Benutzer Diskussion:Zuse/volkswirtschaftlichesEinkommen
Hase 13:40, 7. Dez. 2010 (CET) Ich will mal etwas zur Diskussion beitragen.
der Traum: Vollbeschäftigung
ist der Albtraum eines BWLers: das würde die Preise für Arbeit auf der Stelle durch die Decke gehen lassen.
Die - gelegentlich etwas zynisch klingenden - Berechnungen, welches die optimale Arbeitslosenquote ist, kommen auf ca. 3% bis 5% heraus (aus dem Gedächtnis, keine Quelle verfügbar). Bei dieser Arbeitslosenquote ist die Auslastung des Produktionsfaktors Arbeit gut genug, der Preis steigt aber nicht rapide.
Der Traum ist aber auch aus einem anderen Grund unrealistisch: ein Unternehmer, wie er heutzutage definiert ist, hat kein Interesse am Gemeinwohl, nur der eigene Gewinn zählt.
Er muss Arbeitskräfte daher als ein Gut betrachten ähnlich wie eine Lagerstätte mit Braunkohle: es ist zum Ausbeuten da, rausholen, was geht, zu möglichst geringen Kosten und wenn ein grosses Loch zurückbleibt, ist das ein Problem anderer Leute.
Die Moral von Human Resources Abteilungen in Grossunternehmen ist inzwischen an diesem Punkt: der Mitarbeiter ist eine Resource, die es auszuschöpfen gilt und die ersetzbar ist. Der Mensch fängt da erst bei 250k€ Jahresgehalt an (Ausnahme: die eigene Sekretärin und alle Mitarbeiter in der HR-Abteilung).
Jedenfalls wird ein Unternehmer immer versuchen, Arbeitskräfte loszuwerden, wo es geht und die Arbeit von den verbliebenen erledigen zu lassen - bis zum Zusammenbruch (der Arbeitnehmer oder der Produktion), denn so kann man "Kosten sparen".
In einer stark binnenwirtschaftlichen Volkswirtschaft ist auch Unternehmern klar, dass diese Strategie falsch ist: Was nicht als Lohn ausgezahlt wird, steht nicht als Kaufkraft zur Verfügung, die eigenen Produkte zu kaufen.
In der sehr aussenwirtschaftlich orientierten Wirtschaft, wie wir sie heute sehen, speilt das offenbar weniger eine Rolle: hier kann ein Unternehmer auch dann noch auf Absatz hoffen, wenn er seine Leute nicht adäquat bezahlt. Die hohe Moral bezüglich "seiner Leute" eine Robert Bosch ist damit nicht mehr erforderlich, ja gerade hinderlich.
Ein extremes Beispiel, das jeder kennt, ist China, aber auch Bangladesh zum Beispiel.
Was Löhne angeht ist daher eine race to the bottom im Gang: jeder will unterbieten, koste es was es wolle.
Für mich sind diese Effekte, die gerne hergeleitet werden aus der Wirtschafttheorie, die auch der Artikel von Zuse zugrundelegt, eher abschreckend.
Arbeitsanreize
Damit Menschen sich beschäftigen, brauchen sie an sich keinen Anreiz.
Fast jeder kennt das: nach 6 Wochen Urlaub - so sehr man sich den ersehnt hat - kann man einfach nicht mehr nichts tun.
Auch bei Kindern - Eltern kennen das gelegentlich zum Leidwesen - kann man immer Tatendrang beobachten, "Spieltrieb" genannt.
Menschen wollen arbeiten, zumindest so lange, bis man es ihnen abgewöhnt.
Ich vertrete schon länger die Auffassung, dass der Satz "setz dich da hin und sei still", gesprochen von einem Elter an ein Kind, als Kindesmisbrauch einzustufen ist: das ist etwas, das man einem Kind nicht antun darf.
Man kann Menschen die Arbeit aber auch entsetzlich verleiden.
Das ALG II (also known as Hartz IV) hat einen wichtigen Webfehler: Arbeiten wird bestraft.
Diese Lektion lernen vor allem die Kinder von ALG-II-Beziehern sehr schnell: nimmt man mit 16 einen Ferienjob an, um was zu tun, um sich mal was gönenn zu können - der Verdienst wird kompletto von der Stütze für die Familie abgezogen. Diese Lektion verlernt man nicht so schnell wieder.
