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Benutzer:Bzapf/Bewusstsein

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Vorab eine Warnung. Wie alles, was man mit Worten zum ausdruck bringt, kann auch dieser Text keine Wahrheit enthalten. Bestenfalls nähert er sich dieser an, läßt sie erschließen, aber ich bin wie viele davon überzeugt, dass Wahrheit etwas anderes ist als der Versuch, sie zu beschreiben. Am Stammtisch gestern tauchte die Frage auf, ob die Seele 7 Gramm wöge. Diese Frage hat einige sehr große Probleme. Das erste konnten wir am Stammtisch beobachten: In der Regel hat sie ein Crescendo zur Folge, und dass religiöse Fanatiker sehr empfindlich reagieren - selten aber Argumente zur Kenntnis nehmen wollen.

Eines meiner war, dass Bewußtsein allem Anschein nach eine Funktion fast ausschließlich unserer Gehirne ist. Das Gehirn ist es, das Sinnesreize verarbeitet und über bestimmte Nerven alle bewußten Bewegungen auslöst. Wundersamerweise haben Leute, die von so etwas viel mehr verstehen als ich, sogar ausgemacht, dass Nervenzellen nur in einer Richtung funktionieren, und dass man unterscheiden kann, welcher Nerv zum Hirn hinführt und welcher davon weg. Eingabe und Ausgabe sind also sozusagen getrennt.

Ein beliebter Einwand dagegen erschöpft sich darin, dass es auch ein "Bauchgefühl" gebe, dass auch im Bauch ein Nervensystem vorhanden sei, dem man eine gewisse Bedeutung zumesse, oder dass das Herz irgendwie entscheidend sei für Emotionen. Zweiteres ist eine kulturell überlieferte Vorstellung, die jeglicher tatsächlichen Grundlage entbehrt. Leute, die eine Herztransplantation haben überleben müssen (was übrigens wider einer häufig geäußerten Ansicht nicht "im vorübergehen" stattfindet, sondern nach wie vor eine ganz erhebliche und gefährliche Operation ist, die mit hohem Risiko verbunden ist und die Lebensqualität der überlebenden fast immer deutlich senkt, etwa, indem diese ihr restliches Leben Medikamente einnehmen müssen, die erhebliche Nebenwirkungen haben) ist keine Veränderung des Bewußtseins anzumerken.

Zweiteres - dass im Bauch ein Nervensystem vorhanden ist - ist tatsächlich der Fall. Dieses scheint aber, wieder entgegen der geäußerten Ansicht, keine wie auch immer geartete rationale, emotionelle oder sonstige "höhere" Funktion auszuüben. Das bemerkt man, wie auch bei Herztransplantationen, daran, dass es Leute gibt, denen durch einen Unfall oder einen Eingriff ein Teil dessen Funktion verloren ging. An diesen kann man keine Schwierigkeiten mit diesen Funktionen feststellen. Was auch immer die genaue Funktion sein mag (Fachleute vermuten, dass diese Nerven die komplexen Vorgänge der Verdauung steuern) - etwa den Darm zu durchtrennen, wie es bei bestimmten Krankheiten gemacht wird, hat anscheinend gar keine Auswirkungen auf den Bewußtseinszustand der Patienten, und was auch immer damit im Darm kaputtgemacht wird, geht auf jeden Fall neben der behandelten Krankheit unter.

An dieser Stelle ist aber eines ganz besonders schwierig: einen "Doppelblindversuch" kann man nicht durchführen. Damit meint man ein medizinisches Experiment, bei dem einer Gruppe von Patienten die Behandlung zukommt, einer anderen aber nur eine Scheinbehandlung - also ein Handlungsablauf, der der Behandlung täuschend ähnlich sieht, die aber weder Arzt noch Patient (darum "doppel") von der tatsächlichen Behandlung unterscheiden können. Wer eine Herztransplantation hatte oder ein Stück des Darms entfernt bekommen hat, weiß in der Regel davon. Das heißt, er kann entsprechende Symptome vortäuschen. Man muss da nicht einmal böse Absicht unterstellen: dieser sogenannte Placeboeffekt (oder Noceboeffekt, wenn die Wirkung negativ wahrgenommen wird) scheint unabhängig von der Absicht des Patienten einzutreten. So hat man einmal festgestellt, dass rosa Pillen trotz gleicher Inhaltsstoffe "besser verträglich" sind als blaue, also eine günstigere Placebo-Wirkung haben. In solchen Verhältnissen muss man sich freuen, überhaupt eine Erkenntnis zu gewinnen. Es ist nicht selten vorgekommen, dass die Behauptung, ein Medikament sei wirksam oder besser wirksam als ein anderes, nachträglich zurückgenommen wurde. Jedenfalls wird man bei solchen Operationen nicht ohne weiteres sichere Aussagen machen können. Es scheint aber so, als ob das Bewußtsein der Patienten weder verändert noch getrübt wurde.

