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Benutzer:Bzapf/politisches Portfolio/Rauch und Spiegel

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Rauch und Spiegel

tl;dr: Wer über Gliedrigkeiten und Jährigkeiten reden will oder über das Schulmittagessen, sitzt Blendern auf. Diese Schulen funktionieren nicht ohne Gewalt. Das ist das zentrale Problem, dessen Diskussion vermieden wird.

Die Bildungsdebatte ist bekanntlich eine wichtige. Bildung will ja jeder, ohne Erziehung geht schon mal gar nichts, und was wäre ein Staat, wenn nicht die Gesamtheit der darin Lebenden, die sich durch eine... jetzt hätte ich es fast gesagt, durch eine Art Konsens darüber auszeichnen würden, was denn nun Kultur sei.

Dass Streit zu jeder Kultur gehört, dass einige der fruchtbarsten Gespräche der Geschichte Streit waren - es sei nur an "den Positivismusstreit" erinnert oder an "den Religionsstreit" - scheint keine Rolle zu spielen. Ich verwende Anführungszeichen, weil die entsprechenden Streitigkeiten zwischen vielen Beteiligten abliefen und vielleicht das einzelne Gespräch gar nicht als Streit erkennbar war. Gestritten haben dort Fraktionen, Gruppen von Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen verschiedener Meinung empfinden.

Bildung ist im politischen Sinne ein Thema, bei dem fortwährende Streitigkeiten nicht zu vermeiden sind. Es ist geradezu ein Filetstückchen der Politik - der urtümliche Streit, der zwischen Eltern und Kindern, der zwischen Geschwistern, der zwischen Religionen - das Lebenselixier der Parlamente, der Gerichte, letztlich eben sogar ein Teil von Kultur.

Da Bildung so herrlich umfassend ist, da, ja, mittlerweile sogar Kultur mit Bildung identifiziert werden soll, läßt sich eben auch überall streiten über Bildung, und noch schlimmer, in jeder Form. So auch eben beim Presseclub. A bringt Kindergärten ins Spiel, B kontert mit dem Essen. 22.60 € im Monat. Meine Damen und Herren, das muss doch drin sein. Was sagt das über die Sprachkultur unserer Politik? Dass jemand, dem 22.60 € im Monat zuviel sein sollen für seine Kinder, ein psychisches Problem hat und nicht schlicht in einem asozialen System prekär beschäftigt wird. Hochamt der Politik ist das auf jeden Fall. Hochamt der Medien.

Auf der anderen Seite wird dann ständig von jedem die "Investition in Bildung" beteuert. Wer einen Schreck bekommen möchte, solle sich einmal anschauen, in was unter dem Label Bildung so alles investiert wird. Die wirklich perfide Nachricht in diesen Worten steckt darin, dass nur gewisse Dinge überhaupt Bildung sein dürfen, dass da ständig nach einem Kanon geschrien wird, nach Lehrplänen, nach endlich einer Leitlinie, einer Leitkultur... hab ich es doch gesagt. Dass dieses Wort mittlerweile ein Schimpfwort ist, dass es für all jenes steht, womit man all das Schlimme anrichten kann, für Sekundärtugenden, für das neurotische, gestörte Gebaren der niedersten Diener dieses Staats, dass es mittlerweile von der Geschichte überschattet wird, das bleibt oft verschwiegen.

Lehrpläne sind ein Witz. Das, was wirklich wichtig ist - Mitgefühl, Liebe, Toleranz - das steht in keinem Lehrplan. Es ist auch nach wie vor kein Weg bekannt geworden, den Leuten, die solche Werte nicht teilen, diese im wahrsten Sinne des Wortes beizubringen. Wobei das doch am besten geht, indem man sie selber lebt und darin zum Vorbild wird. Dass die Behörden dann eben solches Leben brechen wollen, übertünchen mit Lexika voller Wissen über alles Mögliche und Unmögliche, liegt in ihrer Natur. Das ist ein Grund für meine Forderung, den Behörden die Schulen zu entreißen.

Als Beispiel möchte ich folgendes erwähnen. Ein Bestandteil meines Lehrplans war die sogenannte Zwölftonmusik. Zwölftonmusik, das klingt, als ob jemand... nun ja... ohne Plan auf meinetwegen einem Klavier herumklimpert. Irgendwann konnte ich nicht mehr und musste lachen, als unser Musiklehrer uns auf einer extrem teuren und extrem guten Stereoanlage eine solche Aufnahme vorspielte. Der Lehrer erklärte mir still und würdevoll, dass das gestört habe, und forderte mich dann auf, zu beschreiben, was ich gehört habe. Ich sagte etwas wie das, was ich eben geschrieben habe. Der Lehrer fuhr fort damit, das eben gehörte Stück einzuordnen und zu kommentieren. Dass man eben in jener Zeit sich befreien wollte von den doch recht rigiden Vorstellungen der Altvorderen, dass das überhaupt eine sehr ernste Angelegenheit sei usw. - und machte eben mit einem Schmunzeln klar, dass man auch das als Witz begreifen könne. Später begriff ich dann, dass eben auch das Kultur ist: das Bewahren solcher Versuche, ihre Würdigung, vielleicht als Fehler, im besseren Fall als Experiment, als immerhin konsequent ausgeführten Irrweg - als menschlich eben. Der hat mir beigebracht, dass man sogar einen solchen verstiegenen Fehler lieben kann. Nicht, dass er damit alleine war, aber er war derjenige, der in meinem Leben diesen Trick in Bezug auf Musik am besten beherrschte. Ein Musiklehrer eben. Dass wir da im Unterricht nur ganz selten Musik gemacht haben, dass das überhaupt mehr ein Musik-Theorie-Unterricht war, das ist das bildungpolitische Problem, das ich dem verehrten Leser hier nahebringen möchte. Und Herrn Döhren möchte ich mitteilen, dass ich trotz all diesem theoretischen Verständnis immer noch nicht in der Lage wäre, eine solche Veranstaltung ernstzunehmen. Musik ist ein hartes Brot. Sobald man auch nur einen Ton macht, kommt irgendjemand und beschwert sich darüber. Zuerst ist es zu laut, dann ist es der falsche, dann passt er nicht zu den Tönen, die die Band spielt, dann macht man vielleicht die richtigen Töne, aber für die falsche Band. Danach versteht man die zugrundeliegende Theorie nicht und dann möchte ausgerechnet diese Musik niemand hören. Dann hat man aber eigentlich schon gewonnen, denn dann reden die Leute über einen, wegen der Musik, und das war eigentlich das, was man sich am ärgsten gewünscht hat.