Natürlich ist nicht jede Arbeit angenehm und der Lohn ist ein ganz wesentlicher Anreiz, die unangenehmen Anteile auch zu ertragen. "Schmutzzulage", "Schichtzulage" und dergleichen haben einen guten Grund.
Die Grundannahme zu treffen, dass alle Menschen dumm, faul und im Grunde widerlich sind und daran dann die Sozial- und Wirtschaftspolitik auszurichten, halte ich für grundfalsch: selbst wenn das überwiegend so sein sollte - was es /nicht ist - wäre noch immer die Annahme, dass der Mensch gut ist besser für die Politik. So eine Grundhaltung kann viel eher ein wünschenswertes Verhalten befördern.
Der Arbeitsanreiz Geld hat aber noch ein anderes Problem, das der nächste Abschnitt beleuchtet
Leistung und Gegenleistung
In der Physik ist das einfach: Leistung ist Arbeit pro Zeit. Oder Energie pro Zeit, das ist dasselbe.
In der Wirtschaft ist das nicht ganz so einfach: wie misst man die Leistung, die eine Person erbringt?
An sich sehr einfach: das Geld, das dafür fleisst, wird als Mass der Leistung genommen.
Aber dieses Kriterium hat ein Problem: damit gibt es z.B. keine Betrugsdelikte mehr: wenn da Geld geflossen ist, dann war da eben auch eine passende Leistung.
Am Beispiel des Straftatbestandes Betrug kann man also schön sehen, dass Geldfluss und Leistungsfluss nicht immer im Betrag gleich sind (die Richtung ist ja idR. entgegengesetzt).
Aber genau diese Unterscheidung wird nach meinem Eindruck in der BWL notorisch vermieden.
Der Grund ist einfach: man kann Geldflüsse sehr leicht, Leistungsflüsse gar nicht messen.
Die Leistungsbewertung ist hochgradig subjektiv, nicht nur, weil sich menschliche bzw. soziale Wertschätzung und rein wirtschaftliche Leistungsmessung stark vermischen. Es muss immer subjektiv bleiben.
Daher kann ich es der BWL verzeihen, dass sie diese Schwierigkeit meidet wie die Pest.
Aber in der Folge haben wir dann Probleme, korrekt einzuschätzen, ob Leistungs- und Geldfluss noch in der Waage sind.
Imbalance
Ein Ungleichgewicht zwischen Leistungs- und Geldfluss ist immer eines von drei
- unmerkbar
- erträglich
- unerträglich
und die Übergänge sind fliessend, weil sie nicht nur von den objektiven (Geldzahlung) oder semi-objektiven (Leistung) Tatsachen abhängen, sondern auch von den Umständen drumherum.
Eine uralte Beobachtung ist, dass ein Ungleichgewicht zwischen erbrachter Leistung und erhaltenem Geld dann leistungsfördernd wirkt, wenn der Arbeitnehmer weniger bekommt als er erwirtschaftet. Klingt erstmal komisch.
Aber in einem mittelständischen Betrieb in dem Mitarbeiter nach Leistung befördert werden, ist es für die individuelle Leistung der Mitarbeiter sehr fürderlich, wenn diese ca. 10% weniger als ihre eigentliche Leistung bezahlt bekommen - und der Chef ein wenig mehr als seiner Leistung entspricht.
Das Gefühl von "das, was der da kann, das schaffe ich auch - ich bekomme die Beförderung" kann auch über lange Strecken motivieren und beflügeln.
Solange in der Hierarchie eine Durchlässigkeit besteht und jeder, der herausragende Leistung erbringt eine Chance auf Befürderung hat, entsteht ein Leistungsanreiz.
Das ist einmal als das [Peter Prinzip] beschrieben worden: jeder wird so lange befürdert, bis er nicht mehr kompetent ist. Das kann ein Problem sein, das hat der Autor schon erlebt (excellenter Ingenieur auf Management-Posten gehoben - dort quasi kontinuierlich versagt und verkümmert), muss aber hier gerade nicht interessieren.
Im nähsten Abschnitt werden wir sehen, dass dieses Anreizsystem aber eine Grenze hat, die leicht verletzt werden kann.
Asymmetrien zwischen Leistungs- und Geldfluss
Wo immer Geld für Nicht-Leistung fliesst muss im Gegenzug Nicht-Geld für Leistung fliessen.