Anders ist das bei Hirnschäden. Es ist zuerst einmal ziemlich selten, dass jemand einen bedeutenden Hirnschaden erleidet, und noch seltener überlebt er und bleibt bei Bewußtsein, um davon zu berichten, wie das so ist. Wenn das aber passiert, sind die Auswirkungen auf das Bewußtsein (in jeder Hinsicht) häufig nicht zu übersehen. Neben ziemlich häufigen und auffälligen Sprach- und Bewegungsstörungen kam es da auch schon zu subtileren Ausfällen. Beispielsweise möchte ich da "Neglect" nennen, ein Phänomen, bei dem ein Körperteil (oder sogar eine ganze Körperhälfte) insgesamt "vergessen" wird. Dieser Teil ist nicht nur gelähmt und gefühllos, sondern manchmal vom Patienten als "fremd" empfunden und auch erklärt. Frage: "Was ist mit diesem Arm los?" Antwort: "Der gehört nicht zu mir, den muss mir jemand ins Bett gelegt haben" Es kann zu "Sehblindheit" kommen, dem falschen Bewußtsein, nichts sehen zu können - solche Patienten weichen etwa geworfenen Gegenständen aus und greifen zielgerichtet zu, sind aber davon überzeugt, nichts zu sehen. Migränepatienten und Epilepsiepatienten zeigen manchmal Bewußtsseinsstörungen ("Aura"), die ganz ähnlich erscheinen können und wohl ähnliche Ursachen haben - einen in diesem Fall zeitweiligen Ausfall von Hirnteilen. Man kann mittlerweile sogar mit bestimmten Magnetfeldern experimentell Teile des Gehirns betäuben und so ein ähnliches Phänomen provozieren. Das sind offensichtlich Zustände, in denen das Bewußtsein selber betroffen ist. Die Patienten können bestimmte Vorstellungen nicht mehr bilden, haben also zum Beispiel die Möglichkeit verloren, "ihren Arm zu denken". An dieser Stelle versagt unsere Sprache scheinbar: die Phänomene ähneln bestimmten anderen. Ein "gewöhnlicher" Blinder etwa sieht nichts, weil seine Augen nicht funktionieren - beim Sehblinden funktionieren diese, aber es kommt trotzdem keine Sehwahrnehmung zustande.

Mittlerweile hat man übrigens erkannt, dass das Gehirn in diesen Funktionen flexibler ist, als man zuerst annahm. Vor 50 Jahren noch hat man bestimmten Hirnregionen bestimmte Funktionen zugeordnet, die dann auch meist mit einer bestimmten Modalität des Körpers verknüpft waren - etwa den einzelnen Sinnen, bestimmten Muskelgruppen oder festgelegten höheren Funktionen. Inzwischen hat man erkannt, dass etwa bei Blinden, die einen Knackfrosch benutzen, um ein Echolotverfahren zur Orientierung anzuwenden, die von der Ursprünglichen Funktion abgekoppelte "Sehrinde" des Hirns einen Teil dieser Aufgabe übernimmt. Allein dass jemand, der nichts sieht, seine Ohren als Echolot benutzen kann - eine Fähigkeit, die sich die meisten Leute nicht vorstellen können - grenzt ja an ein Wunder. Fledermäuse können das richtig gut, aber Menschen sind anscheinend auch gar nicht schlecht darin.

Die uralte Frage, was die Sinne im Bewußtsein voneinander trennt, ist damit übrigens ganz nebenbei beantwortet: die entsprechenden Nerven enden in bestimmten Hirnteilen, anscheinend ist es das, was es uns ermöglicht, hören von sehen zu unterscheiden. Mit solchen Fragen haben sich Menschen früher tatsächlich beschäftigt. Kein Witz.

