möglicherweise im 5. oder 6. Jahrhundert, vielleicht aber auch vom 6. bis 9. Jahrhundert entstanden sein könnten…2011 nun heißt es plötzlich von kirchenoffizieller Seite, dass der Rock dem Stil eines liturgischen Gewandes entspreche, wie es im 16. Jahrhundert getragen worden sei! Genauere Kenntnisse über den „archäologischen Zustand“ der Reliquie gibt es erst seit den „detaillierten Untersuchungen“ durch „Spezialistinnen“ der Schweizer Abegg-Stiftung aus Riggisberg bei Bern aus dem Jahr 1973, wie die kirchlichen Internet-Seiten aus Trier vermerken: Das Ergebnis lautet kurz gefasst so: Die ältesten Teile der Tunika, deren Alter durchaus bis ins erste Jahrhundert zurückreichen könnte, befinden sich in einem Konglomerat aus Textilschichten, die wie ein “Sandwich” aufgebaut sind. Der älteste und kostbarste Stoff liegt in der Mitte. Die stützenden Stoffe liegen darunter und darüber. Der älteste Stoff in der Mitte ist ein verfilzter Wollstoff. Das, was man sieht, ist nicht die Reliquie selbst, sondern man sieht hüllende Stoffe oder anders ausgedrückt, ein textiles Reliquiar, ähnlich wie eine normale Reliquie in einem Metallreliquiar eingeschlossen ist. Im Jahre 2011 gibt die Kirche auf die Frage nach der Echtheit des Rockes einen kurzen Hinweis – dass die Echtheit nicht mehr festzustellen sei. 1959 hatten  noch Trier Theologen ausgesagt, dass der Trier Rock nicht echt sei. In dieser Nachkriegszeit hatte man jedoch bei Ausgrabungen ein antikes Fresco der Helena entdeckt und daraus wieder eine gewisse Nähe zur Echtheit des Rockes abgeleitet…. Bis heute hat die Kirche keine archäologische Prüfung veranlasst. Geprüft wurde nur der „technische“ Zustand der Reliquie vor ihrer jeweiligen Ausstellung. Bei seiner letzten Ausstellung 1996 mußte der Rock unter Glas liegen und darf nicht mehr hängend gezeigt werden. Als ein “redendes Reliquiar“ wird der Hl. Rock offiziell bezeichnet, den die von Männern beherrschte Kirche von einer Frau aus Bern in der Schweiz begutachten ließ. Die „Textilhistorikerin“ Dr. Mechthild Flury-Lemberg gibt dazu folgende Zustandsbeschreibung in der „Kleinen Geschichte“ der Tunika jenseits vom Glanz der bunten und leuchtenden Ansichts-Karten vom Hl. Rock vergangener Wallfahrten des 20. Jahrhunderts: Die durchgehenden Stofflagen des Vorderteils der Tunika bestehen heute, von innen nach außen gesehen, aus rotbraunem Seidensatin, aus bräunlichem Tüll und aus grünlichem Taft. Dieser Taft verfügt über eine Auflage von alten Stofffragmenten, die durch Gummitragant verbunden sind. Der Rückenteil besteht aus rotbraunem Seidensatin, bräunlichem Tüll, feiner Seidengaze, einer Filzschicht, grünlicher Taftseide, einer weiteren Filzschicht und Seidengaze. Es ist davon auszugehen, daß die Wollfasern, die heute einen teils zusammenhängenden, teils zerbröckelnden Filz bilden das Kerngewebe darstellen. Dessen Alter kann nicht mehr genau bestimmt werden. Insgesamt hat das Gewand seine textile Oberfläche vollkommen verloren. Heute geht es der Kirche nicht um die Frage nach der materiellen Echtheit des kostbaren Gewandes, sondern um die spirituelle Echtheit. So ist die Theologie! Bis in das 20. Jahrhundert hinein aber glaubte das Wallfahrervolk an die materielle Echtheit, zumal Maria, die Gottesmutter ihn gemacht hatte. Mit dieser Zusatzlegende ließ sich gute Propaganda machen – wie der Trierer Historiker Schieder hervorhebt -  denn das gläubige Volk war an die Marienverehrung gewöhnt! Im Jahre 1844 entstand jedoch über die Frage nach der Echtheit eine scharfe öffentliche Kontroverse mit einer wahren Flut von Kampfschriften. Zwei Bonner Professoren – Gildemeister und von Sybel – hatten herausgefunden, daß es gar 20 Hl. Rocke an verschiedenen Orten gab – die Einzigartigkeit des Trierer Rockes war also fraglich. Von seiten der Jesuiten wurde daraufhin in Umlauf gesetzt, Gott selbst habe in seiner Allmacht den echten Trierer Rock auf wundersame Weise multipliziert. (Geistl. Rat Kammer bezeichnet 1933 jene anderen „Röcke“ als Partikel und Teile von anderen Kleidungsstücken Jesu, u.a. aus Schenkungen von Karl dem Großen) Der Hl. Rock soll – wie die Nahe-Zeitung am 14. Oktober 2010 schrieb – auch 2012 würdig inszeniert werden. Deswegen machen sich seitdem die Verantwortlichen für Kinder- und Jugendpastoral Gedanken zur Wallfahrt in diversen Arbeitsgruppen. Der Möglichkeiten sind viele, z.B. eine „Fashionweek“ vom Gewand Christi bis zur heutigen Mode. Alle Veranstaltungen sollen jedoch auf die erwünschte spirituelle Nachhaltigkeit des Wallfahrtserlebnisses ausgerichtet werden. Nicht zuletzt soll durch die staatliche Lehrerfortbildung auch Schülern der „Zugang“ zu dieser Reliqiue im Religionsunterricht ermöglicht werden. Für die jährlichen Hl.-Rock-Tage im Monat Mai – hier wird der Hl. nicht gezeigt – gab es bereits in den vergangenen Jahren Programme für tausende, aus den  Kindergärten nach Trier geholte Kids, um dort auch ein Pilgerabzeichen zu empfangen! Der Eventcharakter passt nicht allen Katholiken ins Konzept. Vorsicht gegen allzu viele und zu kindliche Events mahnen die anonymen kath. Nachrichten im kreuz.net an, sähen doch die von den Kindern gebastelten Hl. Röckchen aus wie Vogelscheuchen… VI. Die Kollektivierung des Glaubens Würdige Inszenierung des Hl. Rockes! Das klingt nach einer großen Theateraufführung. Nicht umsonst hatte Johannes Ronge als suspendierter Kaplan 1844 in seinem größtes Aufsehen erregenden Offenen Brief an Arnoldi von einem Schauspiel gesprochen, allerdings von einem unwürdigen und unchristlichen! Aber wie lief dieses Schauspiel ab? Schauen wir uns die einzelnen Akte der Inszenierung an. Zunächst einmal wurde das gutgläubige Volk von der Kanzel aus überall auf dieses Ereignis eingestimmt. Bereits im Vorfeld der Wallfahrt wurden die möglichen Kritiker angegriffen. Den entsprechenden Presseorganen wurde seitens der Kirche mit Boykott gedroht, gleichzeitig schuf sich der „Leib Christi“ seine eigenen Zeitungen mit linientreuen Journalisten und Redakteuren. So verfügte Bischof Arnoldi über einen Propagandaapparat, der unermüdlich vor den Feinden der Religion und dem greulichen Gespenst der Revolution warnte (Weberaufstand in Schlesien!). Damit demonstrierte die Kirche ihre staatstragende Rolle und zugleich ihr Monopol auf Religion: Religion = Christentum, Christentum = Kirche. In diesem Sinne wirkten auch die „weltlichen“ Mitstreiter des Herrn Bischof Arnoldi mit, besonders der Trierer Professor Jakob Marx, einer der Strategen der generalstabsmäßigen Wallfahrtsplanung. Unter Beteiligung der hohen Würdenträger von Kirche und Stadt wurde der Hl. Rock aus seinem Kasten herausgeholt und die Ausstellung am 18. August 1844 eröffnet – nach dem Kirchenkalender das Fest der Hl. Helena, nach der Legende die Entdeckerin des Kreuzes Jesu und eifrige Missionarin. Inzwischen gibt es Stimmen, die nicht nur auf den lockeren Lebenswandel dieser „Schankwirtstochter“ hinweisen, sondern dieser katholischen Heiligen nachsagen, sie sei in Wirklichkeit eine Anhängerin des Ketzers Arius gewesen, dessen Ablehnung des Dogmas der Gottgleichheit Christi auf dem Konzil von Nicäa 325 uZ als häretische Lehre verdammt worden war. Der Gedanke, dass Jesus als Mensch am Kreuz starb –wenn er denn je gelebt hat – und nicht als Gott, ist der Kirche nicht mysteriös genug gewesen. Helenas angebliche Kopfreliquie befand sich im Trierer Dom, dem Hauptschauplatz der Ereignisse. Die Stadt war zu dieser Zeit noch von Mauern umgeben. Hier lebten rund 15.000 Einwohner. Durch die heranströmenden Wallfahrer erlebte die Stadt nun einen wahren Ansturm von Menschenmassen und ein Gedränge ohnegleichen. Jede Prozession wurde von einem Pfarrgeistlichen geleitet. Aus dem Bistum Mainz waren fromme Waller angerückt, allerdings ohne ihren Bischof, der in Trier nicht anwesend war und seinen Gläubigen sogar geraten haben soll, nicht an der Wallfahrt teilzunehmen. Dagegen hatte der Bischof von Limburg an die 15.000 Gläubige in Bewegung gesetzt. Peter Josef Blum genießt heute noch Hochachtung als historische Persönlichkeit des Katholizismus. Kein Wunder, denn der Ultramontane hatte sich erfolgreich mit den Nassauischen Behörden angelegt und durchgesetzt, dass das simultane Lehrerseminar in Idstein im Taunus aufgelöst wurde und der interkonfessionelle Religionsunterricht aus den Schulen verschwand! Die Wallfahrt nach Trier – zu Fuß – war für die Teilnehmer strapaziös, ein  Gewaltmarsch bei scharfem Wind und Dauerregen über den Hunsrück. Auf dem Weg nach Trier wurde gesungen und gebetet. Josef von Görres – den Heinrich Heine die „deutsche Hyäne“ nannte – war  derart begeistert, dass er gar von der Wiederkehr der mittelalterlichen Kreuzzüge an Rhein und Mosel schwärmte. Vom ersten Hahnenschrei bis zum Einbruch der Dunkelheit kamen nun 50 Tage hintereinander täglich (im Durchschnitt) über 10.000 Menschen in den Trier Dom! Um vor dem Hl. Rock zu erschauern, gingen sie kolonnenweise auf vorgeschriebenen Wegen mit planmässig festgelegten An- und Abmarschzeiten. Auf diese Weise gab es kein Chaos und jeder Tag war voll ausgelastet. Draußen vor der Stadt waren zusätzlich Quartiere aufgeschlagen. Der Trierer Sozialhistoriker Wolfgang Schieder, der die Wallfahrt genau erforscht hat – das katholische kreuz.net bezichtigt ihn deswegen 2011 als Lügner – führt die Ehefrau von Karl Marx als Augenzeugin des Wallfahrtstreiben an: die Protestantin Jenny Marx geb. von Westphalen aus Trier, die damals aus ihrem Wohnort (Bad) Kreuznach angereist war. Jenny Marx beschreibt – selbst nicht ohne Beeinflussung! -  den Rummelplatz der Unterhaltung, der Geselligkeit und der Devotionaliengeschäfte: In Trier ist schon ein  Treiben und Leben, wie ich es nie gesehen habe. Alles ist in Bewegung. Die Läden sind alle neu aufgeputzt, jeder richtet Zimmer zum Logieren ein. Wir haben auch eine Stube bereit. Ganz Koblenz kommt, und die creme der Gesellschaft schließt sich an die Prozession an. Alle Gasthöfe sind schon überfüllt. 210 Schenkwirtschaften sind neu etabliert, Kunstreiter, Theater, Menagerien, Dioramas, Welttheater, kurz, alles was man sich denken kann, kündigt sich schon an. Der ganze Pallastplatz ist mit Zelten besäet. Vor den Toren sind ganze Bretterhäuser aufgeschlagen. Am Sonntag geht Trier. Jeder muß sich an eine Prozession anschließen, und dann kommen die Dörfer. Täglich 16.000 Menschen. Die Stein hat schon für 400 Taler kleine Herrgottsröckchen verkauft, die sie aus ihren alten Bandresten fabriziert. An jedem Hause hängen Rosenkränze von 6 Pf. Bis zu 100 Taler. Ein klein Medaillon hab‘ ich auch fürs Mämerchen gekauft, und gestern hat es sich selbst ein Rosenkränzchen geholt. Man hat gar keine Vorstellung von dem Getreibe hier. Für die nächste Woche kommt halb Luxemburg an; auch Vetter Michel hat sich angemeldet. Die Menschen sind alle wie wahnsinnig. Was soll man nun davon denken? Ist das ein gutes Zeichen der Zeit, dass alles bis zum Extrem gehen muss, oder sind wird noch so fern vom Ziel? VII. Auf das Wunder folgt die Satire Vor allem der Wunderglauben trieb ungeahnte Blüten in Trier. Wurde den Pilgern suggeriert, der Rock sei echt, so verbreiteten besonders die kirchlichen Andachtsbüchlein jener Tage die Legenden vom Wundertäter Jesus. Berichte von Wunderheilungen machten die Runde, die von den kirchlichen ultramontanen Zeitungen eifrig verbreitet wurden (vgl. dazu das Wunder von Fraulautern 1844, einem Stadtteil von Saarlouis, auf der offiziellen Internetseite der Kommune im Jahre 2011!). Jedoch, in der nichtkatholischen Presse beschwerten sich angeblich Geheilte. Die Elberfelder Zeitung berichtet am 13.10.1844 vom Fall eines angeblich durch den Hl. Rock geheilten Kindes aus Bingen am Rhein, “welches inmitten der rückkehrenden, meistens weiblichen Pilgrime mit bekränztem Haupte und gefalteten Händen einherzog“ und nicht  im geringsten eine Besserung erfahren habe. Kein Einzelfall. Der Hl. Rock, der  „die Eingeweide der eingefleischten Gottheit einhüllte“ – Ort der Gebete und Lieder, veröffentlicht mit „hoher kirchlicher Genehmigung“. In einem Erbauungsbuch zum frommen Gebrauch lesen wir über den Hl. Rock: „Wo Du warest, zeigte sich Jesus Allmacht sichtbarlich.“ Kampe bemerkt treffend, daß hiernach Christus nur das Accidens zur Substanz des Rockes war. In neuerer Zeit werden solche Wahrheiten auf den Kopf gestellt. Das Bischöfliche Generalvikariat Trier bemerkt zur Frage der Wunder im Jahre 1996: Wer den Heiligen Rock im Trierer Dom verehrt, darf nicht meinen, in dieser Tuchreliquie wohne etwas Göttliches oder eine Kraft, auf die man sein Vertrauen setzen dürfe. Eine solche Meinung wäre abergläubisch, Glaube im Abseits. Wer aber bei seiner Verehrung den Heiligen Rock als Bild und Zeichen Christi versteht, der übt seinen Glauben gemäß dem Geiste und der Wahrheit des Neuen Testamentes. Die angebliche Wunderheilung der Nichte des Kölner Erzbischofs, Freifrau von  Droste-Vischering, wurde anno 1844 besonders herausgehoben. Ihr lahmes Bein sei nach der Berührung mit dem Hl. Rock wieder gesund gewesen. Die fromme Adelige wurde deswegen Opfer satirischen Spotts in dem bekannten Lied des Berliners Rudolf Löwenstein: Freifrau von Droste-Vischering Vi-, Va-, Vischering zum heilgen Rock nach Trier ging Tri-, Tra-, Trier ging Sie kroch auf allen Vieren, sie tat sich sehr genieren sie wollt gern ohne Krücken duch dieses Leben rücken Ach herrje, herrjemine ach, herrje, herrjemine ach herrje, herrjemine Josef und Maria! Sie schrie, als sie zum Rocke kam Ri-, Ra-, Rocke kam: “Ich bin an Händ´ und Füßen lahm Fi-, Fa, Füßen lahm du Rock bist ganz unnähtig drum bist du auch so gnädig hilf mir in deinem Lichte ich bin des Bischofs Nichte” Ach herrje… Drauf gab der Rock in seinem Schrein si-, sa-, seinem Schrein auf einmal einen hellen Schein hi-, ha-hellen Schein der fuhr ihr in die Glieder, sie kriegt das Laufen wieder getrost zog sie von hinnen die Krücken ließ sie drinnen Ach herrje… Freifrau von Droste-Vischering Vi-, Va-, Vischering noch selb´gen Tags zum Kuhschwof ging Ki-, Ka-, Kuhschwof ging Dies Wunder göttlich grausend geschah im Jahre tausend achthundertvierundvierzig und wer´s nicht glaubt, der irrt sich Ach herrje… Der Arzt Dr. Roland Daniels, aus der Nähe von Köln gebürtig, unterzog die Heilungsberichte, die der Trierer StadtphysikusHansen gesammelt hatte, einer harschen Kritik und urteilte vom Standpunkt des Materialismus aus. Ein Arzt schrieb in der Elberfelder Zeitung am 9.10.1844 über den Fall Gräfin von Droste-Vischering und kam zu dem Ergebnis, die fromme Frau, die an einem skrupulösen Kniegeschwulst und einer dadurch bedingten Beinverkrümmung litt, habe sich wohl im Zustand religiöser Exstase die Sehne zerrissen und so den Anschein einer Begradigung und Gehfähigkeit erweckt. „Sie kann gehen, freilich nur mit Schmerz. Das, was die Operation des Sehnenschnitts in solchen Fällen macht, ist auf gewaltsamen Wege geschehen, auf eine Weise, wie man es durch Maschinen früher machte, ehe der Sehnenschnitt erfunden war.