RP:Stammtisch Ahrweiler/Warum Basisdemokratie? Die Attische Demokratie ein Vorbild der Piraten?

Attikas Demokratie – Ein Vorbild der Piraten?

Ivo Dubiel, Februar 1014

Die unklare Erklärung des Museumsführers im Athener Parthenon Museum zu einem Stein mit horizontalen Schlitzen in vertikalen Spalten (Kleroterion) als „anticorruption device“ machte neugierig. Nachforschungen führten in eine völlig andere und demokratischere Welt. Stünden den Athenern um 500 vor Pilatus unsere digitalen Möglichkeiten zur Verfügung, ihr System wäre noch besser. Von den 40.000 Stimmbürgern Attikas waren meist nur 6000 oder weniger und meist nur Bürger Athens in der Volksversammlung anwesend. Unsere Parteitage haben ein ähnliches Problem der Selbstselektion. Piratige Parteitage mit Delegierten würden wohl zur Präsenz der gleichen Figuren führen, wären aber etwas repräsentativer als die jetzigen „basisdemokratischen“. Daher ist die Ständige Wahlurne eine auszuprobierende Hoffnung.

Piraten können als Basisdemokraten von der internen Logik der attischen Direkten Demokratie einiges lernen. Dass Demokratie eigentlich meint „regieren UND regiert zu werden“, haben wir kaum begriffen. Der Konflikt, dass Demokratie Mehrheitsentscheidungen meint, die Mehrheit aber finanziell die Minderheit ist, wird kaum durchdacht. Dieses Problem lösten die Athener. Wie lösen wir den Konflikt zwischen einem politisch egalitären System – jede Stimme ist gleichwertig – und einem polarisierten finanziellen Machtsystems? Zu glauben, nach einer gewonnenen Wahl hätte man die Macht – wie Allendes Sozialisten es glaubten, nicht die chilenischen Kommunisten – ist infantil. Entweder teilt man die Macht mit den Reichen und die repräsentative Demokratie erlaubt da viele Möglichkeiten oder man begrenzt durch die Funktionsweise des Systems ihre politischen Möglichkeiten wie es die Attische Demokratie erreichte. Wenn Entscheidungen nicht den politischen Willen der Mehrheit widerspiegeln, sondern auch den Einfluss des Kapitals, handelt es sich um Korruption, unabhängig von der rechtlichen Beurteilung. Korruption bekämpft man nicht durch Gesetze oder durch die Forderung nach nicht korrumpierbaren Politikern, denn Geld ist wie Wasser und sickert überall durch. Korruption bekämpft man durch Systeme, die Korruption unmöglich machen, durch Direkte Demokratie. Erst wenn man das Volk „korrumpiert“, d.h. seine Meinung verändert, sind politisches und finanzielles System deckungsgleich.

Das antike Attika um 500 vor Pilatus brauchte keine Repräsentative Demokratie. Alle Stimmberechtigten konnten am Wochenende zur Volksversammlung kommen. Dort wurden bestimmte führende Funktionen durch Wahl besetzt und über die vorbereiteten Anträge abgestimmt. Jeder hatte Rede- und Stimmrecht. Organisiert wurde diese Demokratie durch den Rat der 500 (Bule) mit jeweils 50 Vertreter aus 10 Phylen, ein System, dass die Bildung von Parteien als Interessenvertretung verhinderte. Ursprünglich waren Phylen homogene, verwandtschaftlich verbundene Stämme. Die Athener machten daraus heterogene politische Einheiten. Die natürlichen Interessenkonflikte zwischen Fischern und Seeleuten der Küste, Bauern des Landesinneren und Bewohnern der Stadt Athen sollten nicht aufeinanderprallen und die Demokratie schädigen. Daher setzte sich jede der 10 Phyle gleichmäßig aus Nachbarschaften (Demen) von Küstenbewohnern, Bauern und Städtern zusammen, die dann durch das Los ihre 50 Vertreter bestimmten und in den Rat der 500 entsandten.

Durch Wahl bestimmte die Volksversammlung nur die Besetzung der 100 wichtigsten Ämter, vor allem der 10 Strategen, das wichtigste Amt in Athen. Die übrigen mehr als 1000 Ämter wurden durch die Zufallsmaschine [Kleroterion] unter den Bewerbern aus jeder Phyle ausgelost. Auch die 50 Vertreter einer Phyle, die einen Athener Monat „regierten“, bestimmte das Los. Welche Phyle als nächste „regiert“, wurde gelost. Je wichtiger das ausgeloste Amt, desto kürzer die Amtsperiode: ein Jahr, einen Monat, einen Tag. Es wurde nur der Leumund der Bewerber geprüft, nicht die Qualifikation. Fehlentscheidungen wurden vermieden, da fast immer Gremien von 10 bis 20 Ausgelosten entschieden und nicht Einzelpersonen.