Den Einwand, dass es Wechselwirkungen gäbe zwischen dem Nervensystem im Bauch und dem im Kopf, habe ich auch schon mehrfach wahrgenommen. Leider kann er nicht verfangen. Solche Wechselwirkungen gibt es auch zwischen den Muskeln und den Nerven - es gibt etwa einen weithin unbekannten, Propriozeption genannten Sinn, der uns mitteilt, wie Sehnen und Muskeln gespannt sind, wie also unsere Körper im Raum liegen. Menschen, die diesen Sinn verloren haben (was sehr selten einmal vorkommt), leiden an einer enormen Behinderung. Ohne Konzentration und genaue, bewußte Koordination, fällt ihr Körper schlaff in sich zusammen. Die für uns ganz selbstverständlich, automatisch ablaufenden Tätigkeiten laufen, sitzen oder essen müssen neu und anders erlernt werden und bedürfen der Konzentration. So etwas wünscht man keinem.

In diesem Sinne steht natürlich alles mögliche mit allem möglichen irgendwie in Wechselwirkung. Davon darauf zu schließen, die miteinander wechselwirkenden Dinge seien kongruent oder gar identisch, geht mir zu weit. Dann wäre ich der Kater, wenn ich ihn streichelte. Bislang konnte ich aber immer noch sehr gut zwischen dem Kater und mir unterscheiden, und noch niemand hat behauptet, mein Bewußtsein sei im Kater zuhause. Gewiß, es besteht da keine materielle Verbindung, aber das Argument läßt sich auch für meinen kleinen Finger formulieren: Der ist offenbar mit meinem Gehirn verbunden, und trotzdem zeigt sich an Leuten, die einen kleinen Finger verloren haben, dass sie davon keine tieferen Störungen des Bewußtseins davontrugen. Sie haben halt keinen Finger mehr.

An dieser Stelle wird dann oft das "Körperbewußtsein" ins Gespräch gebracht. Irgendwelche Yogis bieten auch ganz gerne einmal Kurse an, bei denen man sich eine Klangschale auf den Bauch stellt, oder sich auf den Kopf, oder irgendwelche Zeitlupenbewegungen macht - solche Dinge halt - und dadurch sein Bewußtsein Schulen möchte oder würde. Meine Antwort darauf ist: Jein. Sicher, mein Bewußtsein wäre anders, gäbe es nicht meinen Körper (wäre ich ein "Hirn im Tank"), und natürlich könnte ich ohne eine perfekte Simulation der Umwelt, die über die geläufigen Hirnnerven eingespeist würde - Rückkopplung meiner Handlungen in die Simulation inklusive - kaum etwas im eigentlichen Sinne tun und wäre also auch, mangels Wahrnehmungen und Erfahrungen, so etwas wie ein Idiot. Der Film "Matrix" gab vor, diese Idee zu erforschen, blieb dann aber letztlich stecken in einem ziemlich einfältigen Versuch, eine Erlösung zu propagieren. Ich habe den Eindruck, dass die Erlösung von dieser Art des Pseudosolipsismus ziemlich naheliegend ist: Augen auf und tut etwas. Jedes Handeln, jede Interaktion mit der Wirklichkeit wird Euch der Überzeugung näher bringen, dass ihr eben nicht isoliert seit, gar nicht isoliert sein könnt und dass die philosophische Idee, dass es sich so verhielte oder verhalten müsse, letztlich eine sehr sehr traurige ist, die sich dann auch noch als selbsterfüllende Prophezeiung entpuppen könnte. Denkt einmal darüber nach.

Unser Bewußtsein, unsere Emotionen und unsere Gedanken sind Funktionen des Hirns. Das ist mittlerweile so deutlich, dass jeder Zweifel daran als Sophisterei erkannt wird. Für anderslautende Meinungen gibt es eigentlich nur noch zwei Erklärungen: entweder der, der sie abgibt, weiß von all dem nichts, oder er handelt in bösem Willen - denkt etwa, einen strategischen Vorteil dadurch zu erhalten, dass er den Glauben an irgendwelche Zauberei oder heiligen Bücher propagiert, oder aber sonst irgendwie Unsinn verbreitet. Manche Leute stellen sich vor, dass es vielleicht ganz unterhaltsam wäre, wäre jede Meinung gleich berechtigt und daher auch gleich wahr zu nehmen. Das aber ist nicht der Fall. Es gibt kein Recht, zu Lügen oder auch nur Unsinn zu verbreiten. Selbstverständlich ist in meinem Sinne auch nicht alle Kunst als Unsinn zu verstehen. Auch wenn es immer wieder ganz emotionale und vielleicht auch berechtigte Kritik an Äußerungen gibt, die manch einer als Kunst versteht, jemand anderes aber nicht ("Ist das Kunst oder kann das weg?") - der Unterschied zwischen Kunst und Unsinn ist eben jener, dass Kunst irgendwie als sinnvoll verstanden wird, während Unsinn anscheinend einzig produziert wird, um andere Leute abzulenken. Natürlich ist die Grenze zwischen beidem nicht genau zu erkennen und wird auch immer wieder zu Diskussionen führen.