Andernfalls wäre die Währung in Gefahr.
Wenn es massiv auftritt, wird gern von einer "Blase" einer "Bubble" gesprochen. Die Internet-Blase war so eine, da waren junge Firmen wie VA Linux schnell mal mehr Geld "wert" (nach Marktkapitalisierung an der Börse) als IBM - und beide in quasi demselben Business tätig.
Aber zurück zur Nicht-Leistung für Geld.
Beim Lotto weiss jeder, worauf er sich einlässt: gewinnen kann nunr einer von Tausenden oder Millionen, in der Regel ist das Geld futsch: Geld für Nciht-Leistung ist geflossen.
Daher kann auch der Gewinner Geld für Nicht-Leistung erhalten, denn die anderen Lotteriespieler haben ihre Kaufkraft an ihn abgetreten - für die schmale Hoffnung, Fortuna könnte ihnen hold sein.
Wenn in einer Firma die Mitarbeiter so 5% bis 10% unterbezahlt sind (gemessen an ihrer Leistung) und ein Chef je ca. 10 Mitarbeiter da ist, dann kann der ein hübsches Extra-Sümmchen erhalten, das über seine eigentliche Leistung hinausgeht.
Solange ideser Spread nicht zu gross wird, wird wie oben beschrieben ein Leistungsanreiz daraus.
Wenn aber der Unterschied zwischen Leistung und Bezahlung zu gross wird, wenn dann Chefs angestellt sind, die - gemessen an ihrer Leistung - Geld von zuhause mitbringen müssten, dann kippt der Leistungsanreiz um.
Dienst nach Vorschrift, Leistungsverweigerung, Unzufriedenheit sind die Folge.
Das gilt nicht nur innerhalb einer Firma, das gilt dann schnell auch gesamtgesellschaftlich. Für eine Krankenschwester oder einen Ingenieur in der Automobilentwicklung ist es nicht machzuvollziehen, dass ein AG-Vorstand das 100 bis 200-fache des eigenen Gehaltes bekommt.
Ist das "leistungsgerecht"? Erbringt der am Tag wirklich so viel, wie die Krankenschwester im ganzen Jahr?
Wohl nicht.
Das und die immer geringere Durchlässigkeit der Hierarchien - befördert wird nicht mehr nach Leistung sondern eher nach Rücksichtslosigkeit und Intriegenfähigkeit - zerstören nachhaltig den Leistungsanreiz, der aus einem Zahlungsungleichgewicht entsteht.
Die Tatsache, dass nicht mehr nach Leistung befördert wird, bringt der Cartoonist Scott Adams in seinem But "The Dilbert Principle" schön auf den Punkt, er beschreibt darin die Wandlung vom Peter-Prinzip zum [Dilbert-Prinzip].
Geld für nix
Der Vorwurf, der ALG-II-Beziehern immer wieder gemacht wird und eine wesentliche Grundkritik an den meisten BGE-Konzepten ist, dass man nciht "Geld für nichts" zahlen könne.
In der Tat stimme ich zu: das müssen wir langsam mal aufhören.
Wir haben oben gesehen, dass der Gehaltsunterschied zwischen Personen auf verschiedenen Ebenen in einer Hierarchie nicht unbedingt mit einem Produktivitätsunterschied korrelieren muss, eine kleine Abweichung wirkt sogar leistungsfördernd.
Auch das ein Grund, warum Hierarchien bis heute als Organisationsmodell so beliebt sind.
Aber mal platt gefragt: welche Leistung erbringt eine Bank, die heute die Gelder aus dem Banken-Rettungsschirm darauf wettet, dass nächstes Jahr Deutschland für die spanischen Staatsschulden haften wird?
Genau: keine oder eine negative. Aber das bei 8% Rendite ohne Risiko.
Überhaupt sind die Bankgeschäfte, bei denen die Bank eine Rendite hat aber kein Risiko trägt, eigentlich immer Betrug: gerade die Risikoübernahme ist ja die Prämie wert.
Hier liegt das Problem mit der oben dargestellten Verwechslung von Geldfluss und Leistung: solange man jede Rendite als gerechtfertigt ansieht, sind vor allem die Geld-für-Nichts-Geschäfte besonders interessant.