“ Im Zeitfenster der Hl.-Rock-Wallfahrt von 1844 erblicken wir viele kritische, z.T. beißend-komische satirische Dokumente gegen den Wunderglauben. Da ist die pseudonyme Druckschrift über in das 16. Jahrhundert „zurückverlagerte“ Wundertaten des Hl. Rockes von „Josef Dunkel“ alias Heinrich Hofmann („Struwwelpeter“), der auch die Geldgier der Kirche gegenüber den Gläubigen scharf attackierte. Der Vormärz-Satiriker Adolf Glaßbrenner inszenierte des „Herrn Buffey’s Wallfahrt nach dem heiligen Rocke“ 1845 als urkomisches Genrebild 1845  im Berliner Dialekt.  Wirkungsvoll waren auch spöttische anonyme Lithographien und ihre Darstellung der frommen Waller aus dem Klerus als Tierprozession mit Esels- und Schweinsköpfen, mit dem passenden Text dazu: Heran, jedweder Sündenbock!/ Hier ist zu seh’n der heilige Rock!/ Wer wacker zahlt, Mann oder Weib,/ der wird gesund an Seel und Leib. VIII.     Katholische Übung: Leiden ohne Klage Natürlich ging es der Kirche nicht nur um das Opfergeld der Pilger. Eine weitere wichtige Funktion kam dem Hl. Rock zu. In einer Zeit wirtschaftlicher Not war die Moselregion zu einem Armenhaus geworden, die Winzer befanden sich durch die Überschwemmung des Weinmarktes in einer existentiellen Krise. Soziale Unruhen und erste Erhebungen hatte es bereits in anderen Teilen Preußens gegeben, so in Schlesien den Aufstand der Weber, die als Heimarbeiter bedingt durch die englische Manufaktur-Konkurrenz und Ausbeutung durch die eigenen Tuchfabrikanten und Verleger  buchstäblich am Hungertuch nagten. Alle diese verelendeten Massen, vor allem die Landbevölkerung, wurden direkt vertröstet und aufgefordert, ihr irdisches Elend geduldig zu ertragen. Die Christusgestallt wurde dabei diesen als unmündig angesehenen Menschen zum Vorbild des Leidens vorgestellt. Im  Lied der Armut heisst es daher über Jesus: Er selber litt stets Noth und Mangel/ als er auf Erden hat geweilt./ Drum, Menschenkind, o klage nimmer/ wenn Armut Deine Tage trübt,/ denn mehr hat Jesus einst ertragen,/ weil er uns alle so geliebt! Der Kirche wird hier und da nachgesagt, sie habe in der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts versagt. Manche kirchlichen Lehrbücher, die diese Zeit im Auge haben, sprechen auch davon, die Kirche habe sehr lange gebraucht, um diese Frage zu begreifen. Nicht selten wird diese Problematik auch verdeckt mit Hilfe von Feigenblättern der Geschichte – wie z. B. durch die häufige Erwähnung von Kaplan Kolping und seinem sozial-katholisch orientierten Gesellenverein. Ein Versager ist einer, der zwar guten Willens ist und sich bemüht, es aber  mangels Kompetenz nicht schafft! Die Kirche jener Zeit um 1844 aber hat nicht versagt! Die Kirche des „Vormärz“ im 19. Jahrhunderts hat die soziale Problematik bewußt aus einer feindseligen Haltung heraus registriert und kommentiert. Sie hat während der Wallfahrt die Armut durch die Verarmten selber durch religiöse Aktivitäten und Rituale kompensieren lassen und sich darüber hinaus noch an den Armen bereichert. Warum aber wird der Hl. Rock im Jahre 2012 wohl gezeigt und verehrt? Die Frage wird von der Kirche aktuell so beantwortet: „Das schlichte Kleid ruft zur Solidarität mit den Armen auf.“ IX.     Gottgewollte Ordnung? Der Protest Ronges gegen die Wallfahrt wurde von seiten der Kirchenoberen zugleich als Angriff auf die bestehende „gottgewollte Ordnung“ angesehen. Wer eine andere Ordnung wollte, geriet in den Verdacht, ein Umstürzler und „Communist“ zu sein. Vor diesem Johannes Ronge, am 4. Dezember 1844 exkommuniziert, wurde in einem Hirtenwort der schlesischen Bischofe zu Weihnachten dementsprechend gewarnt. Er galt den Vertretern der Kirche gar als Verfechter des „Unrechts“, denn „er erregt unter den Proletariern Unzufriedenheit mit Gott und der Welt; er macht sie lüstern nach fremdem Eigentum und bahnt den Weg zu Unruhen…“ Der Ronge‘sche Brief hatte seine Wirkung getan, traf er doch als Medienereignis in die Mitte der Kirche und mobilisierte zugleich eine kritische bürgerliche Öffentlichkeit. Ronge war es gelungen, die religiöse Welt zu politisieren und einen politischen Anspruch religiös zu begründen, denn in seinem Offenen Sendschreiben spricht er nicht nur als katholischer Priester, sondern auch als „deutscher Volkslehrer im Namen der deutschen Nation“ – die es damals noch gar nicht gab! Neben der religiösen und nationalen Frage geht Ronge die soziale Problematik an und kritisiert die Wallfahrt in der Tradition Luthers als „unchristliches Schauspiel“ und „Götzenfest“, bezeichnet den Bischof Arnoldi als den „Tetzel des 19. Jahrhunderts“. (Tatsächlich flossen dann summa summarum mehr als 93.000 Taler z.T. in den Weiterbau des Kölner Domes, vor allem aber in einen bischöflichen Neubau zu Trier.) Ronge appelliert am Schluß des Sendschreibens an seine Amtsbrüder, zu zeigen, dass sie den Geist Jesu, nicht aber seinen Rock geerbt hätten. Es war der Theatersekretär und Buchhändler Robert Blum, der in seiner „Zeitschrift „Sächsische Vaterlandsblätter“ Ronge ein Forum bot und den Brief als erster am 15.10.1844 abdruckte. Die Auflage schnellte in die Höhe, in Folge wurden noch rund 60.000 Nach- und Sonderdrucke des Briefes in Umlauf gesetzt, gelesen, vorgelesen und debattiert. Die nichtkatholische Presse verbreitete ihn ebenso wie andere fortschrittliche Zeischriften wie Eduard Dullers „Vaterland“ in Darmstadt. Die Vorläufer der modernen Illustrierten, die „Bilderbögen“ verbreiten auf billigem Papier Tagesthemen und Heute-Nachrichten… „Das geharnischte Sendschreiben (…) bewegt alle Köpfe und Herzen“ schrieb Hoffmann von Fallersleben aus Geisenheim seinen Dichterkollegen Ferdinand Freiligrath im Rheingau. Fast überall in deutschen Ländern wurden Gruß- und Dankadressen an Johannes Ronge verfasst. Es schien so, als würde sich eine zweite Reformation anbahnen und ein Kampf zwischen Licht und Finsternis beginnen. Das Jahr 1845 führt Ronge auf eine Rundreise, sie ihn zum Medienstar macht. Zehntausende hören seine Predigten und huldigen ihm in öffentlichen Empfängen mit Eventcharakter: Bürgerliche und nichtbürgerliche Schichten des Volkes, Kaufleute, Gutbesitzer, Fabrikanten, Ärzte, Handwerker, Gesellen, Dienstboten und Tagelöhner, Schriftsteller, Männerchöre und Jungfrauenvereine…. Die Ronge-Verehrung entwickelte sich zum Kult mit Tabakspfeifen, Bildnissen, Seidentüchern mit dem Offenen Brief… Johannes Ronge – ein Mann des bürgerlich-demokratischen Bildungsideals und der religiösen Nächstenliebe. Das Wichtigste an der Mitgliedschaft in einer deutschkatholischen Gemeinde sah er darin, Grundsätze und Bestimmungen der freien Kirche zu leben. Der höchste Zweck des Lebens bestand für ihn im humanistischen Ideal, dieses Leben in der Wahrheit und der Liebe zu führen, dieses Leben in der Selbstbestimmung und im Bewußtsein der freien Würde des Menschen zu gestalten. Die Zahl der neuen Religionsgemeinschaften, die sich ab 1845 die Wesensbezeichnungen „deutsch-“ oder „christkatholisch” gegeben hatten, wuchs schnell an – besonders in den gemischt-konfessionellen größeren Handels- und Industriestädten, in denen die römischen Katholiken in der Minderheit waren. Aber auch in kleinen Provinzstädtchen und in umliegenden Dörfern gab es Deutschkatholiken. Bis 1847 gründen sich über 250 Gemeinden. Zu Ostern 1845 tagte ein erstes Konzil der neuen Bewegung in Leipzig. Sein Organisator Robert Blum weist daraufhin, dass hier nichts Neues entstanden  sei, sondern in günstiger Zeit sei es endlich gelungen, die Kräfte des Fortschritts zu bündeln. (Guido Knopps Robert-Blum-Film von 2008 aus der historischen Reihe „Die Deutschen“ erwähnt diesen wichtigen Teil der Biografie und Zeitgeschichte einfach nicht! DVD im Handel oder als Abrufvideo in der ZDF-Mediathek im Internet). Mit Blick durch die Brille der Vernunft hatte der Frankfurter Kaufmann, Schriftsteller und spätere deutschkatholische Prediger Heribert Rau anlässlich des Osterkonzils der Deutschkatholiken 1845 dem Zeitgeist des Fortschritts jener Tage sogar heilsgeschichtliche Züge verliehen: So ist mit dem Jahre Eintausend achthundert und vierundvierzig für die Christenheit, und namentlich für die Völker Deutschlands, ein großer, herrlicher Ostermorgen angebrochen! Christus ist erstanden! X.     Historische Würdigung Robert Blum hat das Ostergeschehen seinerzeit rationalistisch gedeutet. Das Grab Jesu war offen und leer, der riesige Stein weggeschoben. Kein übernatürliches Wunder, sondern ein gleichnishafter Hinweis auf die Sprengkraft der Idee vom Gottesreich auf Erden (Revolution=Offenbarung Gottes). Die entscheidenden Hindernisse dabei waren Staat, Kirche und Papst. Im Namen eines konkurrierenden Christentums hatten die Deutschkatholiken die damalige Weltordnung und ihre Verhältnisse bezweifelt: das Verhältnis von Bürger und Staat, Staat und Kirche, Gott und Welt. Die Verneinung des kirchlichen Monopols auf die Deutung des Christlichen hatte zugleich die Rechtmäßigkeit der Staatsordnung in Frage gestellt. Dass die bestehenden staatlichen Einrichtungen in ihrer gegebenen Form göttliche Ordnung repräsentierten, dass der König als von Gottes Gnaden letztlich nur Gott verantwortlich sei, dass die halbfeudalen Rechts- und Sozialverhältnisse eingebunden sind in das göttliche Regiment der Welt. Das alles – so bemerkt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf -  war nun als Deutung des Kirchenchristentums bewusst, die keine konkurrenzlose Allgemeingültigkeit mehr beanspruchen konnte. Niemals hätte die kath. Kirche dies zugegeben und sprach daher in ihren Exkommunikationsbriefen von der neuen Bewegung der Deutschkatholiken als einer heidnischen Sekte, deren Vertreter als Judase, Communisten, Aufwiegler und Wüstlinge im Weinberg des Herrn tituliert wurden. Tatsächlich aber war die Christlichkeit der bestehenden Ordnung von seiten der Deutschkatholiken gerade im Rückgriff auf das Christentum in Frage gestellt worden, und das machte sie als religiöse Opposition gefährlich für Kirche und Staat. Es gibt zwar heute immer noch eine „hinkende“ Trennung von Kirche und Staat, aber die Tage des königlichen Gottesgnadentums liegen im Nebel der Vergangenheit. Der Papst ist heute der letzte absolute Monarch in Europa. Demokratische Staaten legitimieren sich nicht mehr rein religiös, wenn auch hier und da dem Mythos vom christlichen Abendland gehuldigt wird. Doch theokratische Gottesstaatsideen sind im Untergrund nicht ausgeträumt und verschwunden (siehe kreuz.net). Und der christliche Glaube ist nach wie vor mehr als nur eine Angelegenheit der Christen. Die Kirche als „Leib Christi“ hat immer einen universellen Anspruch, und 2012 will sie mit der Hlg.-Rock-Wallfahrt folgendes erreichen: „Wir machen öffentlich, dass Jesus (…) ein „Schatz für alle Menschen ist.“ Die Institution Kirche soll erlebbar werden „als Zeichen und Werkzeug für die Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ Über diesen Jesus schrieb der freireligiöse Philosoph Arthur Drews 1928: „Für die Theologie ist der geschichtliche Jesus Voraussetzung, nicht Ergebnis ihrer Forschung; es kann also auch nicht behauptet werden, daß die Theologie, gar die Wissenschaft die Geschichtlichkeit Jesu „bewiesen“ habe. Daß es einen geschichtlichen Jesus gegeben hat, ist eine Annahme des Glaubens, nicht des Wissens.; der Glaube aber gründet überall nur auf Suggestion: Erziehung, Gewohnheit, subjektive Wünsche, Verheißungen, Drohungen usw.“ Der Heilige Rock, die „kostbarste Reliquie des Trierer Domes“, ist ein Teil dieses mysteriösen Glaubens und des Systems Kirche mit seinen Dogmen, deren Sinn darin liegt – wie Peter de Rosa es als ehemaliger römisch-katholischer Theologe am Corpus Christi College London ausdrückt – dass niemand sie verstehen soll. Literaturverzeichnis I.    Fachwissenschaftliche Literatur 2006 – „Für Freiheit und Fortschritt gab ich alles hin.