Niemand konnte sich durch Beredsamkeit, Einfluss und Charme vordrängeln, wie es Wahlen ermöglichen. Wahlen sind undemokratisch, da sie bestimmte Personen bevorteilen. Jeder soll die Möglichkeit haben, für ein Amt ausgelost zu werden und irgendwann zu regieren. Jeder 20. Bürger hatte ein Amt, jeder 5. war ausgelostes Mitglied der Volksgerichte. Es gab keine „Gewaltenteilung“, denn das Volk war der Souverän. Jeder Gewählte oder Ausgeloste war der Volksversammlung Rechenschaft schuldig (außer den Richtern) und konnte jederzeit abgesetzt werden. Die Frage nach dem Fehlverhalten von Beamten war monatlich der erste Punkt der Tagesordnung. Persönlichkeiten, die durch Geld, Charme, Seilschaften und politischen Erfolg versuchten, als Politiker ihre Machtbasis zu stabilisieren, konnten durch das „Scherbengericht“ mit einem Quorum von mindestens 6000 Stimmen für 10 Jahre aus Athen verbannt werden ohne ihr Eigentum zu verlieren.

Die klassische Direkte Demokratie ist kein unbedeutendes Kuriosum. Ohne die aktive Teilnahme der Bürger wäre Athen niemals das kulturelle, wirtschaftliche und auch militärische Machtzentrum des antiken Hellas geworden. Direkte Demokratie bedeutet sowohl politisch wie wirtschaftlich einen Fortschritt. Der Parthenon ist Symbol der Leistungsfähigkeit dieser Demokratie, er ist aber auch Teil des Athener Beschäftigungsprogramms und anderer sozialer Maßnahmen. Nach Aristoteles besteht Freiheit nur in einer Direkten Demokratie, in der jeder regiert und regiert wird, und eine Demokratie besteht nur, wenn den Interessen der Mehrheit entsprochen wird und das sind nicht die Reichen[1]. Das Ziel Freiheit impliziert daher eine Demokratie und auch einen Sozialstaat.

Aus Sicht des klassischen Athens sind westliche repräsentative Demokratien alles, aber nicht demokratisch. Nach Gründung der USA wählte man den Präsidenten nicht direkt, sondern über Wahlmänner, die dann nach Washington gallopierten. Und als 1848 in Frankfurt die deutsche Demokratie erfunden wurde, ging das nur über Abgeordnete, die eine Region im Parlament vertreten. Dies war damals technisch notwendig. Inzwischen ist die Eisenbahn, das Telefon und das Internet erfunden – völlig unbemerkt vom heutigen politischen System. Die technologische Rückständigkeit dieses Systems wurde für die Welt der Konzerne und Globalisierung ein Vorteil. Konzerne entstanden zuerst in den USA während und nach dem Bürgerkrieg – zur Zeit der Robber barons – als „die beschämende Korruption [entstand], die kürzlich in unsere Politik hineinkroch und in einigen Jahren sich ausbreitete, bis die Verpestung einen Teil jedes Staates und jedes Gebietes der Union erreichte.“[2](Mark Twain, 1897) Die heutige Globalisierung entstand als nach dem finanziellen Zusammenbruch der UdSSR für westliche Konzerne sozialen Rücksichten überflüssig wurden. Damit waren die Konzerne nicht mehr der Bekämpfung des Kommunismus verpflichtet und abhängig von staatlicher Politik; staatliche Politik musste nun versuchen, die Politik der Konzerne zu beeinflussen.

Da das Volk nicht direkt, sondern über „Repräsentanten“ entscheidet, war es für die Konzerne einfach, die Repräsentanten durch Argumente, Geld und Versprechungen zu beeinflussen und staatliche Politik zu bestimmen. Der Konflikt zwischen einer egalitären Verteilung politischer und einer polarisierten Verteilung wirtschaftlicher Macht lässt sich so „vermitteln“. Und wenn das nicht gelingt, wird versucht – wie jetzt in Thailand und Venezuela, vor kurzem in Ägypten – die Demokratie abzuschaffen. Die unendliche Zahl von Militärputschen ist kein Merkmal „unreifer“ Nationen, sie ist meist Folge des Auseinanderfallens von politischem und finanziellem Profil einer Gesellschaft, das nicht „vermittelt“ werden kann. Die Militärs versuchen dann, dies auf ihre Weise zu lösen – bis sie scheitern. Auch im demokratischen Athen waren die Reichen nicht glücklich. Sie wurden nicht enteignet, besaßen aber nicht nicht die Privilegien, die andere Systeme ihnen erlaubt hätten.

Wie wenig unsere Regierungen sich als Demokratien verstehen, zeigt das Beispiel Griechenlands. Als Papandreou verkündete, das Volk solle über den Rettungsplan der EU abstimmen, gab es internationalen Protest und die Kurse fielen. Als er dann einknickte, stiegen die Kurse wieder. In Habermas' Sprache klingt das so: „In liberal verfassten Steuerstaaten hat immer ein Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus bestanden. Demokratisch gewählte Regierungen können sich Legitimation nur dadurch erwerben und erhalten, dass sie clever die Wege aufspüren, auf denen die Imperative beider Seiten irgendwie zum Ausgleich gebracht werden – die Gewinnerwartungen der Investoren und die Erwartungen der Wähler, die wollen, dass es im Hinblick auf Lebensstandard, Einkommensverteilung und sozialer Sicherheit halbwegs gerecht zugeht.“ Legitimation entsteht somit nach Habermas nicht durch Wahlen, sondern durch Eingehen auf die Forderungen des Kapitals. Regierungen, die nicht vor diesen Forderungen einknicken, bestehen bald nicht mehr.