Und da liegt das Problem: wenn hier für eine Nicht-Leistung im Finanzmarkt Geld fliesst, dann muss woanders für eine Leistung kein Geld fliessen.
Die genauen Zusammenhänge sind sehr komplex, zumal auch Zeitverschiebungen noch eine wichtige Rolle spielen: Gewinnerwartungen sind in Aktienkurse eingepreist (und damit letzlich Dividenden zeitlich vorverlagert), Geld wird gespart (und damit Kaufkraft zeitlich in die Zukunft verlagert) und so weiter.
Schlüsse
Aufgabe der Politik muss es sein, die Ungleichgewichte auf einen Level zu tarieren, der leistungsfördern und nicht leistungsfeindlich ist.
Aber nicht nur wirtschaftliche Aspekte sind zu berücksichtigen: wir sind Menschen und nicht das, was die BWL mit dem homo economicus gern zugrundegelegt hat.
Menschen sind soziale Tiere, können nur in der Gemeinschaft leben, als Einzelgänger gehen sie ein - ganz anders als Grizzlys.
Eine Unfairnis zugunsten behinderter Menschen ist z.B. allgemein akzeptiert.
Auch die Ehrensache, alte Menschen zu behüten und zu ehren, findet selbst heute noch Beachtung und Ausdruck in Solidargemeinschaften wie der Krankenkasse.
Ein gewisses Mass an Geld-für-nix ist akzeptabel und erträglich und leistungsfördernd, aber das Übermass ist gesellschaftlich ungesund.
Das übermässige Geld-für-nix, das gerade im Finazsektor auftritt, gilt es, zurückzufahren.
Daneben gilt es, Anreize zu schaffen für Menschen, ihr Leben selbst zu gestalten und produktiv zu sein, wie sie es mögen. Ich bleibe dabei: Menschen mögen es, zu arbeiten, zu werken, sie drücken sich auch in ihren Werken aus und finden sich in der Arbeit wieder - nicht nur im Geld, das sie dafür bekommen.
Eine Grundsicherung, die "zum Sterben zuviel, zum Leben zu wenig" ist, erfüllt verschiedene Zwecke
- soziale Sicherheit
- finanzielle/wirtschaftliche Sicherheit
- Steuerfreiheit des Existenzminimums
- Anreiz, bezahlte Werte zu schaffen
Die Freistellung des Existenzminimums von der Steuer haben wir schon heute: Grundfreibetrag, Kinderfreibetrag und so weiter. Diese könnten durhc steuerfreie Auszahlung des Existenzminimums (oder etwas darüber) auch hergestellt werden, Einkünfte aus Arbeit würden dann ab dem ersten Euro besteuert.
Das klingt zunächst wie eine Verschlechterung, ist es aber nicht: wer heute Grundfreibeträge nutzen kann, würde den Unterschied kaum bemerken, aber heutige ALG-II-Bezieher hätten einen unmittelbaren Arbeitsanreiz: ab der ersten Arbeitsstunde mehr Geld auf Tasche.
Dabei wäre es egal, ob der so abgesicherte als Selbständiger oder als abhängig Beschäftigter Werte schafft, ob er als Tagelöhner mal hier, mal da jobbt und dazwischen als Strassenjongleur Menschen unterhält.
Die praktischen Probleme dabei, die ganzen Einnahmen zu erfassen und die passenden Steuern zu kassieren, lasse ich einmal weg, die haben wir heute auch und lösen sie so lala.
Das Entscheidende wird sein, das Geld-für-nix, das an anderer Stelle derzeit verteilt wird, z.B. an einer Börse, die immer mehr ein Casino ist, in dem die Banken oder andere institutionelle Anleger mit gezinkten Karten spielen auf ein gesundes Mass, das Leistungsanreize bietet, zurückzufahren.
Es darf eben nicht mehr der geschicktestes Subventions-Betrüger das meisste Geld bekommen sondern der leistungsfähigere sollte zumindest eine Chance haben.
Dazu ist ein komplettes Umsteuern der Gesellschaft notwendig, das auf der Erkenntnis basiert, dass zwischen zu Unrecht erworbenem und zu Recht erworbenem Geld unterschieden wird.
Ausserdem wird es erforderlich sein, ein anderes Kriterium für gesellschaftliche Anerkennung zu etablieren als das "mein Haus, mein Auto, mein Boot" aus der Sparkassenwerbung.