“ Robert Blum (1807-1848), Visionär, Demokrat, Revolutionär. Hg. Vom Bundesarchiv, bearb. Von Martina Jesse und Wolfgang Michalka. Unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Berlin 2006. (Begleitbuch zur Ausstellung) 1992 – Paletschek, Sylvia: Religiöser Dissens um 1848: Das Zusammenspiel von Klasse, Geschlecht und anderen Differenzierungslinien, in: Geschichte und Gesellschaft, 18 (1992), 161-178. (Frauenbewegung, sozialer Status, Deutschkatholiken) 1984 – „Herr Hoffmann ist zu gar nichts nütz…“ Zum 175. Geburtstag Heinrich Hoffmanns. Heinrich-Hoffmann-Museum der frankfurter werkgemeinschaft e.V., Frankfurt a. M. 1984 (Ausstellungskatalog) 1979/80 – Zenz, Emil: Geschichte der Stadt Trier im 19. Jahrhundert. Bd. I: Vom Beginn der französischen Herrschaft bis zum Ende der Revolution von 1848. Trier 1979. Bd II: Vom Beginn der Reaktion bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts (1850-1899). Trier 1980. (Darstellung des langjährigen Trierer Kulturdezernenten und Lokalhistorikers aus konservativer Sicht) 1978 – Graf, Friedrich Wilhelm: Die Politisierung des religiösen Bewußtseins. Die bürgerlichen Religionsparteien im deutschen Vormärz: Das Beispiel des Deutschkatholizismus. Stuttgart, Bad Cannstadt 1978.  (Erste und einzige Spezialbibliographie mit zahlreichen deutschkatholischen Quellentexten, Literaturhinweisen und –erstmalig in der Kirchengeschichte- adäquater historischer Bewertung. Der ev. Autor ist Prof. für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München.) 1977 – Schieder, Wolfgang: Religionsgeschichte als Sozialgeschichte.  Einleitende Bemerkungen zur Forschungsproblematik, in: Geschichte und Gesellschaft 3 (1977), 291-298. 1977 – Korff, Gottfried: Formierung der Frömmigkeit. Zur sozialpolitischen Intention der Trierer Rockwallfahrten 1891, in: Geschichte und Gesellschaft 3 (1977), 352-383. (Kirchenkritische volkskundliche Abhandlung, die das kirchlich gepriesene angebliche „Urphänomen“ Wallfahrt – Angelegenheit des „Herzens“ – als abschottende Ideologie enttarnt. Autor ist Prof. für Volkskunde an der Universität Tübingen) 1974 – Schieder, Wolfgang: Der Trierer Wallfahrtsstreit von 1844. Eine Bibliographie, in: Kurtrierisches Jahrbuch, 14 (1974), 141-170. (Kontroverse Flugschriften und Aufsätze über den Hl. Rockes, die Reliquienverehrung, einzelne Ereignisse der Wallfahrt. Der Trierer Sozialhistoriker wird heute noch von katholischer Seite ignoriert oder im kath. Kreuz.net angegriffen.) 1974 – Schieder, Wolfgang: Kirche und Revolution. Sozialgeschichtliche Aspekte der Trierer Rockwallfahrt von 1844, in: Archiv für Sozialgeschichte XIV (1974), 419-454. (Quellenreicher, profunder und die kath. Kirche entlarvender Aufsatz) 1973 – Kunst der Bürgerlichen Revolution von 1830 bis 1848/49. Zusammengestellt und hg. aus Anlass der Ausstellung im Schloß Charlottenburg, Berlin 1972/73, von der AG Kunst der Bürgerlichen Revolution, 1830-1848/49. 2. Aufl. Berlin 1973. 1954 – Silberhorn, Lothar W.: Der Epilog eines religiösen Reformers. Ungedruckte Aufzeichnungen Johannes Ronges aus dem Londoner Exil, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 6 (1954), H. 2 (Sonderdruck) II.    Katholische Werke 2011 – www.heilig-rock-wallfahrt.de (BISTUM TRIER) 1959 – Heilig Rock-Wallfahrt Trier 1959. (Pilgerbüchlein) 1959 – Wallfahrtsblatt. Zur Ausstellung des Heiligen Rockes Trier 1959, Nr.1-11 Trier 1959. 1949 – Kraus, Johannes: Geistlicher Rat Prof. Dr. Kaspar Riffel, der Mobilisator der katholischen Bewegung in Mainz, in: Jahrbuch für das Bistum Mainz 1949, 115-170. (Ereignisse in Mainz des Vormärz, Schilderung des Wallfahrtszuges, Angaben über Mainzer Deutschkatholiken) 1933 – Der Hl. Rock in Trier. Geschichte und Bedeutung des Hl. Gewandes Christi. Von Karl Kammer, Domkapitular und Geistl. Rat in Trier. 2. Aufl. Trier 1933. (Kammer gibt der Wallfahrt im Vorwort zur 2. Aufl. bereits sieben Tage nach Eröffnung eine  „weltgeschichtliche Bedeutung“, p. XV) 1933 – Wallfahrtsblatt zur Ausstellung des Hl. Rockes im Heiligen Jahr 1933. Hg. Unter Billigung der Wallfahrtsleitung für die Ausstellungszeit des Hl. Rockes (23. Juli bis 10. September 1933), Nr. 1-8, Trier 1933. (Informativ über kirchliche Stellen und behilfliche NS-Organisationen). 1932 – Unsere Diözese Trier. Ein kirchliches Heimatbuch. Hg. von Heinrich Faßbinder. Saarbrücken 1932. (Mit Vorwort v. Bischof Bornewasser) 1865 – Kraft, Jakob: Wilhelm Arnoldi, Bischof von Trier. Ein Lebensbild. Trier 1865. (Der Autor war Domkapitular und Domprediger) 1845 – Görres, Josef von: Die Wallfahrt nach Trier. Regensburg 1845. III.    Freireligiöse Literatur 2011 – Robert Blum. Auf dem Theater des Lebens. Beiträge zur Robert-Blum-Ehrung. Hg. von Anke Reuther. Berlin 2011. (Enthält den kompletten Text der Blum-Revue sowie einen profunden Beitrag von Eckhart Pilick und eine CD mit einem neuen Blum-Lied) 2007 – Robert Blum Revue. Programmheft. Autorin: Kirsten Reuther. Zum 200. Geburtstag des Demokraten, Revolutionärs und Freigeistes. Hg. von der Freireligiösen Gemeinde Berlin. (Berlin 2007) 2006 – Freireligiöses Quellenbuch. Bd 1, 1844-1926. Eine Sammlung grundlegender Texte über Inhalt und Ziele Freier Religion. Zusammengestellt von Lothar Geis. Mainz: Selbstverlag der freireligiösen Gemeinde Mainz,. Mainz 2006. Bd.2, 1926-2000, Mainz 2010. 1997 – Lexikon freireligiöser Personen. Hrsg. Von Eckhart Pilick. Rohrbach/Pfalz o.J. (Gemeinschaftswerk freireligiöser Prediger, Pfarrer und Sprecher von 1997) 1997 – „Das Paradoxe zog mich an.“ Festschrift für Eckhart Pilick. Hg. von der Freireligiösen Landesgemeinde Baden. Mannheim 1997.(Vgl. besonders Sabine Pich mit dem Aufsatz über den Ronge-Nachlass) 1959 – Die Freireligiöse Bewegung – Wesen und Auftrag. Als Gemeinschaftswerk hg. vom BFGD. (Mainz 1959) (Beiträge u.a. zur Geschichte des Deutschkatholizismus anlässlich der 100-Jahrfeier des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands in Mainz) Das Johannes-Ronge-Archiv in Ludwigshafen am Rhein, Johannes-Ronge-Haus. Verf. Dr. Wilhelm Bonneß. Hg. Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz. (Ludwigshafen o.J.) 1959 – Schlötermann, Heinz: Wer war Jesus Christus? Konstanz 1959 (Badischer Landesprediger, Buchautor) 1928 – Drews, Arthur: Hat Jesus gelebt? Mainz: Verlag Freie Religion 1928 (Klassiker der Leben-Jesu-Forschung. Einziger freireligiöser Philosoph des 20. Jahrhunderts, der schon 1910 die Geschichtlichkeit Jesu öffentlich bezweifelt hatte. Reprint in der ALV-Schriftenreihe Bd. 6, Angelika Lenz Verlag, Neustadt, 3. Aufl. 1994) 1908 – Tschirn, Gustav: Johannes Ronges Brief an Bischof Arnoldi von Trier. Frankfurt a.M. 1908. (Der Autor war freireligiöser Prediger in Breslau und Wiesbaden, Präsident des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands sowie des Deutschen Freidenkerbundes) 1904 – Tschirn, Gustav: Zur 60jährigen Geschichte der Freireligiösen Bewegung. Bamberg 1904. 1852 ff – Kampe, Ferdinand: Geschichte der religiösen Bewegung der neueren Zeit. 4 Bde. Leipzig 1852-1860. (Unverzichtbare Arbeit, Autor war deutschkath. Prediger u.a. in Wiesbaden, viele „versteckte“ Quellen in den Anmerkungen) IV.    Aus evangelischer Sicht 1977 – Religion ohne Kirche. Die Bewegung der Freireligiösen. Ein Handbuch. Hg. von Friedrich heyer u. Mitarb. V. Volker Pitzer. Stuttgart 2. Aufl. 1979. (Eine Publikation der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen u.a. aus etlichen Seminararbeiten, denn Auftakt zu diesem Band war ein praxisbezogenes Sommersemester 1969 am Konfessionskundlichen Seminar der Universität Heidelberg mit Kontakten zur Freireligiösen Landesgemeinde Baden) VI. Anonyme Medien kreuz.net katholische nachrichten (Die Betreiber bezeichnen sich selbst als „Initiative einer internationalen privaten Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind.“ Es gibt Vermutungen, dass Autoren von kreuz.net Mitglieder oder Anhänger der PIUS-Bruderschaft sind. Autor: Martin Buchner Freie Religionsgemeinschaft (Freireligiöse Gemeinde) Idar-Oberstein www.frg-io.de

Herrn Buffey’s Wallfahrt nach dem heiligen Rocke (1845)

von Adolf Glaßbrenner (1810-1876 Pseudonym “Brennglas”) Ein Wirthshaus in Berlin Polizeischreiber Preiße (sitzt hinter einem hohen Glase Weißbier und lies’t die Zeitung): Nanu wird’s Dag! Die Wallfahrten nach den heiljen Rock nehmen immermehr überhand. Dausende  ziehen hin, um den heiligen Rock zu sehen un lassen sich… Lebrecht Knubberbacke: …ausziehen. Polizeischreiber Preiße (fortfahrend): …von den Bischof vor Jeld von allen Übeln kuriren und von allen Sünden freisprechen. Frischer: Und da sagen Sie: nanu wird’s Tag? Nun wird’s Nacht! müßten Sie sagen. Herr Buffey: Sie entschuldjen, deß ich mir reinmische. Was is’n des vor’n Rock? Polizeischreiber Preiße: Sie sagen: Christussen seiner, den ihm seine Mutter, die Jungfrau Maria, aus Lammwolle jewebt hat, wie er noch Kind war, un der mit ihm jewachsen is. Herr Buffey: Was? I, Sie spaßen jehorsamst! Der Rock ooch jewachsen? Na, denn muß et wirklich en heiljer sind, denn meinen Willem hab’ ich nu schon den siebenten Rock machen lassen müssen, weil er alle an de Schultern auswachst. Un der Junge nimmt doch noch tagtäglich an Alter zu! Polizeischreiber Preiße: Die Nichte von den rühmlichst bekannten Erzbischof Droste von Vischering hat nich jehen können, hat nach den Dom von Trier müssen hinjedragen werden, un kaum is se da, un hat den heilijen Rock an den Zippel berührt, hastenichjesehen! jeht se lustig ‘rum, als ob se in ihren janzen Leben keene krumme Beene jehabt hätte. Herr Buffey (verwundert): Kaum zu jlooben! Frischer: Kaum! Man muß es sehen, um zu glauben! Herr Buffey (zu Preiße): Sie entschuldjen, Herr Preiße, Herr Polizeischreiber: hat se an Hühneroogen jelitten, wie mein Freund Proppen? Lebrecht Knubberbacke: Ne, Hühneroogen waren es nich,obschon die in ihrer Umjcbung sehr beliebt sind, weil man mit diese Oogen nischt sieht. Sie litt am Kopp, un dieses Übel hatte sich ihr mit Hilfe des Reimmatismus uf de Beene jeworfen, so deß se durchaus nich vorwärts kommen konnte, was in unsern lieben Vaterlande keine janz eijenthümliche Krankheitserscheinung is. Nu hatte ihr ihr Onkel zwar Etwas unter den Fuß jejeben, aber deshalb konnte se erscht recht nich jehen, bis se den heiljen Rock berührt hatte, da jing es! Herr Buffey: Ich kenne zu wenig Chemmie, Viehsiek nennt man Des, um zu wissen, ob die Lammwolle den Reimatisch nach sich zieht, aber zieht se den Reimatisch nach sich, so hätte müssen en Andrer von die Nichte lahme Beene jekrigt haben, durch Berührung! Lebrecht Knubberbacke: Ne,Herr Buffey, vondes Heilje, scheint mir, verstehen Sie nischt, weil Sie Allens zu sehr als Materialist auffassen. Herr Buffey (etwas hitzig): Wie sagen Sie? Materialist? Ich? Sie entschuldjen: ich bin Rentier! Ich habe Intressen, weil ich früher eine kleine Tabagie und ein noble jeu du Billardt hatte, und hinten ein Jartenverjnügen, wodurch ich mir mit der Zeit ein Capptal jemacht, welches mir so viel drägt, wie ich anständig brauche, un welches sicher steht, weil ich mir uf keene jefährlichen Jeschichten wie Eisenbahnen un Runkelrüben un derjleichen einlasse, weil ich nich speculire, nennt man des! Lebrecht Knubberbacke. Eben weil Sie nich speculiren, sind Sie Materialist un fassen des zum Beispiel mit den katholschen Reimmatismus janz falsch auf. Sehen Se mal, so ‘ne heilje Relieke nimmt alle Übel der Welt uf un behält se für sich, ohne was wieder abzujeben. Frischer. So wie die Mönche alle Sünden der Welt durch die Ohrenbeichte in sich aufnehmen, ohne jemals selbst zu sündigen, (ruft.) Kellner, einen Bittern! Polizeischreiber Preiße: Mir noch’ne Weiße! Frischer: Übrigens, so die Herren nach vier Wochen wieder hier versammelt sein wollen, will ich ihnen meine erlebten Wunder beim heiligen Rocke mittheilen. Freitag reise ich nach dem Rhein und besuche auch Trier an der Mosel. Herr Buffey: Leiden Sie ooch an de Beene? Frischer. Nein, auch nicht am Kopf, aber ich reise doch hin. Ich habe neulich von einem Minister geträumt, er sei ein Gens-d’arme,und will nun sehen, ob ich diese Sünde loswerden kann. Brauer Pansch (der bisher still aber aufmerksam zuhörte): Da können wir vielleicht zusammen reisen, denn meine Hyacinthe will ooch hin. Herr Buffey (verwundert): Ihre Hyacinthe? Die riecht woll nich? Brauer Pansch: Meine Frau will ooch nach Trier. Herr Buffey: Ach so! Worummen? Brauer Pansch (verschämt lächelnd): I nu … se hat sonne Idee, sie… jenug, sie will hin. Sie hat schon mehrere Bäder mit meinen Cousin, einen Medizindoctor besucht, aber … he, he, he! Sehen Se mal, wir haben keene Kinder, un da macht sich des Reisen leichter als wenn wir welche hätten, (zu Frischer). Wenn Sie Freitag bestimmt nach den Rhein abreisen, denn will ich mir bis dahin einzurichten suchen, weil meine Frau mit mir erst Dienstag abfahren wollte. Herr Buffey: Hören Se mal… Commis Peschke (eintretend): Ju’n Abend, ju’n Abend, meine Herren und Damen, Letztere abwesend! Was hört mein erstauntes Ohr? (Zum Kellner): Eine Blonde aus der Kruke! (Zu den Gästen): Sie ollen nach dem alten Vater Rhein, den sie nicht haben sollen, ob sie wie gierje Raben? I is es die blitzblaue Möglichkeit! Dahin, dahin zieht mich mein Beruf! Dahin, dahin möcht’ ich mit Dir, mein dicker Brauer ziehen! wie meine Cousine Mignon5 sagte, als se noch bei Jöthens diente. Ich reise nämlich für mein Haus, weil mein Haus zu groß is, um selbst zu reisen. Herr Buffey: Na des wird hübsch. (Aufstehend, mit Pathos). Ich will ooch hin, meine Herren! Ooch nach Trier!! Commis Peschke. Bitte, setzen Se sich! Herr Buffey: Danke verbindlichst! (Er setzt sich). Na was sagen Sie dazu? Wir Alle zusammen, des kann unterhaltend werden, interessant Meinen Willem nehm’ ich nämlich ooch mit, der stört uns nich, wenn wir unter uns sind, weil der dumme Junge jar nich des Maul ufdhut, wenn er nich von mir in der Erziehung