Das Kapital ist jedoch nicht am Fortschritt der Wirtschaft, sondern nur an den Zahlen der eigenen Bilanz interessiert. Wettbewerb ist gut, solange fremde Märkte erobert werden, aber nicht, wenn dies die eigene Profitmarge mindert. Aber genau das ist das Ziel von Marktwirtschaft. Hohe Margen mobilisieren den Erfindungsgeist und fördert langfristig über Preissenkungen den Wohlstand in allen Nationen. Kein anderes System kann das besser. Andererseits sind die Ängste der Industrie berechtigt: „Natürlich sind hundertfach 4 Pence mehr Geld als ein einzelner Schilling, aber was ist, wenn die Profitrate auf Null fällt, der Motor wirtschaftlicher Entfaltung wegfällt und einen „stationären Status“ erzeugt, den die [klassischen] Ökonomen befürchteten.“[3] Dies zu verhindern setzen Personen, die über die erfolgreiche Ausnutzung von Marktnischen reich wurden, ihr Geld politisch ein, diese Nischen vor Wettbewerb zu schützen und neue Nischen zu schaffen. Eine indirekte Demokratie ermöglicht das über Einflussnahme und zerstört die Vorteile der Marktwirtschaft.

Sollte die Attischen Demokratie ein idealtypischer Vorläufer der piratigen Vision von Demokratie sein, so müssten die Probleme gelöst werden, die die attische Demokratie durch interagierende Mechanismen löste: Beamtenpositionen dürfen nicht nach Partei- und Gruppenzugehörigkeit besetzt werden. Die Fristen der Benennung müssen drastisch verkürzt und Einzelentscheidungen durch Gremien ersetzt werden. Alle Amtsinhaber sind jederzeit absetzbar. Viele Positionen werden ehrenamtlich gegen Kostenaufwand besetzt. Gegen Entscheidungen der Verwaltung kann jederzeit vor der digitalen Volksversammlung Einspruch erhoben werden. Je nach Wichtigkeit der Entscheidung ist ein Quorum festgelegt. Keinerlei Sitzung auf keiner Ebene darf geheim sein, es sei denn es werden persönliche Rechte berührt. Demokratie darf keine Aufteilung sein in Regierende und Regierte, jeder Bürger muss mit seiner Stimme so oft wie möglich regieren. „Professionelle“ Entscheidungen ohne Integration des Wissen der Bürger vor Ort, ohne demokratische Kontrolle, sind unprofessionell.

Ein praktischer Anfang: Entscheiden sich die Piraten, die Attischen Demokratie als idealtypisches Vorbild zu sehen, sollten sie in internen Abläufen attische Mechanismen übernehmen. Für geheime Abstimmungen wird jedem Stimmberechtigten eine weiße und und eine schwarze Kugel übergeben. In der Kabine wirft man die weiße in die„Ja“-Urne und die schwarze in die „Nein“-Urne, die andere – weiß oder schwarz – in die Abfallurne. Im Englischen bedeutet „to blackball“ noch immer „gegen etwas zu stimmen“. Die Anzahl der Kugeln in der Stimm-Urne plus den Kugeln der Abfallurne entspricht der Anzahl der Abstimmenden.

Die Mechanismen der Attischen Demokratie zeigen, wie schwierig es ist, eine egalitäre Demokratie mit polarisierten Einkommensverhältnissen zu vereinbaren. Das klassische Athen dient uns als Leuchtturm für eine Demokratie im Sinne dieses Wortes.

  1. Aristoteles, Politics, VI, Part II/1317: The basis of a democratic state is liberty; which, according to the common opinion of men, can only be enjoyed in such a state; this they affirm to be the great end of every democracy. One principle of liberty is for all to rule and be ruled in turn, and indeed democratic justice is the application of numerical not proportionate equality; whence it follows that the majority must be supreme, and that whatever the majority approve must be the end and the just. Every citizen, it is said, must have equality, and therefore in a democracy the poor have more power than the rich, because there are more of them, and the will of the majority is supreme. This, then, is one note of liberty which all democrats affirm to be the principle of their state. Another is that a man should live as he likes. This, they say, is the privilege of a freeman, since, on the other hand, not to live as a man likes is the mark of a slave. This is the second characteristic of democracy, whence has arisen the claim of men to be ruled by none, if possible, or, if this is impossible, to rule and be ruled in turns; and so it contributes to the freedom based upon equality.
  2. Twain, M./Charles D. Warner, The Gilded Age, London:Chatto&Windus, 1897, Introduction
  3. Hobsbawm, .E., Industry and Empire, Harmondsworth: Penguin Books, 1969, p. 76