Und in diesem Kontext versuchen gewisse Leute zu vermitteln, dass ausgerechnet die Jährigkeiten und die Gliedrigkeiten ein ganz wichtiges Element in der Bildungspolitischen Debatte wären. Jährigkeiten und Gliedrigkeiten, liebe Leser, das sind Fragen, an denen diese Debatte krankt. Eine Jährigkeit, das ist, in Kürze, die Frage: "Sind Sie bereit, öffentlich zu behaupten, dass jedes Kind 6 Jahre statt 4 Jahre in eine Schule nach Prinzip A gehört?" Eine Gliedrigkeit ist dementsprechend: "Sind Sie bereit, öffentlich zu behaupten, man sollte Kinder nach ihrer Güte in B Kategorien sortieren?" Die Anmaßungen, die Frechheiten, die sich in solchen Fragen verbergen, kann ich hier nur andeuten. Fragen Sie mal jemanden, der darüber nachgedacht hat. Viel schlimmer ist: solange wir über Gliedrigkeiten und Jährigkeiten streiten, können wir nicht über die wirklich wichtigen Dinge reden. Daher liegt einigen Leuten sehr viel daran, über eben diese Fragen zu streiten und über keine anderen. Die Methoden, derer sie sich bedienen, sind so altbekannt wie auffällig: Zeitdruck erzeugen, Autoritätsargumente, falsche Dilemmata und so weiter und so fort. Das ganze Repertoire kann man erleben, wenn man auch nur eine solche Frage auf den Tisch bringt. Das sind dann im übrigen auch genau die Leute, die einen dann mal beleidigen, wenn sie denken, es guckt keiner zu. Eine Beleidigung, das ist auch die moderne Zwölftonmusik: Künstler wie Autechre bedienen sich derselben Ideen, derselben Provokationen wie sie damals auch Schönberg oder Berg verwendet haben. Für Genießer der politischen Zwölftonmusik, des Experimentierens im abgesteckten Feld, ist die Piratenpartei auf jeden Fall geeignet. Man sollte bloß nicht den Fehler machen, das Experiment mit der Wirklichkeit zu verwechseln oder gar als Handlungsanweisung mißzuverstehen. Ganz im Gegenteil. Wir werden weiter nur das tun, was sinnvoll erscheint.

Wichtigere Fragen - die älteren Parteien wissen das längst - sind jene nach den Arbeitszeiten und den Arbeitsbedingungen. Und was man da erfährt, wenn man diese Verhältnisse einmal in Frage stellt, wie es einem so häufig geraten wird, ist wirklich interessant. Wirklich lustig wird es, wenn man Linken dabei zuhört, etwas so Offensichtliches zu verteidigen. Das rate ich: Wenn einer behauptet, er würde von Bildung oder wahlweise Erziehung etwas verstehen, bitten sie ihn, die Verhältnisse in den Schulen zu rechtfertigen. Vergessen sie nicht, die in den Schulen gängige - systematische und zwischenmenschliche - Gewalt zu erwähnen. Vergessen sie auch nicht, dass 35 Stunden Arbeit in der Woche mal als Obergrenze für Arbeiter empfunden worden, dass Erwachsene sich - im Gegensatz zu Kindern - in diesem Staat ihren Arbeitsplatz aussuchen dürfen. Sie werden ein Schauspiel erleben. Einen Kampf von Persönlichkeitsanteilen. Im Gesicht desjenigen, den Sie anschauen. Menschen entgleisen die Gesichtszüge, wenn man sie etwas fragt, mit dem sie nicht gerechnet haben. Anders ausgedrückt: Wenn man einem die Maske abnimmt, findet man gelegentlich Fasching darunter.

Wie der werte Leser sicherlich bemerkt hat, nähern sich die Feierlichkeiten bezüglich der Neuwahlen mittlerweile ihrem Höhepunkt. Einige Symptome zeigen sich auch schon an der Piratenpartei. Jetzt heißt es: Augen auf und durch. Wer noch nicht dabei ist, bekommt in den kommenden Wochen die letzte Chance, die Hochphase eines schwierigen Wahlkampfs in einem parlamentarischen System aus nächster Nähe zu beobachten. Und das, was uns wirklich wichtig ist, wird dabei selbstverständlich keine Rolle spielen. Es sind Stellvertreterkriege, deren Zeuge wir da werden. Die vermutlich letzten dieses Systems.