strenge jefragt wird. Ich will mal sehen, ob ihn vielleicht ‘ne weite Reise en Bischen Jrips beibringt, denn von die Fahrt nach Leipzig, welche ich neulich mit de Eisenbahn auf ihm machte — wollt’ ick sagen: auf ihm mit de Eisenbahn . . . (heftig) auf de Eisenbahn mit ihm machte, da hat er noch nich Viel wechjekriegt, obschon er im Hotel de Pologne an eenen Disch mit de Literatur jesessen hat. Er hat die janze Table d’hôte über nischt als jejessen, un sich jar nich um de Literatur jekümmert, so viel ick ihm ooch in de Rippen jestoßen habe. Frischer: Ein ächter Deutscher! Lassen Sie ihn doch bei unseren Zeitungen anstellen! Die bekümmern sich auch um jede Degenscheide von Militair, um jeden Fidelbogen von Virtuosen, um jeden Schornsteinbrand und um jedes Butter-Kellertreppen-Hinuntergefalle, aber von der Literatur, der größten Macht unserer Zeit, ziehen sie sich so ängstlich zurück, als ob sie bisse! Und wenn sie gar einmal davon reden, so wählen sie die unpopulärsten, einflußlosesten Dinge, besprechen Werke über egyptische Ruinen, über ausgegrabene Scherben, über classische Nachttöpfe und allenfalls über antike Tragödien wie Antigone, Gräfin Hahn-Hahn, Medea, der gestiefelte Kater und pietistische Ergießungen. O es ist eine moderne Tragödie, das Aufführen der antiken! Ich will eine ganze Woche lang von trocknem Brode leben, aber vor faulem Fleische hab’ ich einen rein menschlichen Widerwillen. Commis Peschke (hat die Speisekarte in der Hand): Lassen Se sich doch Karbonade geben. Frischer (ihn von der Seite betrachtend): Das ist allerdings sehr trocknes Brod, aber doch immer noch besser als das faule Fleisch und das Leder eines gestiefelten Katers. Herr Buffey (zu Frischer): Sie sprechen sehr jelehrt aber… Ich habe Ihnen verstanden. Ich freue mir darauf, wie wir uns unterwejens von Dieses und Jenes unterhalten werden, denn ich bin ein Liebhaber von Ansichten, un eben darum is es mir lieb … (macht eine sehr ernste Pause) … wenn ich … mir über Dieses oder Jenes aussprechen kann, mittheilen! Commis Peschke: Über dieses kann ich allenfalls ooch ein Wort mitreden, aber über Jenes weiß ich nicht so recht Bescheid. Lebrecht Knubberbacke: Na fahren Sie denn nu Alle zusammen, meine Herrschaften? Commis Peschke: Ja, vor Schreck! Lebrecht Knubberbacke: Wenn Sie ooch mit zusammen fahren, denn wär’ des möglich. Aber Sie reiten ja. Commis Peschke: Ich, reiten? Lebrecht Knubberbacke: Na ja, reiten Sie denn nich Muster nach dem Rhein? Commis Peschke: Ja, aber wenn ich Muster reite, denn is des der einzige Fall, wo ich Sie nich aufsitzen lassen kann. Lebrecht Knubberbacke: Na wenn ich mir von Ihnen Verstand verspreche, da könnt’ ich doch wo aufsitzen. Brauer Pansch: Nu aber mal jleich an’s Werk: wer Allens die Wallfahrt mitmacht, damit ich es meine Frau berichten kann, denn es is ‘ne herzensjute nachsichtje Frau, aber sie hat zuweilen ihre Ansichten, un es is ihr nich Jeder janz einjal. Commis Peschke: Des soll mir lieb sein, wenn ich ihr nich ejal bin. Also zählen wir! Ich bin Ich, ferner! Herr Frischer Zwee, Sie un Ihre Jattin Drei… Brauer Pansch: Viere! Commis Peschke: Ach richtig, bei dieser Jelegenheit zählen Sie ooch mit. Also Viere: Herr Buffey, von seine Zinsen, un sein Sohn Anderthalben, macht Fünf un en halb, un im Fall Herr Lebrecht Knubberbacke mitfährt, sind wir Siebentehalb Personen. Uf Sie, Herr Polizeischreiber Preiße, is woll nich zu rechnen, nich mal mit Kettenrechnung, denn wenn Een Zahn in unsre jroße Staats-Schreibe-Maschine fehlt, det stört unjeheuer. Polizeischreiber Preiße: Mein Commissarjus verreist in diesen Tagen selber, weshalb ich nich mitkann, selbst wenn mein jejenwärtiger Vermöjenszustand sich über Siebzehn Silberjroschen beliefe, was indessen keineswejes der Fall is. Ich habe schon nach Spanien jeschrieben, ob ich nich Finanzminister da werden könnte. Während Sie nach Trier reisen, seh’ ick mir im Bureau meinen alten Rock an, von den ick Ihnen versichern kann, daß er fabelhaft alt is. An Wolle erinnert er sich kaum mehr, der Sammt uf’n Kragen un uf de Umschläge is nach Manchester jereist un hat da höllisch Haare lassen müssen; die Brust des Rockes hat in dem Maaße abjenommen als de Taschen an Ausdehnung jewonnen haben; aber die Sympathie mit mir und der Welt hat er sich bewahrt, denn abgesehen davon, daß es ihm an Knöppen fehlt: auch er hat vom Schicksal sein Fett weggekriegt, un seine moderne Zerrissenheit kann durch keine alte Lappalien verbessert werden. Commis Peschke: Des is en unheilijer Rock. Polizeischreiber Preiße: Möglich, aber hinter diesem Rock steckt wenigstens kein Jesuit. Brauer Pansch: Davon, von Jesuiten, hört un sieht man jetzt so viel. Was versteht man denn eejentlich unter Jesuiten? Lebrecht Knubberbacke: Jesuiten is, wenn Eener en niederträchtijer Hallunke is, un en frommes Jesicht dazu schneidet. Herr Buffey (mit weisem Lächeln): Bitte Herr Knubberbacke, Sie irren sich. Sie sprechen da von was Alljemeines: Jesuiten sind aber blos katholisch. Lebrecht Knubberbacke: Bitte, Herr Rentier Buffey, Sie irren sich, trotz Ihrer Zinsen. Die katholischen Jesuiten haben des voraus, deß se sich so nennen, wie die Apotheker, wenn se wat jejen Fliejen und Mäuse jeben, en Jiftzeichen druf machen, damit de Menschen nich davon jenießen. Unsre protestantischen Jesuiten  sind aber viel schlimmer, denn die thun so, als ob sie ihren Hunger un Durst un alle ihre Leidenschaften mit Bibelsprüchen stillen, un die dennoch die Welt in die Tinte der Dummheit, der Heuchelei und der Erschlaffung bringen. Frischer: Das ist nicht wahr! Beide sind nicht werth, den Namen des ewigen Geistes auszusprechen, aber die protestantischen Heuchler erfüllen jede gesunde Natur mit Ekel; die Gesellschaft Jesu aber hat einen geistigen Reiz, der sie verführerisch macht und das Wohl der ganzen Welt gefährdet. Mir ist jede Religion, ja jede Confession recht, keine verachte, keine verhöhne ich und wären ihre Irrthümer so offenbar wie die Selbstsucht des Adels, die Bornirtheit der alten Gelehrten, die rohe Charakterlosigkeit der Masse, der erbärmliche Knechtsinn der Mittelklasse und andere Krankheiten, an denen unser Vaterland leidet; —aber die Ausbrüche der Dunkelsucht, des Aberglaubens, der egoistischen Nichtswürdigkeit müssen mit jeder Waffe und also auch mit der schärfsten, mit dem Hohn der Satyre verfolgt werden. Die kleinen konfessionellen Zerwürfnisse gehen uns Nichts mehr an, darüber sind wir hinaus: um die alten Kirchthürme herum fliegen die schwarzen Krähen und Dohlen krächzend und eifernd durcheinander; aber hoch über diesem Treiben erhaben schwebt der Adler des reinen Gottgedankens. Brauer Pansch: Aber die Jesuiten scheinen mich jetzt wieder mächtig werden zu wollen, wenigstens meint es meine Frau. Frischer: Ja, ihre Prophezeihung will sich erfüllen. Sie haben selbst gesagt: wie Lämmer haben wir uns eingeschlichen, wie Wölfe haben wir regiert, wie Hunde wird man uns hinauswerfen, aber wie Adler werden wir uns wieder erheben. Wie Menschen werden und wollen sie also niemals sein. Auch unter dem ‘Adler’ verstehen sie nur die irdische Macht, die Könige und Fürsten unter ihre Gewalt zu kriegen. Kellner eine Flasche vom besten Moselwein, der bei Trier wächst! Wir wollen den Jesuiten ein Pereat bringen! Herr Buffey (sehr erregt): Na wenn mir Eener vor’s Jesicht kommt, den will ick Bescheid stoßen. Kellner, für mir ooch ‘ne Flasche Mosel: Ich kann des, wenn es wo drauf ankommt, vor’s Wohl der Welt zu enthusiasmussen: ich habe die Mittel dazu! Wir wollen auf unsere Wallfahrt anstoßen! In Trier, abends auf der Straße Herr Buffey: Na des ist ‘ne schöne Jeschichte! Die weite Reise mit alle Strabazen jemacht, un nu keen Jasthof zu finden, wo man en Unterkommen findt, um sich als anständiger Mensch auszuschlafen un zu waschen. Wilhelm. Vater, mir schläfert! Herr Buffey: Dummer Junge, mir ooch! Wenn Du jlaubst, det Dein Vater jetzt de Polka danzen möchte, denn irrste Dir jewaltig. Aber man muß was verdragen, davor ist es ‘ne Wallfahrt. Sagen Se mal, meine Herrschaften, wat machen wir’n nanu? Sie, Madame Panschen, dhun mir besonders leid, denn so als schönes Jeschlecht in ‘ne wildfremde Stadt rumzujehen un keen Unterkommen finden zu können, des is. . . . Hyacinthe Pansch: Hier in dieses rohe Jedränge sich so stoßen lassen zu müssen, des is für eine Dame von Stande wie ich nich zum Aushalten. Freilich wenn wir noch in’s Mittelalter wären, da hätte sich ein Ritter vor mir aufgeopfert, aber heutzutage (die Nase rümpfend) die Männer! Selbst schläfert ihnen, wenn se für einer Dame besorgt sein sollten! Herr Buffey: I hören Se mal, Madam Panschen, ick will Ihnen jar nich abstreiten, deß Sie nich mehr in’s Mittelalter leben, obschon wir villeicht noch mal wieder dahin kommen, aber alleene worum mir als Mensch und preußscher Bürjer nich schläfern soll, des begreif ich nich; darin find’ ick durchaus nischt Unhöfliches. Et is möglich, deß en’ Ritter von’s Mittelalter, der den janzen Dag un de halbe Nacht über soff un raubte, ‘ne bess’re Constitution hatte, wie se allerweile in Deutschland existiren, aber wenn so’n Raubritter wie ick von de Eisenbahn un von Thurn und Taxissen  so zusammenjerumpelt wäre, deß ihm so wäre, als wäre jedes Jlied blos an’s andre mit en bisken Oblate aneinanderjeklcbt un könnte jeden Oogenblick abfallen, denn würde er nich blos seine Minne, sondern ooch seine Hyacinthe un jedes andre Frauenzimmer verjessen. Aber darum, Madame Panschen, können Se sich doch druf verlassen, det ick weeß, wat ick des schöne Jeschlecht schuldig bin, un daß ich meine Oogen nich eher schließen werde, als bis Ihnen, wie soll ick sagen, um es anständig auszudrücken? — als bis Ihnen der Jott der Träme umjaukelt, heeßt des! Commis Peschke: Ich bin dem andern Jeschlecht weit mehr schuldig als dem schönen, aber ich werde deshalb doch nicht eher ruhen als bis die holde Panschen schläft. Lebrecht Knubberbacke: Frau Brauerin, zweifeln Sie nie wieder an die Ritterschaft eines ächten Berliners, Fleischfarbige doppelte Hyacinthe, ich jehe, Ihnen ein weiches Lager zu suchen, auf welches Sie Ihre sämmtlichen Jlieder legen können, un von Morpheussens ‘ne Viertelmetze Mohnkörner zu holen, die ich Ihnen in die zarten Behältnisse Ihrer Stirn streuen werde. (Sich verbeugend.) Bis dahin: Aalaf Trier! (im Gehen, zu Frischer). Ne schöne Bolle, diese Hyacinthe! Herr Buffey (sich ebenfalls verbeugend, ernst): Aalaf Trier! Uf Wiedersehen, Madam Panschen! (Rufend.) Herr Knubberbacke, nehmen Sie mir mit zu Morpheussens, vielleicht is da noch en Bette vor mir un meinen Sohn Willem übrig, oder wenigstens en Sopha mit ‘n Koppkissen! Mein Jeist is müde, un meinen Willem seiner ooch. (Zu Madame Pansch) Aalaf! Hyacinthe Pansch: Nein, Herr Rentier, Sie bleiben hier bei mich und meinen Mann. Ich muß einen vernünftigen Beschützer haben, und Ihr Sohn könnte Ihnen bei des Gedrängle unter den rohen Haufen abhanden kommen. Herr Buffey (sich verneigend): Des is was Anders, des jeht mir an de Ehre als Ritter, wenn ein schönes Jeschlecht was von mir fordert. Als Beschützer muß ick mir zusammennehmen, obgleich mir äußerst müde zu Muthe is. Indessen, wie jesagt, Madam Panschen, vor meinen Willem kann ick als Beschützer nich stehen, weil sich derselbe kaum noch uf de Beene halten kann. Das Einzije, was ihn noch aufrecht erhält, deß is des Interesse, was er an den heiljen Rock nimmt, weswejen ich die janze Reise jemacht habe. Denn Sie müssen wissen, Madame Panschen, mein Sohn is, ohne deß ick ihn als Vater schmeicheln will, sehr dämlich, un nu hab’ ich erscht neulich jelesen, daß so ‘ne Weltbejebenheit manchmal den jrößten Einfluß uf en bornirten Kopp hat un ihn plötzlich Licht jibt. Villeicht, deß ooch ihn der heiljeRock selbst inschpieriert, nennt man des! Denn wenn er Wunder thut, woran man doch nich zweifeln kann, wenn des Allens, was hier jeschieht in Trier, im Jahre 1844 jeschieht, so muß mein Sohn klug werden. Nicht wahr, Willem? (Streichelt ihm die Wange) Nich wahr, nach den heiljen Rock sehnst Du Dir sehr? , Wilhelm (weinerlich): Ne, Vater, mir schläfert! Herr Buffey (giebt ihm einen Backenstreich): Schafskopp verdammter! Sehn Se, Madame Panschen, was fängt man nu mit so’nnen dummen Jungen an, der janz incurabel is? (Schlägt die Hände zusammen) Nu hab’ ick ooch die weite Reise hierher nach den heiljen Rock jemacht! Ooch umsonst! Ooch umsonst, wie Allens umsonst, was ick nu schon zum endlichen Klugwerden vor diesen Esel von Sohn unternommen habe. Mehr können die Schriftsteller nich mit’s deutsche Volk zu thun haben, wie ick mit meinen Sohn! Aber wer einmal Schafskopp ist, der bleibt Schafskopp, un wenn man ihn Zwanzig heilje Röcke überzieht! Brauer Pansch: Bitte, Herr Buffey, es jibt man Achtzehn! Herr Buffey: Achtzehn Stück? I sehn Se mal! Nu, des is ‘ne janz anständige Jardrobe; da braucht die Heiligkeit nich mehr in Hemdsärmeln zu jehen. Ich habe man zwee Überröcke, eenen Leibrock vor Jesellschaften, einen Palletho, un en Mantel un en Schlafrock. Und ick bin zwar nich jerade heilig, aber ick lebe doch ooch, ohne zu arbeeten. Hyacinthe Pansch: Pansch, ich verbitte mich des, daß Du so was jejen meine Reeljon sagst. Des hier in Trier is der einzije heilje Rock, der ächte, den unsre Kirche hat. Herr Buffey (verwundert): Ihre Kirche? Also sind Sie katholsch, Ihr Mann ooch? Brauer Pansch: Ne, meine Hyacinthe blos; wir sind jemischt. Herr Buffey: I sehn Se mal, des is des Erste, was ich höre! (Gutmüthig.) Nu des schadt nischt, Madam Panschen, ich bin zwar efanjeelsch, aber des schadt nischt! ich dulde! (Mit ernster Entschiedenheit) Sie sind