Allein die Erkenntnis, dass die gesamte Erde mit allem, was darauf lebt, einmal Bestandteil eines Sterns war, allein, dass die Involution inzwischen dazu geführt hat, dass es Leute gibt, die eben das verstehen, erklären, besingen und verbreiten wollen, ist mir persönlich wertvoller als jedes religiöse Ritual, jede Tradition und jede Zustimmung anderer Menschen. Das Universum ist, und wir können seine Pracht bewundern, als Wesen, die ganz und gar aus Materie bestehen, die im Vergleich zu dem, was sie hervorgebracht hat, so unendlich klein sind, dass dieses Verhältnis jeder Beschreibung spottet.

Das Gerücht, dass das, was manch einer "Seele" nennt, eine irgendwie unerklärliche Grundlage hat, ist einfach nur ein alter Mythos, eine Vorstellung, die ich in die Nähe der Religionen rücken möchte. Die derzeitige Wiederkunft dieser Idee, dass die Seele auch noch 21 gramm wöge, hat eine etwas merkwürdige Geschichte. Zuerst bleibt festzuhalten, dass genau das ja der Überzeugung zu widersprechen scheint, die Seele sei immateriell. Entsprechende Versuche, solch ein Seelengewicht zu messen, hat es mehrfach gegeben (vgl. Wikipedia: Psychostasie) - diese krankten aber alle daran, dass es ziemlich schwierig ist, das Gewicht eines Organismus, der sich ja vor dem Tod noch bewegt, überhaupt derart präzis zu messen. Selbst, wo das möglich war, hat sich unter sehr genau kontrollierten Bedingungen eben kein Gewichtsverlust gezeigt.

Das ist ein typisches Merkmal schlechter Wissenschaft: je genauer man hinsieht, desto kleiner wird der behauptete Effekt. Bei guter Wissenschaft ist es genau umgekehrt. Außerdem zeigte die Geschichte, so wie sie auf dem Stammtisch erzählt wurde, zeichen einen urbanen Legende. Das gemessene Gewicht wurde mit 7 Gramm angegeben, und in einer Art Echo anscheinend des antiken Ägyptischen Totenkults wurde davon berichtet, dass ein Leichnam seziert wurde, später wieder zusammengesetzt und zugenäht, und diesen Gewichtsverlust später auch ohne Fäden zeigte.

Mal davon abgesehen, dass bei einer echten Sektion (wörtlich: "schneiden", Deutsch oft: "Leichenschau" - das ist aber ein eher amtlicher Begriff) jede Menge Blut und andere Flüssigkeiten verloren gehen werden, dass man zwar häufig Leichen zum Zwecke der Präsentation "herrichtet", also etwa Entstellungen verdeckt oder überhaupt einen kranken Eindruck vermeidet, aber selten entnommene Organe wieder einsetzt (das ist im alten Ägypten genausowenig passiert, wie man es hier praktiziert - in Fällen, wo so etwas nötig wird, werden wohl häufig Tücher verwendet, um das Volumen zu erhalten) - sind das Zeichen einer Mythenbildung, der Deformation der eigentlichen Geschichte.

Alles, was wir Seele nennen, alles, was uns als fühlende, denkende, sprachbegabte Wesen ausmacht, was geistige Autonomie ist, Mitleid und Liebe, Haß und Freude, spielt sich in unseren Köpfen ab. Es handelt sich um Muster der Aktivität bestimmter Nervenzellen darin. Eines Tages wird mit dem Tod meines Körpers diese Aktivität erlöschen und damit mein Bewußtsein. Es gibt keinen Anlaß, etwas anderes zu behaupten - ausser eben vielfach tradierte Mythen. So viel der einzelne auch in diesen Mythen finden mag, all das wird niemals die vollkommen subjektive Erfahrung ersetzen, zu sein und davon berichten zu können.

Wer den Unterschied zwischen Mythos, Wahrheit und Lüge besser erkennen lernen möchte, sei auf Harry G. Frankfurts Werk "On Bullshit" verwiesen. Dort wird dieser genauer erklärt, als ich es hier jemals könnte.

Dazu auch, via Jens Fricke: Die Zeit: Stimmt's?: Das Gewicht der Seele