ein Mensch, Madam Panschen, un …. Hyacinthe Pansch: Was? Herr Buffey (fortfahrend): Un es is janz einjal, was ein Mensch vor eine Reljon hat, wenn er man ein juter Mensch is un der Andere ihm duldet! So is es, Madame Panschen (er reicht ihr die Hand). Hier is meine Hand! Wejen de Reljon keine Trennung zwischen uns: ick dulde Ihnen! Commis Peschke (zurückkehrend): Nanu is Allens abjemacht. Allens da, bis uf Holz un Miethe! sagt der Nagelschmiedjeselle Koofdirwas mit Frau un Sechs Kindern, nachdem von den Verein für die arbeitenden Klassenjährlich en Silbersechser uf seinen Theil jekommen war. Allens da: Abendbroot, sojar Ahendbutter, Nachtherberje, Waschnapp un Morjenkaffe! Hyacinthe Pansch: Na Jott sei Dank! Is der Jasthof weit? Commis Peschke: Jasthof? Ne, wejen Jasthof, des stört! Jo nich Jasthof, reizende doppelte Hyacinthe. Bei die Zeiten ooch noch? Spaaß, in Trier, alleweile! Ne, ene Scheune is ooch keen Hund! Wenn Se da drüber nachdenken, woruf Sie schlafen werden, denn können Se Heu rathen. Hyacinthe Pansch: Was, ich auf Heu! Sie sind wohl nich klug, Herr Peschke? Commis Peschke: I nu, es jeht! Ich will Ihnen sagen, anjenehme Bier-Hyacinthe, man trägt sich mit der Meinung rum, Alexander von Humboldt wäre en jrößerer Jelehrte als ich, indessen bin ich doch nich so auf den Kopp jefallen, um nich hier, in Trier, einzusehen, deß ich für mein Jahrhundert noch viel zu viel Verstand habe. Hyacinthe Pansch (zu den Andern): Is des wahr, daß ich in einer Scheune die Nacht zubringen soll und wahrscheinlich unter Krethi und Plethi? Frischer: Gott ist überall, Frau Pansch, auch in der Scheune verläßt er die seinen nicht. Ist’s Ihnen indessen angenehmer, die Nacht im Himmelbette, unter seiner Sternendecke zuzubringen, so sparen Sie noch sechs Kreutzer Schlafgeld, denn der liebe Gott gibt all sein Gutes umsonst. Er wuchert nicht, wie gewisse Schurken. Herr Buffey: Nach Kreutzer wird hier jerechnet? Frischer: Zuweilen. Kreutzer sind frommes Geld, das auch zugleich an die allgemeine Noth erinnert. Herr Buffey: Na kann man denn da ooch was zu essen kriejen in die Scheune? Un wenn man ooch noch so fromm is um den heiljen Rock, so kann man doch im Jrunde nich aus Frömmigkeit verhungern. Wenn ick so Bratkartoffeln mit Karmenade haben könnte, die würden mir sehr schmeicheln. Nich wahr, Willem? Wilhelm: Ja, Bratkartoffeln, un denn nachher jleich zu Bette, Vater! Herr Buffey: Ja hat sich wat zu betten! Zu Scheune, Schafskopp! Du kannst Dir freuen, dat Du mal uf Heu schlafen kannst. Denn des kenn’ ick noch aus meine Jugend her, deß ick am liebsten de Landparthieen darum mitmachte, weil ick da uf’n Heuboden schlafen konnte. Na also, meine Herren, wie is es von wejen Abenbrot? Leberecht Knubberbacke: Wir nehmen unser Souper in einem Weinhause ein, wo es zwar auch sehr voll is und stark jefastet wird von einer heute anjekommenen Prozeßion, die seit Sechs Dagen unterwejens is, wo man aber doch was kriegt. Nanu aber, bitt’ ich, keinen längern Aufenthalt! Wer noch länger zöjert un sich besinnt, der kann jefälligst Hungerpoten saugen, was jetzt en sehr bekanntes un jangbares Land- un Stadtjericht is, bis mal…. Hyacinthe Pansch (im Gehen): Na, wenn ich Das jewußt hätte, herrjeeses, wie säß’ ich noch janz stille vor meinen Nippdischin Berlin! Commis Peschke: Ja, un Wir Abends vor unsere Nippdische im Wirthshaus. (Einen Fremden anrufend) He da, Sie da! Des is ja hier woll die Mosel, Tochter des freien deutschen Rheins, wo unsre Reben wachsen? Können Sie mir nich sagen, wo meine stehen? Der Fremde: Für Sie wachsen nur Reben ohne Blätter und Trauben. Leberecht Knubberbacke (sieht dem Commis Peschke listig in’s Gesicht): Hören Se mal, Sohn des Merkurs, hier bei Mosels scheinen Se ooch nich uf’n Kopp jefallen zu sind, wie? Diese Antwort war sehr treffend, wenn ooch nich janz so treffend, wie die Ihnen in Aussicht jestellten Früchte. Ne, noch sind se nich uf’n Kopp jefallen, un die Kreuzbraven, Drei Mal ehrlichen Biedermänner, die Pfaffen, werden Ihnen jewiß nischt zum Stolpern in den Weg lejen. Herr Buffey (ruft): Willem, wirste hier bleiben? Verloof Dir nicht, Esel, daß Dir nachher Dein Vater wie ‘ne Stecknatel an de Mosel suchen kann, wo er nich so Bescheed weeß, wie an de Spree oben bei früher Fleischfreßern in jrüne Aale un Jurkensalat, un unter’n Unterboom hintern Seejerschen Holzplatz bein Halloren Lutzen, wo ick Dir an de Stange zappeln lernen lasse un nach Luft schnappen, denn von Schwimmen wird bei Dir doch nie de Rede sind; denn könnt’ste ja mal wat, un det wäre Dein Ende. Ick bin überzeugt, so wie Du schwimmen kannst, so versaufste aus Consequenz. Commis Peschke: Da is das Wirthshaus! Herr Buffey. Na, Gott sei Dank! Der Rheinwein is ja woll hier an de Mosel sehr billig, da will ich mir wieder janz neue Lebensjeister ansaufen, denn . .. Hyacinthe Pansch: Pfui! Herr Buffey (sich verbessernd): Drinken, drinken, Madame Panschen! Ich dachte nur, weil Sie mir vorher zu Ihren Ritter jewählt haben, deß ich da ooch saufen müßte, denn natürlich: vor’n orndlichen Ritter is Drinken blos die nothwendije Beschaffung, welche zur ersten Stillung des Durschtes erforderlich is, alle anjenehme Zerstreuung über den Durscht natürlicherweise: saufen. Das Wort klingt Ihnen übrijens blos so fürchterlich, Minne, es is. . . Hyacinthe Pansch: Minne? Brauer Pansch. Meine Jattin heißt nich Minne, sondern Hyacinthe. Herr Buffey (mit Sicherheit): Ich sage: Minne, weil ich Ihr Ritter bin, un deß sich des hier so romantisch mit Ihnen zujetroffen hat, des is dieSymparthie mit die Ruinen. Also ich wollte sagen, des Wort Saufen klingt Ihnen blos so fürchterlich, Minne; es is eijentlich viel solider wie Drinken. Denn Sie können doch von keinen Ritter un von keinen anständigen Mann verlangen, deß er jedes Mal seinen Kopp so dämlich wie’ne Henne in de Höhe halten soll, um eenen lumpijen eenzelnen Droppen runterkullern zu lassen, un doch heeßt des uf Hochdeutsch Saufen, während man jetzt oft in de Zeitung liest von: deß uf das Wohl von Den un Den un Des un Des jedrunken is, un ich sage Ihnen, Minne Hyacinthe Pantschen, des Wohldrinken kenn’ ich; des is des größte Wohlsaufen, was Se sich denken können. (Sich zu den Andern wendend) Apropos, ehr wer in de Weinstube jehen, wo is denn unsre Nachtscheune, im Fall der Eene oder der Andere….. Commis Peschke (während sie in’s Haus treten): Die Scheune ist… Frischer: Ach, mein Herz lechzt nach einem frischen Trunke dieses goldenen Weines! (Sich umwendend) Dein Volk, Du schöner Rhein, Du greiser König in ewiger Jugendkraft, und das Deiner glücklichen Tochter kann nicht hinabgezerrt werden, denn der Saft Eurer Reben zeugt gesundes, heiteres Blut und wird absondern das Gift des Teufels, in welcher Gestalt es komme! Hier an der Grenze meines deutschen Vaterlandes will ich das deutsche Volk der Zukunft leben lassen, dem alle Tugenden des heutigen geblieben sind, das aber dessen Bedientennatur abgestreift hat, das alle Wunder verachtet und nur die der ewigen Ordnung und des fortschreitenden menschlichen Geistes verehrt! Im Weinhause Herr Buffey: Ubrijens, ich habe mir des hier weit frommer jedacht in Trier. Des is ja hier beim Wein eine Lustigkeit un eine Lebendigkeit, als ob … Frischer: … ein Constitutions-Fest gefeiert würde. Und eine Constitution heilt doch zuweilen die Wunden eines ganzen Volkes, während der heilige Rock nur zuweilen die Wunden Einzelner heilt, die äußerst starken Glaubens sind. Herr Buffey: Mein Essen vor mir un meinen Willem bleibt sehr lange; hier scheint et Hitze zu kosten, bis Etwas aus den rohen Naturzustand jebracht wird. (Herrn Buffey werden, ohne daß er’s bemerkt, sehr verdrießliche Blicke zugeworfen) Was ich sagen wollte, wat kost’t denn der heilje Rock Entree? Commis Peschke (leise zu ihm): Sperrsitz 16 Jroschen, Parterre 8, Gallerie 4 Jroschen. Herr Buffey (laut): Was? Des find’ ich verdammt dheuer; da kann man ja in Berlin de schönste Komödie vor sehen, un nich blos Röcke, sondern wo noch Jehalt drinn is, Jeist nennt man des! Mehrere Stimmen: Maul halten! Werft ihn hinaus! Hinaus mit dem Spötter! Herr Buffey (blaß vor Schreck): Wie sagen Sie? Meinen Sie mir? Mir, der ich blos um den heiljen Rock herjereis’t bin, um zu sehen, ob er meinen Sohn von seiner Dummheit kuriren kann? Mehrere Stimmen. Lästerer! Hinaus mit ihm! Herr Buffey (wird nach und nach immer hitziger): Wie sagen Sie? Nach die weite Reise, ohne en warmen Bissen im Leibe zu haben, rausschmeißen? Mir, Rentier?! Is des Dankbarkeit? Is des reljöse Duldung} Ick bin Proteschtant, des iswahr, aber des kann ich sind! Wir haben in unsere Kirchen keene Röcke, die Wunder dhun, un wenn Sie welche in Ihre Kirche haben, so freuen Sie sich darüber, un behalten Sie Ihren wunderlichen Jlooben un lassen Sie uns unsern, wo Jott keen Schneider is, sondern Jott! Ick habe als Proteschtant jefragt, wat der heilje Rock Entree kost, un mir über die hohen Preise jewundert, wo man bei uns janz andere Komödien vor sehen kann. Un wundern kann ick mir, davor bin ick preußscher Unterthan, un in janz Preußen kann sich jeder Unterthan wundern, so ville er will! Mehrere Stimmen: Hinaus mit dem Lästerer. Er wird immer unverschämter! (Man steht auf und rückt mit drohender Miene immer näher gegen Herrn Buffey) Herr Buffey (im größten Eifer, die Gefahr verachtend): Un wenn Sie vielleicht jlooben, deß ich aus Knickrigkeit nach des Entree jefragt habe, so irren Sie sich, so is des ein zu beklagendes Mißverhältniß, wie die Staatszeitung sagt, heeßt des! Ich lebe von meine Zinsen, ich kann was vor heilje Röcke ausjeben, wenn ich will, un der Beweis is, deß ich deshalb hieher jereist bin, wo man unterwejens von de Eisenbahnen un von Thurn un Taxissen keenen Ducaten vor’s Fahren kriegt! (Er wird angefaßt, wild) Herr, in’s Dreideibelsnamen, lassen Sie mir los, oder ick steche Ihnen uf Ihre Wunderbacke ‘ne janz vernünftje protestantsche Bremse, det Sie janz aus de Jejenwart verschwinden, un mindestens fünf Jahrhunderte zurückfliegen sollen! Frischer (leise zu ihm): Gehen Sie hinaus, Herr Buffey, folgen Sie mir! Denn wenn wir Ihnen beistehen, so werden Jene nur noch giftiger, und vertheidigen können wir uns doch nicht gegen die empörte Masse. Die Gebildeten nehmen zwar keinen Theil, aber der Rohen sind genug, um keinen Knochen an uns ganz zu lassen. Herr Buffey (fortfahrend, ohne auf Frischer zu hören): Wenn Sie mir als rohe Masse als Einzelnen anfassen un über mir herfallen, so behandeln Sie mir als Opfer, als Märterer nennt man des! un ich werde vor de Jute Sache rausjeschmissen, vor de Aufklärung! (Man zieht ihn lärmend von seinem Sitze fort) Lassen Sie mir, sag’ ich! Wilhelm (weinend): Vaater! (Schreiend) Lassen Sie meinen Vaater zufrieden! Herr Buffey: Stille, Sohn! Ich danke Dir vor Deine Theilnahme, aber misch’ Dir nich in confessionelle Anjelejenheiten, dazu biste zu jung un zu dämlich. (Zu der lärmenden Menge, die ihn immer mit dem Rufe Hinaus! unterbricht) Wenn ick jewußt hätte, deß Sie hier noch so weit zurück sind, deß man sich nich mal mehr wundern kann un nach was erkundjen, denn war’ ich jar nich herjereist! Denn war’ ich zu Hause in meine vier Pfähle jeblieben, wo man mir mit Respekt bejejnet, als Bürjer, als Rentier, als Wirth! Röcke kann ick mir jenug in Berlin ansehn, dazu brauch’ ick nich erscht hierher zu kommen, un wenn Sie jlooben, deß es blos um de Mosel un um den Rhein jeschehen is, so sind Sie schief jewickelt, sag’ ich Ihnen! Denn wir haben bei uns de Spree, un de Spree is eben so naß wie der Rhein un de Mosel, un vielleicht noch nasser! Mehrere Stimmen: Hinaus mit ihm! (Er wird von verschiedenen Seiten angepackt und fortgezogen) Herr Buffey (sich mit aller Macht sträubend): Ne ick will noch nich raus! Ick jeh’ nachher janz alleene, ohne Ihr Zudhun. Ick habe noch keenen warmen Bissen im Leibe, un habe nich daran jedacht, über Hundert Meilen zu reisen, um hier zu verhungern. (Als er keine Rettung mehr sieht, in höchster Wuth) Wissen Se, wat Luther von den heiljen Rock sagt? Die janze Jeschichte mit den heiljen Rock is eine Beschei…(er wird hinausgeworfen). Mehrere Stimmen: Hinaus mit dem Ketzer! Todtgeschlagen hätte er werden müssen! Herr Buffey (den Kopf durch die Thür steckend, im größten Zorn): Haben Se wenigstens die Jewogenheit, un schmeißen Sie meinen Sohn ooch raus! Des kommt mir wenigstens als Vater zu, deß mir mein Sohn mitjejeben wird, wenn ich rausjeschmißen werde! Willem, bring’ mir meinen Hut un meinen Parrazoll mit, un verjeß’ Deine Mütze nich. Na mir kommt wieder Eener mit ‘ne Wallfahrt! Auf der Straße Herr Buffey: Na wat sagste nu Willem? des is ‘ne Verjnüjungs-Reise, die ick eigentlich blos unternommen habe, weil Du so bornirt bist un ick dachte, deß Du vielleicht durch Berührung an den heiljen Rock etwas heiljen Jeist abkriejen könntest. Überjens Wunder scheint er doch zu thun, denn deß mir des als Rentier passirt, deß ich wo rausjeschmissen werde, der ich mir überall als der anständigste und artigste Mensch unter de Sonne benehme, des jeht nich mit rechten Dingen zu. Nanu komm man, Willem, nu wer’ ick sehen, det ick unterwejens en paar Salzkuchen oder jeschmierte Schrippen ufjable, damit wer wenigstens nich verhungern. Des is noch en wahret Jlück, det ick mir vorher habe beschreiben lassen, wo unsre Nachtscheune is. Denn wenn mir ooch scheint, det ick die Scheune nich werde finden können, weil ick hier zum ersten Mal zum Verjnüjen in Trier bin, so war es doch immer vorsichtig von mir, Berücksichtijung der Verhältnisse, wie de Staatszeitung sagt, weil wir sonst de janze Nacht hätten uf de Straße rumloofen können, oder vielmehr liejen, denn uf Loofen werden sich unsere Beene woll nich mehr lange inlassen, (steht stille) Wat meenste, Willem, wie jefällt Dir’s an de Mosel? Des is en sehr schöner Fluß, so viel hab’ ick los, hinreißend schön; er hat eine äußerst schnelle Strömung, aber von’t Bette hab’ick nochnischt jespürt. Des nennen se nu eine Dochter von freien, deutschen Rhein, wo en freier deutscher Preuße jleich rausjeschmissen wird, ehr er noch was in Majen hat! Na mir lad’t wieder Eener zu ‘ne Wallfahrt ein, der kann Jrobheiten besehen. Ick fahre nich mehr Wall, un wenn ‘ne janze Jewerbe-Ausstellung von heilje Röcke zu sehen is. Vor dem heiligen Rocke Lebrecht Knubberbacke: Ich habe einen fürchterlichen Katzenjammer, aber ick bejreife nich wovon. Jedrunken hab’ ick sehr wenig; des muß in de Zeit liejen. Herr Buffey: Willem, seh’ Dir mal Allens an, bis wir rankommen, (zu Hyacinthe Pansch) Ne ick sage Ihnen, Madam Panschen, wie ick mir heute Nacht un heute Morjen als anständijer Mensch un Vater un Erzieher in die Scheune jeschämt habe, davon haben Sie keenen Bejriff! Sie sind ‘ne verheirathe Frau, un ich kann Ihnen Des woll sagen, wie mir Des afficirte, nich wejen mir, sondern wejen meinen Sohn, als Vater, wie da Alles zujing, un wie da die Mannspersonen un die Frauenzimmer durcheinanderlagen, un des Kichern un des Flüstern, un was man da Allens zu… Hyacinthe Pansch: Herr Buffey, ich verbitte mich Das! Herr Buffey: Ja, ich kann mir denken, deß sich Ihre Moralität jejen diese Sittenlosigkeit un niederträchtije Jemeinheit sträubt, die man Prozession nennt. Des Haus, die Familie, die Arbeit wird vernachlässigt un dajejen alle Schändlichkeiten jedrieben, un Des nennen se denn frommes Werk un Jottesjlaube. Na ick müßte mal en Wort mit’n Papst sprechen können, den wollt’ ick Bescheid sagen, det ihm Madam Päpsten Thee kochen müßte. Wenn ick nich jloobte, deß vielleicht mein Willem durch den heiljen Rock zu Verstand käme, denn… Hyacinthe Pansch: Na hören Se mal, Herr Buffey, deß er jrade Verstand verbreitet, das jlaube ich nicht, obgleich ich Katholikin bin. Herr Buffey: So? Sie jlauben nich? Na, en Versuch kann wenigstens nicht schaden, (sich umwendend) Sagen Se mal, Herr Knubberbacke, wer is’n der Priester da mit de rothe Nase, der eben ufschließt? Lebrecht Knubberbacke: Der hat de Reliquien unter sich; des is der Reliqueur. Herr Buffey: So, na ja, so sieht er ooch aus. So, nanu wollen wir näher treten. Willem, halte Dir an meinen Rock feste, denn sonst verlierste Dir hier in de katholische Kirche! Nanu seh ‘mal, da hängt er! Wie alt is der heilje Rock? Commis Peschke. Über Achtzehnhundert Jahre. Herr Buffey (die Hände zusammenschlagend): Herrjeeses! Über Achzehnhundert Jahre alt, un noch nich de Motten rinjekommen! Lebrecht Knubberbacke: Ja, des is natürlich, er wird alle Vierteljahre mit Spieke  einjeschmiert. Herr Buffey: Un wo bleibt er denn so lange, wenn er nich ausgestellt is? Lebrecht Knubberbacke: De Röcke werden alle in de Klöster ufjehoben, dazu sind de Klöster da. Herr Buffey: Et is ‘ne Art Palletho, aber wat et vor Zeug is, des hab’ ick noch nich rauskriejen können. Commis Peschke: Dummes Zeug! Herr Buffey: Ob es Buckskin is oder Casemir, darüber bin ich noch in theologischen Zweifel. Wenn ick man erscht janz nah’ ran könnte, denn wollt’ ick mir schon überzeugen, aber daran hindern mir die Priester un des dumme Volk, wat davor steht. Überjens täusch’ ick mir, oder sind ‘ne Masse Federn uf den Rock? Mir kommt et so vor. Er sollte mal bekehrt werden. Et wird doch woll noch ‘ne Bürschte anzuschaffen sind. Lebrecht Knubberbacke: Auskloppen wär’ noch besser, aber denn müßte ihn Arnoldi anhaben. Commis Peschke: Fuslig scheint er mir ooch zu sind. Na des hat er wohl noch vom Kloster mitjebracht. Er besitzt übrigens keine Naht, det wissen Sie doch, Herr Ritter Buffey-Rentmanndes von Tabagie auf Zinsenburg? Herr Buffey: Keene Naht? I Sie sind woll verrückt! Er kann doch nich mit die runterbammelnde Ärmel so jewachsen sind. Mir scheint er drei Mal jenäht zu sein, wenigstens, denn sonst hätte sich der Schneider doch woll en Patent druf jeben lassen. Commis Peschke: Na, kennen Sie die janze Lejende nich von diesen heiljen Rock? Herr Buffey: Ne! Commis Peschke: Die is so: den Rock, wo noch das Blut von de Kreuzijung dran war, jehörte Herodessen, der ihn an einen alten Schacherjuden vor’n Dhaler un sechs Silberjroschen verkoofte, der ihn ihm aber wiederbrachte, weil er ihn nich reene kriejen konnte. Nu wird der Rock in’t Meer jeschmissen, wo ihn sogleich en Wallfisch verschlingt, weil er ihn vor’n jroßen Kulbarsch hielt. Des war wahrscheinlich derselbe Wallfisch, in den Jonas drei Dage Chamberjarnie  wohnte, un der leider alle solche Heiligkeiten wieder ausjespieen hat. Diesen Rock behielt er indessen acht Jahre bei sich, obschon er alle Dage Bittersalz  einnahm, bis der König Önde oder Horrende,  einer der drei Söhne des Königs Eigel der 72ste zu Trier, auf seiner Wasserparthie nach dem heiljen Lande mit Mann und Maus unterjeht, weil die Ritter sehr im Sturm waren. Horrende wird alleene jerettet un tritt bei einen Fischer janz nackend in den Dienst als Fischerknabe. Beide jehen eines Dages angeln, un der Wallfisch beißt an den Zopp an, laßt sich fangen, un wird von den heiljen Rock operirt, den sich nu König Horrende anzieht, damit er zurückkehren kann, wat ohne Rock unanständig jewesen wäre. Der Rock macht ihn mit een Mal unverwundbar, so deß er alle Schlachten jewinnt, un so zieht er jejen de Heiden un jejen die falschen Tempelherren — wozu jetzt der Rock nich mehr benutzt wird — un erobert sich zujleich seine Liebste, die schöne Könijin Bride, un eben als er sich mit ihr vermählen will, kommt mit een Mal en Engel dazwischen und lispelt uf Himmlisch: davon später! Eure Majestät werden vom Höchsten ersucht, Allerhöchst jefälligst neun Jahre zu warten. Nu jiebt et wieder Mord un Dodtschlag jejen die armen Heiden, die damals noch so dumm waren, nich bejreifen zu können, deß des reine, niemals von seinen Priestern entweihte Christenthum janz alleine zur Seligkeit führt. Nu wie die neun Jahre um sind, un Horrende mit seinen Jejenstand’, de Breiden, eben zum dritten Mal ufjeboten is, so kommt wieder der Engel un sagt: contre-ordre! Siederfen sich niemals verehlichen, sondern haben sich, bei Vermeidung höherer Jewalt, in spätestens vierzehn Dagen uf Ihr Ende vorzubereiten, indem Sie jefälligst sterben werden. Uf Wiedersehen!! Ich empfehle mich Ihnen jehorsamst, atje! Herr Buffey: Des is ‘ne sehr interessante Lende, Lejende wollt’ ich sagen! Commis Peschke: Seit der Zeit darf Keener, der en heiljen Rock anhat, heirathen. Herr Buffey: Aber deß sich der janz unnähtije Rock seit de frühste Fabelzeit bis uf de heutje erhalten hat, des bleibt horrende! deß er nich entzwee jejangen is un de Motten nich rinjekommen sind, des versteh’ ich noch immer nich, des faß’ ich nich, weil es jejen meine Erfahrung als Bürjer streit, un jejen meinen jesunden Menschenverstand. Lebrecht Knubberbacke: I, Herrjees, Herr Buffey: Motten können in den heiljen Rock eijentlich jar nich reinkommen, denn, des wissen Sie ja, die Motten dränglen sich immer blos dahin, wo Licht is. Un wenn nu ooch so’n alter Rock wirklich entweejeht: wat die Mönche Allens zusammenflicken, davon haben Sie jar keenen Begriff! Sehn Se mal, wie er des vorletzte Mal ausjestellt wurde,  da küßten nich blos all die Dausende Priester un Menschen an den Rock, wie in Polen un Rußland die Leibeijenen ihre Besitzer, sondern da verkoofte die Kirche ooch lauter kleene Lappen von den heiljen Rock als Sündenablaß un Talismann jejen Unjlück. Frischer: Und all’ die alten Lappen sind jetzt zu Papier zerstampft, auf welchem gegen Trug und Lug gekämpft wird. Herr Buffey: Uf des Futter von den heiljen Rock bin ich doch neujierig, wenn ick erst näher ran kann, (mit wichtiger Miene) denn des Futter scheint mir bei den Rock die Hauptsache, weil — weil doch allens Heilje nich äußerlich is, sondern inwendig stecht. Halt, jetzt wird en bisken Platz! Nanu, Willem, jeh’ mal hin un küsse den Rock! Wollen mal sehen, ob et wat hilft. Wilhelm: Ne, ick fürchte mir, Vater! Herr Buffey: Wat? I wo wirste Dir denn vor sonnen dummen Rock fürchten, Schafskopp! Der beißt nich: man janz dreiste anjefaßt, des is de Hauptsache! Na ick sage Dir, wenn De nu nich den Oogenblick hinjehst un küßt den heiljen Rock, denn kriegste en Katzenkopp,  det de nich weest, zu welche Confession Du jehörst, Theekessel! Wilhelm (folgt dem väterlichen Befehle ängstlich und kehrt mit weinerlicher Miene zurück) Herr Buffey (sehr gespannt): Na biste nu klug? Wilhelm (mit heruntergezogener Unterlippe): Det weeß ich nich, Vater. Herr Buffey (milde): I Du bist nich klug, wat wirste denn nich wissen, ob Du klug bist! Warte mal, ick wer Dir mal wat fragen. (Er sieht sich um). Mir fällt man nich jleich was ein! Hören Se mal, Herr Frischer, fragen Sie ihn mal was, aber recht was Schweres, damit ich jleich daraus ermessen kann, ob er klug is. Frischer: Na wollen einmal sehen. (Wilhelm in’s Auge fassend). Sage mir, Wilhelm Buffey, wie wird Deutschland seinen Durst nach Freiheit stillen? Wilhelm (immer noch weinerlich): Mit baiersch Bier. Herr Buffey (aufschreiend): Ach, Herrjeeses! (weniger laut). Warum nich jar durch Bischof! (Ergreift schnell seinen Sohn bei der Hand und zieht ihn mit sich fort). Nanu komm’ man; nu weeß ick, woran ick bin! Bei Dir hilft jar nischt! Ick gloobe, un wenn Du den heiljen Rock, wie der Wallfisch, im Magen hättest, acht Jahre lang, Du würdest nich klug. Un darum von Berlin nach Trier, darum ‘ne Wallfahrt, nennt man des! Ick bin eejentlich noch dummer wie mein deutscher Sohn, deß ich noch immer jloobe, er könnte zu Verstand kommen. Frischer: Trösten Sie sich; es haben viel ältere und höherstehende Menschen weitere Reisen und noch weitere Erfahrungen gemacht, und sind doch nicht klug geworden. Lebrecht Knubberbacke (im Hinausgehen, sich noch ein Mal umschauend): Merkwürdig: in den katholischen Dom brennen ‘ne Menge Lichter, un es is doch nich sehr helle drin. Auf der Rückkehr Herr Buffey: Eijentlich weeß ich nu doch nich, ob der Rock ächt is oder nich. Frischer: Ächt oder nicht ächt! Mir ist, als müsse ein Ehrenmann aus dem katholischen Priesterstande selbst aufstehen und in gemischter Seelen-Ehe katholischen Eifers und lutherischer Entschiedenheit losdonnern gegen solche Reliquien-Verehrung und gegen alle Umtriebe, welche bezwecken, das Volk durch Finsterniß zur Knechtschaft, Gewissensangst und Verderbtheit zurückzuführen. Dann werden aber nicht nur die heuchelnden Diener der römischen Hierarchie die Presse verdammen, daß sie vor den Augen des Volks solche Lästerungen zu lästern wagt, auch den protestantischen Heuchlern wird angst werden und sie werden ausrufen: macht kein böses Blut; laßt die flüchtige Tagespresse sich nicht befassen mit Dingen, welche theologische Forschung und Weisheit erfordern! Aber die ächte Religion bedarf der theologischen Forschung und Weisheit nicht; sie ist eben Gottes Wort und also klar wie Gottes Wort, wie der menschlich-göttliche Spruch: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Die theologische Forschung und Weisheit haben mehr Unheil über die Welt gebracht, als in Worten auszusprechen ist, weil sie der Widerspruch des Ausrufs Christi waren: Laßt die Kinder (das natürliche Gefühl und den natürlichen Verstand) zu mir kommen, denn solchen ist das Himmelreich! Und wenn jene Römischen schreien werden, daß der duldende Staat die Ausstellung des Trier’schen Rockes mit ernsten und zornigen Worten, mit Witz und Poesie und Hohn verfolgen läßt, so dürfte der duldende Staat antworten: Ihr habt die Preßfreiheit für Euch gewollt, also laßt mindestens die mildere Censur den Andern. Und ferner dürfte er sagen: ich verfolge die Ausgeburten des Protestantismus, den Pietismus, die schnöde Dunkelsucht der Zeloten,  die Muckerei  mit ernsten und zornigen Worten, mit Witz und Poesie und Hohn, ja sogar mit den strafenden Gesetzen, warum nicht Eure Ausgeburten mit denselben Waffen? Weiß ich doch, daß ihr listiger, ränkevoller, consequenter, mächtiger und daher gefährlicher seid als die Irrenden und Heuchelnden der andern Glaubensform, welcher wenigstens die freie Wissenschaft zur Seite geht, während Euch die Stabilität im Nacken sitzt und Intriguen gegen jeden schönen Fortschritt der Menschheit in’s Ohr flüstert? Sollen wir nicht Alles thun, daß die Jesuiten wieder wie Hunde hinausgejagt werden und sollen wir nicht die Ultramontanen  über alle Berge wünschen! Aber, rufe ich, und erstaune, daß die ganze kluge Presse meines Vaterlandes diesen einfachen Gedanken noch nicht ausgesprochen hat: was Wunder über die Ausstellung und Anbetung des heiligen Rockes zu Trier; welch’ komischer Enthusiasmus für die Polemik gegen solchen gefährlichen Unsinn! Welch Aufschreien gegen Das was gang und gäbe ist, welches Entflammen gegen eine Sünde, die Ihr alle Tage begeht! Leben wir denn in einer andern Welt als in der der Rock-Verehrung? Werft Eure Blicke wohin Ihr wollt: seht Ihr nicht überall heilige Röcke des Aberglaubens, des widersinnigsten Vorurtheils, der inhaltlosesten Sitte, der gemeinsten Menschenseelen-Verrenkung, der schuftigsten Kriecherei? Versündigt Ihr Euch nicht alle Tage gegen die Heiligkeit des Gedankens, der Wahrheit und der göttlichen Menschenrechte durch die Verehrung schnöder Röcke? O Ihr Juden, die Ihr den ganzen Körper voll Schmutz habt und Wehe schreit, wenn Einer unkauscheres Fleisch ißt!


Ritual oder Neurose: Jeder Tag eine Wallfahrt?

Welche Rituale finden in Ihrem Leben Platz? Worum machen Sie einen Kult? Oder wollen Sie lieber erst wissen, was ich unter Ritual verstehe? Ritual: was ist das? Ein Ritual ist: sich jeden Morgen die Zähne zu putzen. Am Abend ohne den Fernseher nicht einschlafen zu können.  Eine freie Trauung zu suchen und nicht nur auf dem Standesamt zu heiraten. Am Todestag eines Verstorbenen vor seinem Bild zu Hause eine Kerze zu entzünden. Der Ehefrau Blumen am Geburtstag zu schenken. Wallfahrten sind ebenfalls Rituale, in manchen Religionen sind sie religiöse Pflicht, in anderen mehr eine zusätzliche Kür, aber nichtsdestotrotz ein Ritual. Viele  stellen sich unter Ritual nur eine religiöse Handlung vor, doch auch viele andere menschliche Handlungen außerhalb der Religion werden als Rituale bezeichnet. In der Ethologie (biologische Verhaltenskunde) ist der Begriff ebenfalls eingebürgert zur Beschreibung bestimmter Formen tierischen Handelns. Dort wird z.B. vom Balzritual gesprochen. Auch unser Alltag ist von solchen Formen durchzogen, wie die Beispiele oben deutlich machen. Kinder verfügen über Einschlafrituale, wie alle Eltern wissen, und niemand würde diese Handlungsform nur als Gewohnheit bezeichnen.  Gegen diese reine Gewohnheit grenzen wir nämlich Rituale gerne ab. Sie sollen etwas besonderes sein und eben nicht nur Gewohnheit.  Es ist auch ein Unterschied zwischen beiden festzustellen, wo aber die einzelnen Menschen solche Unterschiede machen, ist individuell sehr verschieden. Boesch definiert Ritual kurz: „Rituale stellen Ordnungen des gemeinsamen (oder individuellen) Handelns dar; dadurch erhalten sie nun wiederum eine ihnen eigene Symbolqualität: sie repräsentieren Regelhaftigkeit.“ (1980, S. 226) Ritual oder Gewohnheit? Im Unterschied zur Gewohnheit gewinnt das Ritual eine eigene Symbolkraft. Es weist über sich hinaus, bedeutet dem Menschen mehr als nur diese Handlung selbst.  Und es ist da nicht wichtig, ob es täglich vollzogen wird, oder einmal im Leben, oder allein oder mit vielen. Wichtig ist seine zusätzliche Bedeutung. Das macht den Unterschied zwischen Zähneputzen und Einschlafordnung eines Kindes aus. Die Zähne putzt man, damit diese sauber sind, das Kind begibt sich in die ihm etwas unheimliche Schlafzeit hinein mit dem Wissen, durch das Lied der Eltern, die Vorlesegeschichte, den Gute-Nacht-Kuss und das unabkömmliche Spezialkissen  gesichert zu sein,  weiter in der täglichen Ordnung zu leben, auch wenn es davon nichts mitbekommt. Der Unterschied zwischen einer rein standesamtlichen Trauung und einer zusätzlichen religiösen oder humanistischen Feier liegt darin, dass letztere eine mitgestaltete Einordnung in den Familien- und Freundeskreis in der neuen Funktion als Paar darstellt. Rituale gewinnen durch diese zusätzliche Symbolkraft einen feierlichen Charakter, sie heben sich heraus aus dem Alltag und man fühlt sich herausgehoben.  Ihr Auslassen oder eine Veränderung verunsichert und sind schwer zu ertragen. Klar zu beobachten ist dies bei Kindern, aber jede Person kann das auch an sich selbst erkennen etwa bei den täglichen Begrüßungsritualen, wenn  wir jemandem die Hand schütteln wollen wie üblich und dieser die ausgestreckte Hand nicht ergreift. Denn auch das ist ein Ritual, das zu unserer Kultur gehört und etwas symbolisiert, nämlich Freundlichkeit und Beschwichtigung, da die offene Hand anzeigt, dass man keine Waffe in ihr verborgen hält. Ritual: biologisch gesehen In der Tierwelt  erleichtern Rituale das Miteinander, indem sie es eindeutig gestalten. Die Imponiergesten im Balzritual oder zu Beginn eines Kampfes werden von den anderen Tieren gleich richtig gedeutet. Das Gegenüber stellt seine Kraft dar, man kann von vorneherein abschätzen, ob sich es lohnt, auf das Balzen einzugehen oder ob man eine Chance beim Kampf hat. Sie sind damit energiesparend und auslesefördernd. Gerne werden solche Erklärungsmuster aus dem Tierreich auch auf den Menschen übertragen. So offensichtlich menschliche Rituale eine biologische Wurzel haben im Sinne einer Neigung zu ihnen, so sehr sind die entwickelten menschlichen Rituale kulturell geformt und damit sehr verschieden. Und menschliche Gesellschaften unterscheiden sich stark in dem Ausmass der in ihnen auftretenden Ritualisierung. Ritual: soziologisch gesehen Soziologen sind Ritualen gegenüber eher skeptisch eingestellt.  Das Wörterbuch der Soziologie  bezeichnet sie als „blind“, da sie als traditionalistische Verhaltensmuster unreflektiert ausgeführt werden. Die Bedeutung der Rituale etwa für den Gruppenzusammenhalt wird mehr im Bereich der Religionswissenschaften untersucht und erkannt, und es ist zu fragen, inwieweit man durch Analogieschluss das auf andere gesellschaftliche Rituale übertragen kann. Offen bleibt aber auch die Bedeutung des Rituals für die einzelne Person. Ritual: psychologisch gesehen Die Psychoanalyse setzt Rituale mit Zwangshandlungen gleich, sie dienen beide der Abwehr von Angst und aggressiven Impulsen. Rituale dienen der Auflösung innerseelischer Konflikte, was ihnen aber nur bedingt gelingt und daher ihren Wiederholungszwang bewirkt. Dieser abwertenden Betrachtung von Ritualen stehen Ansichten der Entwicklungs- und Kulturpsychologie entgegen. Dort werden die positiven Aspekte von Ritualen betont, da durch sie in symbolischer Form eine Kontrolle über bedrohliche unsichere Teile des Lebens ermöglicht wird. Boesch (1980, S. 227): „Demnach stellt das Verfügen über Rituale, die Fähigkeit, sie durchzuführen, zugleich die Macht dar, Ordnungen zu bewahren, wiederherzustellen, und das Teilnehmen and Ritualen bedeutet nicht nur Unterwerfung, sondern auch Einfügung und Geborgenheit. Allerdings: an sich  bedeutet das Ritual nichts von alledem; seine Bedeutung wird immer erst vom partizipierenden Individuum konstituiert.“ Im Ritual bestätigen sich die Individuen, zur Gemeinschaft zu gehören und teilzuhaben, gleichzeitig fühlen sie sich in (realer oder vorgestellter) Kontrolle durch diese Teilhabe. Rituale sind dabei offen, das heißt in ihrer symbolischen Deutung  nicht absolut festgelegt. Teilnehmer können so ein Ritual ganz unterschiedlich interpretieren, sich auf diese Weise zugehörig und gleichzeitig in ihrer individuellen Anschauung bestätigt fühlen. Ritual: religionswissenschaftlich gesehen Im Religiösen wird vor allem der ordnungsstiftende Charakter von Ritualen hervorgehoben. Ob diese Ordnung eine real vorliegende gesellschaftliche ist, oder eine ins transzendente verlegte, ist dabei irrelevant. Sogar in scheinbar gegen diese Ordnung verstoßenden Ritualen wie z.B. im Karneval wird die Ordnung nur scheinbar umgekehrt, aber durch die strenge Begrenzung in Zeit und Ort bekräftigen sie die bestehende Ordnung eher als dass sie sie bedrohen. Bedroht werden Rituale in ihrem ordnungsstiftenden Charakter dann, wenn sie gleichgültig werden, die Teilnahme an ihnen eindeutig Zwangscharakter annimmt und Teilnehmer sie als sinnlos empfinden. Ritual der Wallfahrt Pilgerfahrten sind modern, sie sind auch eine gute Einnahmequelle für die einzelnen, die darüber Bücher schreiben, für Städte und Gegenden, die über die Anlegung von Pilgerwegen  den Tourismus bei sich anzukurbeln hoffen. Aber Pilgern tun Menschen oft allein oder eher in kleinen Gruppen. Zwar spricht man auch im Zusammenhang von Wallfahrten vom Pilgern, aber eine Wallfahrt selbst gehört aufgrund von Größe und Bedeutung in eine ganz andere Kategorie. Anders als tägliche und individuelle Rituale ist sie gebunden an das Verlassen des Heimatortes und an die Zahl der Beteiligten.  Sie lebt aus der Größe und der Gemeinschaft, aus der Norm des von allen gleich und möglichst gemeinsam Geübten. Und ihre Ziele sind klarer umrissen als beim individuellen Pilgern. Das Aufsuchen einer zentralen Kultstätte gilt als Akt besonderer Hingabe, man wallfahrtet zum Einlösen von Gelübden, oder auf der Suche nach Heilung von Krankheit. Und die Teilnahme an der Wallfahrt wird irgendwie dokumentiert, durch Gaben an die Heiligtümer, durch Mitnehmen bestimmter „Andenken“ oder durch die Möglichkeit, einen besonderen Titel zu tragen. Kritik der Wallfahrt gab es schon in allen Religionen und außerhalb von ihnen, bestimmte Religionsformen, wie mystische Religionen lehnen sie ganz ab, andere betrachten sie als minderwertig. Gesellschaftliche Kritik an Wallfahrten aber erhob sich vor allem mit der Distanzierung der Gesellschaft von einer einzigen Religion, mit der Öffnung zur Religionsfreiheit. Kritisiert an Wallfahrten werden das Ziel, die Form, die Symbolkraft des Geschehens. Ziel: Die Hervorhebung bestimmter Orte und auch bestimmter Objekte an diesem Ort als heilig  macht alles andere unheilig,  und macht magisches Denken praktisch unentrinnbar. Man sucht Hilfe außerhalb naturgesetzlicher Möglichkeiten, braucht dazu das Wunder, das solche Möglichkeiten durchbricht. Nicht die eigenen Anteile an Heilung und Wohlergehen werden erkannt, sondern alle Kraft wird von außen erwartet. Form: Die Menge der Wallfahrer führt zur Entgrenzung des Individuums, das auf die schiere Menge der Teilnehmenden meist nach anfänglicher Angstreaktion mit Regression und Auflösung der Ichgrenzen reagiert. Das „Bad“ in der Menge erlaubt eine Teilhabe, die gleichzeitig eine Aufhebung der Ichfähigkeit zur Realitätswahrnehmung und Kritikfähigkeit bedeutet. Das fördert einerseits das Zugehörigkeits – und Glücksgefühl des einzelnen, macht ihn andererseits anfällig  für Panik und  unkontrollierter Beeinflussung durch andere. Das Gedränge bei Wallfahrten ist nicht nur zufällig, sondern auch intendiert, um den Menschen „aus sich heraus“ zu bringen. Die Frage ist aber, wohin es den Menschen bringen soll. Symbol „Wallfahrt“: Wie alle Symbole hat auch die Wallfahrt eine Mehrdeutigkeit, die sich aus Form und Ziel ergibt. Während die einen die Gemeinschaft hervorheben, sehen die anderen die Bedrohung des Individuums durch die Aufhebung der Ichgrenzen. Wo die einen Hingabe sehen, erleben die anderen dies als Einübung in Unterwerfung. Auch die mit Wallfahrten verbundenen Hoffnungen auf Heilungen lenken ab von der Realität sowohl des einzelnen wie der Gemeinschaft. Das Ritual schafft eine Ordnung, die die Wirklichkeit oft genug verdrängt. Sie stellt eine Gemeinschaft auf Zeit dar, aber hilft nicht, wirkliche Gemeinschaft im Alltag zu gestalten. Was wollen Sie mit Ihren Ritualen oder mit Ihrer Wallfahrt? Rituale sind nicht grundsätzlich abzulehnen, als Menschen und Gemeinschaften brauchen wir sie. Aber sie sollten von uns mitgestaltet werden, sollten eine persönliche Deutung zulassen, sollten Respekt vor dem einzelnen ausdrücken. Sie sollten uns Übergänge deutlich machen und helfen, mit neuen Lebenserfahrungen umzugehen. Sie sollten auch einen spielerischen Charakter behalten, in ihnen sollte die Freude am Mitwirken erlebt werden, und ihre Symbolkraft auch als das erkannt werden, was sie ist, nämlich Bedeutungen, die wir Menschen ihnen beilegen und auch ändern können. Wenn ein Ritual uns aus uns heraus bringen soll, sollte uns vorher zumindest die Richtung bewusst sein, in die es uns hinbringen soll: zur Unterwerfung unter größere Mächte oder als Ausdruck des Teilhabens und Mitgestaltens? Renate Bauer Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz Zitate aus: Boesch, Ernst E.: Kultur und Handlung. Huber: Bern 1980

Die Heilig-Rockwallfahrten des 19. und 20. Jahrhunderts – Wem nützen sie?

Heilig-Rockwallfahrt 1891 Reichskanzler Bismarck schwebte die Trennung von Staat und Kirche vor. Er löste die katholische Abteilung im preußischen Kultusministerium auf. Im „Kanzelparagraphen“, einem Gesetz zur Abänderung des Strafgesetzbuches, wurde den Pfarrern verboten, bei Verlautbarungen in ihrem Beruf den „öffentlichen Frieden“ zu gefährden. Die Jesuiten durften in Deutschland keine Niederlassungen mehr errichten, die geistliche Schulaufsicht wurde durch eine staatliche ersetzt. Nach den Maigesetzen von 1873 sollte der Staat Ausbildung und Einstellung der Geistlichen kontrollierten, und gewählte Gemeindevertretungen das kirchliche Vermögen verwalten. 1875: Das „Brotkorbgesetz“ entzieht der Kirche die Staatszuschüsse. Das „Klostergesetz“ löst die Klostergenossen in Preußen auf, mit Ausnahme derjenigen, die sich mit Krankenpflege beschäftigen.  Neu war auch: Vor dem Gesetz ist nur noch die Eheschließung des Standesamtes gültig (Zivilehe), nicht mehr die kirchliche. Wer kirchlich heiraten wollte, durfte dies erst nach der standesamtlichen Trauung. Das hat sich bis heute erhalten. Den Widerstand der katholischen Geistlichkeit verfolgte Bismarck mit aller Härte und Schärfe, erreichte aber seine Ziele nicht. Der Kulturkampf wurde schließlich eingestellt, die Kirche konnte einen Erfolg verbuchen. Die Wallfahrt von 1891 ist ein Nachhall dieser Ereignisse, aber auch ein Fanal in Richtung der erstarkenden Arbeiterbewegung nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1890. Der „Arbeiterpapst“  Leo XIII. formulierte unmissverständlich in einer heute noch vielgepriesenen Enzyklika, dass die Lehre des Sozialismus der naturrechtlich-christlichen Eigentumslehre widerspreche, Verwirrung in den Aufgabenbereich des Staates bringe und die Ruhe des Gemeinwesens störe. Der Protest gegen die Ausstellung des Hl. Rockes und die Wallfahrt unter Bischof Felix Korum ging 1891 hauptsächlich von sozialistischen Arbeitern aus. Erstmals bediente sich die geistig antimoderne Kirche der modernsten Mittel: Ihre Vereine und Wallfahrtskollektive wurden mit der Eisenbahn nach Trier gefahren. Heilig-Rockwallfahrt 1933 Das beidseitig abgeschlossene und vereinbarte Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und Hitlerdeutschland kam einer diplomatischen Anerkennung des NS-Staates durch die Kirche gleich. Ausländischen Wallfahrern wurde im „Heiligen Jahr“ 1933 das neue Deutschlandbild vorgegaukelt: edel, hilfreich und gut, einträchtig, friedlich und fromm. Auch für die spätere mehrheitliche Saarabstimmung „Heim ins Reich“ 1935 hat vorher die Rock-Wallfahrt in den Reihen der Katholiken Spuren und Wirkung hinterlassen. Unbeteiligte Arbeitslose reisten mit Billig-Tickets in Sonderzügen nach Trier, wurden jedoch sofort am Bahnhof zwangskollektiviert und in Wallfahrerblöcke integriert, aus denen es kein Entrinnen gab! (Augenzeugen aus hessischen freireligiösen Gemeinden habe mir dies in den 1980er Jahre berichtetet.) Landsmannschaftliche und in Berufstrachten eingekleidete Menschenblöcke dagegen gaben der Armut nach außenhin ihren Glanz. Formationen der SA beteiligten sich am Ordnungsdienst der kirchlichen Wallfahrt, der grössten aller Zeiten mit über 2,2 Millionen Teilnehmern, darunter auch der gebürtige Saarländer, Nazi-Führer und „alte Kämpfer“ im Hunsrück, Gustav Simon, der vor dem Hlg. Rock als erster Gauleiter des neuen Gaues Koblenz-Trier kniete. Die katholischen Zeitungen wie das „Mainzer Journal“ berichteten fortlaufend über die Wallfahrtsereignisse – von euphorischer Aufbruchstimmung der gesellschaftlichen Gruppen, von Gebeten und Zustimmung für Reichskanzler Adolf Hitler und davon, dass der treue Kolping-Geselle und der SA-Mann sich in Trier die Hände reichen…2011 lesen wir allerdings dazu auf der Homepage des Bistums Trier im Internet: „Überschattet wurde die Wallfahrt von der Sorge über die Machtergreifung der Nationalsozialisten.“ Belastende Akten sind bereits 1945 von Bischof Bornewasser und einem französischen Besatzungsoffizier gemeinsam verbrannt worden, wie letzterer vor vielen Jahren in einer Fernsehdokumentation des Südwestfunks über die Probleme der Besatzungsmacht in Trier bezeugt hat! Heilig-Rockwallfahrt 1959 Kurz vor dem 2. Vatikanischen Konzil vom 19. Juli bis 20. September wurde die Ausstellung zu einer großen Heerschau und Demonstration des Katholizismus mit serviler Schützenhilfe aus dem konservativen Regierungslager sowie symbolischer Logistik durch Militäreinheiten der USA. Die Wallfahrt diente auch der religiösen Kompensation für die zahlreich vertretenen Heimatvertriebenen. Die folgenden Passagen sind dem „informationsdienst“ ID, September 1959, des Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit e.V. entnommen, der Vorläufer des heutigen Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften DFW. Warum Wallfahrt nach Trier? Hierzu schreibt Bischof Dr. Wehr von Trier im Hildesheimer Bistumsblatt Nr. 28/59: “Der Hlg. Vater lobt unser Vorhaben ganz und gar…Die Wallfahrt soll ein mächtiges Bekenntnis sein zu Christus dem Herrn…Es geht  wahrhaftig nicht ums Geld, Macht oder Ruhm, wie böswillig behauptet worden ist. Es geht auch nicht um den Glauben an die Echtheit der Reliquie, der weder gefordert ist, noch gefordert werden kann…Es geht um ein den Himmel beschwörendes Beten, daß wieder bald eine Herde und ein Hirte werde (Joh. 10,16)!“ Drei Millionen in 60 Tagen Trier rechnet zur Ausstellung des Hlg. Rockes 1959 – der letzten in diesem Jahrhundert – mit einer Besucherzahl wie zur Brüsseler Weltausstellung. Die US-Army hat als ihren Beitrag vier neue Brücken über die Mosel gebastelt. 865 Pilger-Sonderzüge müssen von den 23 Organisations-Ausschüssen der Wallfahrtsleitung bewältigt werden. Obwohl die Verehrung des Hlg. Rockes für den Glauben angeblich belanglos sein soll, hat Papst Johannes XXIII. „jedem Pilger, der das Kleinod verehrt, vollkommenen Ablaß versprochen, sofern der Wallfahrer das Pilgerabzeichen und das Pilgerbüchlein für 1 DM kauft!“ Nach gemeinsamem Gottesdienst erhält jeder Teilnehmer eine rote Prozessionskarte, die im  Domhof, wo der Rock besichtigt wird, einen Stempel erhält. Mitgebrachte Andachtsgegenstände werden bereitstehenden Priestern übergeben, welche sie mit der gläsernen Hülle der Reliquie berühren und damit „weihen“! Um den Preissteigerungen zu begegnen, hat die Stadt die Preisüberwachung verfünffacht. Um der erwarteten Kitschlawine vorzubeugen, hat das Bistum einen Sonderausschuß für „Güteprädikate“ eingesetzt, der an über 200 Andenkenfirmen einen „Gütestempel“ verleiht. Note 3 ist gerade noch tragbar, 4 und 5, wie in der Schule, bedeutet ungenügend. Bischof Dr. Wehr hat dabei gebeten, die Güteprädikate „nicht gar zu kleinlich“ zu vergeben, denn ein goldenens Amulett des hlg. Rockes können sich die meisten Pilger nicht leisten.  (vgl. „Neue Rhein-Zeitung vom 27.6.59) Rock und Sandalen Christi Zur Eröffnung der Ausstellung des Rockes Jesu in Trier waren unter anderem erschienen: der ehemalige französische Ministerpräsident Robert Schuman, der luxemburgische Ministerpräsident Werner, Bundesfamilienminister Dr. Würmeling, der saarländische Ministerpräsident Röder, der rheinlandpfälzische Ministerpräsident Altmeier, p.p. Der Verband der kathol. Lehrerschaft hat eine 32seitige Schrift „Pilgerfahrt zum Hlg. Rock“ herausgegeben, welche vom Schulamt der Bezirksregierung zu Trier als Pflichtlektüre für die Oberstufe erklärt worden ist.  (vgl. „Spiegel“ Nr. 24/59) Der Kölner Kardinal Frings hatte Anstoß an dem auch von uns im ID Nr.119 herangezogenen „Spiegel“-Artikel über die Trierer Ereignisse genommen und beim Bundesjustizministerium sowie persönlich beim Ministerpräsidenten Dr. hc. Altmeier in  Mainz Vorstellungen erhoben. Letzterer schrieb darauf an den Kölner Generalvikar Prälat Teusch folgenden Brief: “Hochwürdigster Herr Generalvikar! Ich darf Ihnen hiermit Kenntnis geben, daß das Kabinett, wenn auch nicht einstimmig, meinem Antrag betr. Strafantrag gegen den „Spiegel“ gefolgt ist…Ich habe von meinem Schritt auch den hochwürdigsten Herrn Bischof Trier verständigt. In der Hoffnung, daß ich als katholischer Christ meine Pflicht erfüllt habe…“ Heilig-Rockwallfahrt 1996 Nach kath. Darstellung ein „großes Fest des Glaubens“. Vom 19. April bis zum 16. Mai waren offiziell rund 700.000 Gläubige „mit Jesus Christus auf dem Weg.“ Historischer Anlass war der 800. Jahrestag der „Einmauerung des Hl. Rocks“ in den Hochaltar des Trierer Domes im Jahre 1196. Dort blieb er wohl bis zum Jahre 1512. Im aktuellen Hintergrund von 1996 aber schwang zumindest die Hoffnung auf eine geistliche Wende mit – seit der politischen Wende von 1989 und die dadurch neu gewonnene Möglichkeit einer offensiven Mission nach dem Untergang des atheistischen Osteuropa und der sozialistischen Staaten, an dem das Papsttum in der Amtszeit von Johannes Paul II. – wie das Beispiel Polen belegt – aktiv und finanziell beteiligt war. In seiner Enzyklika Redemptoris Missio (Die Sendung des Erlösers) von 1990 erscheint der „Heilige Geist“ als Vorkämpfer für die Mission:  “Die Sendung im Geist ‚bis an die Grenzen der Erde‘ (Apg 1,8) zeigt die führende Rolle an, die der Geist bei der Sendung des Erlösers hat. Er erweist die Kirche insgesamt als Missionskirche und ist zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig und am Werk. Daher kann man auch sagen, dass die Missionstätigkeit eigentlich erst am Anfang stehe.“ Auffällig war an dieser Heilig-Rock-Wallfahrt 1996 die neue Terminierung: Der 19. April ist das Fest des Hl. Leo IX., der – im Mittelalter Reformpapst von Cluny – als ein erfolgreicher Krisenmanager hervortrat, um die Kirche in einer Zeit des Niedergangs zu erneuern und zu stärken. In der Mitte der Wallfahrt am 2. Mai wurde im Heiligenkalender des Athanasius gedacht, dem Gegenspieler des Ketzers Arius und Schöpfers des Glaubensbekenntnisses. Das Ende der Wallfahrt – den 16. Mai – belegte der Hl. Johannes von Nepomuk, ein Märtyrer des 14. Jahrhunderts zu Prag. Er behauptete die Rechte der Kirche, vor allem das Beichtgeheimnis, gegen die königliche Gewalt. Über 700.000 Menschen kamen zur Wallfahrt nach Trier? Wieviele werden es 2012 sein? Zusammenstellung: Martin Buchner Freie Religionsgemeinschaft (Freireligiöse Gemeinde) Mainzer Straße 171, 55743 Idar-Oberstein www.frg-io.de

Freifrau von Droste-Vischering zum heil’gen Rock nach Trier ging

Freifrau von Droste-Vischering Vi-, Va-, Vischering zum heilgen Rock nach Trier ging Tri-, Tra-, Trier ging Sie kroch auf allen Vieren, sie tat sich sehr genieren sie wollt gern ohne Krücken duch dieses Leben rücken Ach herrje, herrjemine ach, herrje, herrjemine ach herrje, herrjemine Josef und Maria!     Sie schrie, als sie zum Rocke kam Ri-, Ra-, Rocke kam: “Ich bin an Händ´ und Füßen lahm Fi-, Fa, Füßen lahm du Rock bist ganz unnähtig drum bist du auch so gnädig hilf mir in deinem Lichte ich bin des Bischofs Nichte” Ach herrje, herrjemine ach, herrje, herrjemine ach herrje, herrjemine Josef und Maria!     Drauf gab der Rock in seinem Schrein si-, sa-, seinem Schrein auf einmal einen hellen Schein hi-, ha-hellen Schein der fuhr ihr in die Glieder, sie kriegt das Laufen wieder getrost zog sie von hinnen die Krücken ließ sie drinnen Ach herrje, herrjemine ach, herrje, herrjemine ach herrje, herrjemine Josef und Maria!     Freifrau von Droste-Vischering Vi-, Va-, Vischering noch selb´gen Tags zum Kuhschwof ging Ki-, Ka-, Kuhschwof ging Dies Wunder göttlich grausend geschah im Jahre tausend achthundertvierundvierzig und wer´s nicht glaubt, der irrt sich Ach herrje, herrjemine ach, herrje, herrjemine ach herrje, herrjemine Josef und Maria!    

Text: Rudolf Löwenstein, 1844. Illustrationen:  Peter Reuther. – aus: Anke Reuther (Hrsg.): Robert Blum – Auf dem Theater des Lebens. Beiträge zur Robert-Blum-Ehrung, Berlin 2011 Weiterführende Literatur Wolfgang Schieder: Religion und Revolution. Die Trierer Wallfahrt von 1844. Vierow bei Greifswald 1996. Valentin Hansen: Gräfin Johanna Droste zu Vischering (Fall IV.). In: ders.: Aktenmäßige Darstellung wunderbarer Heilungen, welche bei der Ausstellung des h. Rockes zu Trier im Jahre 1844 sich ereignet. Trier 1845, S. 47–67. (Kritisch dazu: Archiv für vaterländische Interessen oder Preußische Provinzial-Blätter 1845, S. 604–611.) Quellenübersicht Ungedruckte Quellen: kaum Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung Gedruckte Quellen: gelegentlich in Gebrauchsliederbüchern, verschiedene sonstige Rezeptionsbelege

Johannes Ronge (1813-1887)

Tabellarischer Lebenslauf 1813 Am 16. Oktober in Bischofswalde/Kreis Neiße geboren, aufgewachsen mit 9 Geschwistern in bäuerlicher Familie 1827 Beginn der Gymnasialzeit zu Neiße 1837 Beginn der Studentenzeit an der Universität Breslau, Burschenschaftler 1839 Priesterseminar (Alumnat) in Breslau 1841 Katholische Priesterweihe, Kaplan in Grottkau/Schlesien 1843 Aufgrund der Nichtanerkennung des freisinnigen Bischofs von Breslau durch den Papst kritischer und anonymer Artikel gegen die Amtskirche. Infolge des bloßen Verdachts der Autorenschaft als Kaplan suspendiert, seitdem Privatlehrer für Beamtenkinder im oberschlesischen Industrierevier Laurahütte 1844 Am 1. Oktober Abfassung des Offenen Sendschreibens und Protestbriefs gegen die Ausstellung des Hl. Rocks in Trier, Veröffentlichung in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ am 16.10., zahlreiche Parallel- und Sonderdrucke auch in Frankfurt am Main, Offenbach, Darmstadt u.a. – Exkommunikation Ronges am 4. Dezember 1845 Am 12. Januar Aufruf zur Gründung einer romfreien Kirche, aufsehenerregende Rundreisen, Empfänge, Predigten vor Massenpublikum 1848 Mitglied des Vorparlaments in Frankfurt am Main 1849 Im Juni d.J. Offener Brief gegen den preußischen König Friedrich Wilhelm IV., Aufruf zum bewaffneten Aufstand gegen den Despoten, daraufhin steckbrieflich gesucht, vor seiner Flucht ins Ausland Aufenthalt in Hamburg 1850 Flucht über Frankreich, Belgien und Holland nach London. Mitverfasser des „Aufrufs an die Deutschen“, politische Arbeit im Exil, Rundreisen in England 1852 Gründung der Humanen Religionsgemeinde in London. Ronge wird Schwager von Carl Schurz, der mit Frau Margarethe geb. Meyer in die USA ausreist. 1855 Handbuch für die Kindergartenerziehung mit Ehefrau Bertha gesch. Traun geb. Meyer (1819-1863), das im Parlament durch englische Schulinspektoren bekannt wird und die Fröbel’sche Pädagogik auch in England popularisiert. Charles Dickens lobt in seinem Journal „Household Words“ den Ronge’schen „Practicle Guide“ als „das beste, was bis jetzt erschienen ist“. 1861 Amnestie in Deutschland für politisch verfolgte „48er“, Rückkehr nach Breslau, Gründung des Religiösen Reformvereins. 1862 Seitdem in Frankfurt am Main, am 6. Juli Beitritt zur dortigen Deutschkatholischen Gemeinde 1863 Tod von Ehefrau Bertha am 18. April in Frankfurt am Main – R. veröffentlicht einen umstrittenen Aufruf zur Gründung einer Deutschen Nationalkirche 1863/66 Reisen durch das Rhein-Main-Gebiet, Mittelrhein-Lahn, Glantal und das Nahetal in den Raum Oberstein-Birkenfeld, Gast bei Peter Drey in Oberstein. Der Verein zählt 1864 insgesamt rund 400 Mitglieder, davon in Oberstein (50), Idar (73), Birkenfeld (65), Ottweiler (23) sowie Kreuznach (40) und Waldlaubersheim (25) 1864/66 „Freie Religiöse Blätter für Deutschland“ (Frankfurt am Main) 1864 Kirchenstreit zwischen Bergen und Berschweiler, Unterstützung Ronges für die freien Protestanten in Berschweiler – Beschluß der freireligiösen Reformvereine in der Region zur Abhaltung des Religionsunterrichts, vierteljährlicher Feierstunden sowie zur Gründung von Jugendwehren, Arbeitervereinen und einer Fortbildungsschule 1867/71 „Freie Nationalkirche“ (Mannheim) 1869 Delegierter auf dem 1. Internationalen Freidenkerkongress in Neapel 1870 2. Ehe mit Erwine Kremer (1841-1921), Gründerin des Naturheilkundevereins Breslau sowie von Fröbel-Kindergärten in Österreich-Ungarn 1871 Vorträge über Erziehungswesen und Frauenemanzipation, Gründung eines Kindergartens in Oberstein, Ausbildung einer weiblichen Lehrkraft aus Oberstein in Frankfurt am Main, weitere Aktivitäten im Raum Saarbrücken, Ottweiler, Meisenheim am Glan. – Kampf gegen das Unfehlbarkeitsdogma des Vatikanischen Konzils von 1870 und den Jesuitenorden, zahlreiche Gefängnisstrafen. 1873 Umzug nach Darmstadt, Geburt des Sohnes Hans (Kurarzt und seit 1930 Leiter der Diätschule in Bad Hersfeld, Nachlaßverwalter, gest. 1953) 1874 Gründung eines Kindergartens in Budapest mit seiner ungarischen Ehefrau Erwine 1876/87 „Freie Religiöse Reform“ (Darmstadt) 1885 Synodaler der Verbandstagung Südwestdeutscher Freireligiöser Gemeinden in Oberstein 1887 Am 25. Oktober im Spital bei Wien auf der Rückreise von Budapest nach Darmstadt gestorben. Auf dem Freireligiösen Friedhof in Breslau durch den Mannheimer Prediger Georg Schneider begraben. Quellen: Auswahl wichtiger Aktenstücke zur Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Zusammengestellt von Dr. Oskar Jäger und Prof. Franz Moldenhauer. Berlin: Verlag von Oswald Seehagen 1893, S. 184-186. Profunde Sammlung wichtiger Dokumente der europäischen Geschichte. Graf, Friedrich Wilhelm: Die Politisierung des religiösen Bewußtseins. Die bürgerlichen Religionsparteien im deutschen Vormärz: Das Beispiel des Deutschkatholizismus. Stuttgart-Bad Cannstatt 1978, S. 196-199. Standartwerk mit wichtigen Grundsatztexten auch von Ronge, umfangreiche Bibliografie. Lexikon freireligiöser Personen. Hrsg. Von Eckhart Pilick. Rohrbach/Pfalz o.J., S. 133-135, 131 f. Gemeinschaftswerk freireligiöser Prediger und Pfarrer von 1997 Pich, Sabine: Johannes Ronge und sein Nachlaß. In: „Das Paradoxe zog mich an“. Festschrift für Eckhart Pilick. Hrsg. Von der Freireligiösen Landesgemeinde Baden. Mannheim 1997. S. 54-76. Der Bestand des vormaligen Ronge–Archivs der Freireligiösen Landesgemeinde Pfalz in Ludwigshafen ist seit 1996 in das Stadtarchiv Mannheim integriert. Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bd. XV (1999), Sp. 1205-1212 Autor: Friedrich Heyer. Unvollständige Biografie, gutes Literaturverzeichnis (Verlag Traugott Bautz)


Für weltanschauliche Neutralität

Entwurf: Seit der Aufklärung gehört Glaubens- und Gewissensfreiheit zu den Menschenrechten. Erstmals als gültiges Recht formuliert wurden diese Grundsätze in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Revolution im Jahre 1789 und in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776. In Deutschland wurde dieses in die Paulskirchenverfassung 1848 aufgenommen und ist heute selbstverständlicher und wichtiger Bestandteil des Grundgesetzes. Die UNO übernahm 1948 dieses elementare Freiheitsrecht in die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. In unserem Land wurde dieses Recht praktisch verankert durch eine Trennung von Staat und Kirche unter Beibehaltung einiger weniger Privilegien der Großkirchen, die anderen Religionsgemeinschaften unter bestimmten Einschränkungen ebenfalls gewährt wurden. Den sichtbarsten Ausdruck haben diese Sonderrechte im Körperschaftsstatus, dem Religionsunterricht in den Schulen und in der Möglichkeit des Kirchensteuereinzugs. Mit dem Mitgliederschwund der christlichen Kirchen und dem kontinuierlichen Zuzug moslemischer Mitbürger wachsen die Bedenken, gerade in christlichen Kreisen, den Moslems ebendiese Privilegien, insbesondere im Erziehungswesen zu gewähren, da man befürchtet, dass genau diese Privilegien gegen Glaubens- und Gewissensfreiheit eingesetzt werden könnten. Es mehren sich die Versuche die christlichen Traditionen gesetzlich zu verankern, indem man Gottesbezüge in Verfassungen aufnimmt, Sonderrechte für christliche Symbole, wie Kruzifixe zu verankern versucht und gleichzeitig selbst Kopftücher zu einem Angriff auf die Verfassung unseres Landes hochstilisieren will. Diese Auseinandersetzung bekommt spätestens dann groteske Züge, wenn Vertreter der katholischen Kirche, die selber Frauen religiöse Ämter verwehren, dem Islam unter anderem deswegen Frauenfeindlichkeit vorwerfen und das Christentum als Vorkämpfer und Garant der Aufklärung schöngeredet wird, als ob nicht Glaubens- und Gewissensfreiheit erst gegen den erbitterten Widerstand der christlichen Kirchen erkämpft werden musste. Verstärkung der Privilegien der christlichen Kirchen stellt keine Maßnahme zum Erhalt der Glaubens- und Gewissensfreiheit dar, sondern bedroht im Gegenteil dieses elementare Grundrecht in seinem Bestand. Die zunehmenden Bemühungen der Kirchen und christlicher Kreise in unserem Land den Einfluss auf das Bildungswesen zu verstärken stellen einen Angriff auf ein Grundrecht durch Missbrauch von Kirchenprivilegien dar. Diese Versuche finden auf mehreren Ebenen statt, sichtbarsten Ausdruck finden sie in Einschulungsgottesdiensten, Erteilung von Ethikunterricht durch Religionslehrer, Einflussnahme auf Lehrpläne. Auch das neuerlich von der Ministerin von der Leyen ins Gespräch gebrachte Bündnis für Erziehung reiht sich in diese Versuche ein. Religionsgemeinschaften verfügen keineswegs über eine natürliche, besondere Kompetenz im Erziehungsbereich, teils wird von ihnen in diesem Bereich sogar mit Ängsten gearbeitet und zur Intoleranz erzogen. Glaubens- und Gewissensfreiheit bedeutet für Kinder in erster Linie das Recht frei von religiöser Indoktrination aufzuwachsen, um sich später selbst entscheiden zu können ob und was man glauben will. Unser Land braucht keine Sondergesetze zur Abwehr von Bestrebungen religiös fundamentalistischer Kreise, seien diese christlich, moslemisch oder anderer Couleur, unsere bestehenden Gesetze und Regelungen genügen und eine konsequentere Anwendung der Grundsätze der Trennung von Staat und Kirchen reicht völlig aus. Bei einer konsequenteren Anwendung bestehender Grundregeln sollten Grauzonen verdeckter finanzieller Unterstützung abgebaut und informelle Verflechtungen und existierender christlicher Filz in Ämtern, Behörden und Schulen beseitigt werden. Wenn Anlass zum Nachdenken über eine Weiterentwicklung dieser Regeln besteht, dann kann es allenfalls um einen Abbau von Kirchenprivilegien gehen und nicht um eine einseitige Ausweitung der Privilegien der christlichen Großkirchen, hierbei ist in erster Linie daran zu denken einen historischen Schandfleck, das Konkordat zwischen der katholischen Kirche und der Hitlerdiktatur, zu beseitigen. Auch der Sonderparagraph 166 (Gotteslästerung) bedarf der Überprüfung, es kann nicht sein, dass der Gläubige einen Ungläubigen straflos verfluchen darf und der Ungläubige einen Gott nicht lästern darf, ohne bestraft zu werden. Dieter Bender